Hotel Palazzo Grillo in Genua

Fresken und Flatscreens im Palazzo Grillo

Was tun mit dem knapp 500 Jahre alten Palazzo Grillo mitten in der dunklen, engen Altstadt von Genua? Nach langem Leerstand fand sich eine ungewöhnliche Nutzung: Der Umbau zu einem modernen „Museumshotel“ mit Kunstgalerie rettete das Denkmal.

Autor Christian Schönwetter

Mit einem Problem haben viele Kommunen zu kämpfen: Im historischen Zentrum stehen denkmalgeschützte Bauwerke leer und beginnen zu verrotten, während an der Peripherie gesichtslose Vororte immer weiter ins Umland wuchern. Bei den Gebäuden der Altstadt werden bestenfalls noch die Erdgeschosse als Läden genutzt, die Wohngeschosse darüber verwaisen. Touristen schlendern durch enge Gassen und schwärmen von der malerischen Kulisse, doch die Einheimischen bevorzugen ein Leben in modernen Häusern, die mehr Licht, mehr Aussicht und mehr Parkplätze bieten.

Auch Genua kennt dieses Phänomen. Nur wenige Meter vom historischen Hafen entfernt, blieb etwa der Palazzo Grillo über viele Jahre unbewohnt. 1545 als repräsentativer Sitz einer Aristokratenfamilie errichtet, war er immer wieder für andere Zwecke adaptiert, mit zusätzlichen Treppen versehen und in verwinkelte Einheiten aufgeteilt worden. Zuletzt hatte er nur noch als Lager eines Möbelgeschäfts gedient. Weder die bis zu sieben Meter hohen Räume, noch die Wand- und Deckenfresken, die Gio Battista Castello im 16. Jahrhundert geschaffen hatte, kamen auf diese Weise zur Geltung. Dass niemand in den Palazzo Grillo einziehen wollte, ist allerdings ebenfalls verständlich, denn fast alle Fenster sind gen Norden oder in Richtung enger Gassen ausgerichtet, in die sich kaum ein Sonnenstrahl verirrt. Der problematische Standort forderte eine intelligente Lösung, die dem geschichtsträchtigen Gebäude eine neue Aufgabe verleihen sollte.

Unter Fresken schlafen

Wie so oft bei leerstehenden Denkmälern war es die Idee für eine clevere Nutzungsmischung, die einen Neuanfang ermöglichte. Die oberen Stockwerke mit vergleichsweise akzeptabler Tageslichtversorgung belegt heute ein Hotel; darunter, im merklich dunkleren ersten Obergeschoss, fand eine Galerie Platz, die vom städtischen Museum für Zeitgenössische Kunst bespielt wird. Wegen der verschachtelten Gebäudestruktur mit ihren zahlreichen Treppen war es möglich, die Galerie separat mit einem eigenen Eingang von der Straße zu erschließen. Jeden Samstag finden kostenlose Führungen durch die historischen Räume statt. Je nach Ausstellung können die sechs Säle aber auch über das Hotel für Veranstaltungen gebucht werden. Im Erdgeschoss schließlich ist die Einrichtung einer Bar geplant.

Das Vier-Sterne-Haus ist als „Museumshotel“ konzipiert, das heißt, es macht den Gästen die Geschichte des Palazzo Grillo zugänglich und inszeniert die erhaltene Ausstattung, die in Teilen knapp 500 Jahre alt ist. „Jeder Raum hat seine eigene Besonderheit, wodurch ein verlängerter und sehr spezifischer Planungsprozess erforderlich war“, erklärt Joseph Grima, der mit seinem ortsansässigen Büro Space Caviar den Umbau übernahm.

Durch ein schweres, altes Portal gelangt der Gast zur Rezeption im Erdgeschoss. Ein Marmorboden mit schwarzweißem Schachbrettmuster zeugt vom Reichtum des einstigen Erbauers. Um den Blick darauf nicht zu stören, wurde für das Empfangspersonal nicht ein geschlossener Tresen, sondern ein schlanker Tisch frei in die Halle gestellt. Er ist genauso unauffällig gestaltet wie die darüber hängenden minimalistischen Leuchten, die den Fresken an der Gewölbedecke den gestalterischen Vortritt überlassen. So entfalten die Darstellungen der griechischen Mythologie ungehindert ihre Wirkung.

Eine prachtvolle alte Treppe mit schwerer Natursteinbalustrade überspringt die Ausstellungsetage und führt direkt ins zweite Obergeschoss, die Beletage des Palazzos. Hier liegt der prunkvollste Raum des Hauses mit zwei Reihen übereinanderliegender Fenster, mit Stuckfries und mit Wandfresken, die Domenico Piola 1684 schuf. Der Saal wird multifunktional genutzt. Im Alltag dient er als wohnlich eingerichteter Salon, ein zusätzliches Raumangebot, von dem vor allem diejenigen Gäste profitieren, die eines der kleineren Zimmer bezogen haben. Sofas, Sessel und Beistelltische laden zum Entspannen oder Arbeiten ein. Aber auch Interaktionen und das Miteinander sind möglich, wie Joseph Grima betont: „Wir bevorzugen Designelemente wie lange Tische, die spontane Begegnungen mit anderen Reisenden und den Austausch von Erfahrungen erlauben.“ Alle Möbel sind leicht wegzuräumen, wenn der Saal seinem zweiten Zweck dient: ein Konferenz- und Veranstaltungsraum für maximal 65 Personen. Denn das Hotel wendet sich gleichermaßen an Urlaubs- wie Geschäftsreisende.

Neustart mit Strahlkraft

Die Größen der 25 Zimmer variieren zwischen 15 bis 47 m² – je nach vorgefundener Raumkonstellation. Neben dem Salon liegen die Suiten, die sich die Geschosshöhe der Beletage zunutze machen und jeweils mit zusätzlich eingezogener Schlafempore aufwarten. Die Vielfalt ist enorm: Mal liegen uralte Terrakottafliesen am Boden, mal nächtigt man unter einem Freskengewölbe oder einer wuchtigen Holzbalkendecke, mal wurde eine alte Altarnische in die Wand eingelassen. Statt fester Einbauten, stellten die Architekten Möbelsolitäre in die Zimmer, die, ähnlich wie an der Rezeption, den Blick auf die alten Wand-, Boden- und Deckenflächen freigeben. So wurde eigens eine Garderobe entworfen, die bis auf zwei bodennahe Schubladen komplett offen ist. Die Flatscreens sind nicht an die Wand montiert, sondern stehen auf einem Gestell, das mit seinen vier runden, schrägstehenden Beinen durch den Raum zu tanzen scheint. Alles ist leicht und elegant. Anstelle der üblichen Minibar finden sich kleine Kühlschränke im stromlinienförmigen Design der Fünfziger-Jahre.

Der Weg zurück zum Treppenhaus führt durch eine Diele, die einst die Hauskapelle der Familie Grillo war. Dies lässt sich bis heute anhand der Putten erahnen, die Ende des 17. Jahrhunderts auf die Decke gemalt wurden und vom Himmel zu schweben scheinen. Den Blick auf den realen Himmel und echte Kirchen können Gäste dagegen im Dachgeschoss genießen, entweder aus dem Frühstücksraum oder von der Terrasse mit herrlicher Aussicht auf die Glockentürme im Herzen von Genua.

Der Umbau zeigt, wie gut sich Leerstand in verschmähten Altstadtlagen mit einer Umwidmung zu Ferienwohnungen oder Hotels bekämpfen lässt. Ein touristisches Potenzial der Kommune vorausgesetzt, ist ein solcher Ansatz gleich auf mehreren Ebenen erfolgversprechend: Die zentrale Lage lockt Gäste an, während sie für Einwohner eher unattraktiv ist. Monofunktionale Stadtkerne, die nach Geschäftsschluss verwaisen, werden durch die neue Nutzung auch in den Abendstunden belebt. Für Denkmäler besteht die Chance, eine Radikaltransformation mit großen Verlusten an originaler Bausubstanz zu vermeiden. Denn die typischen kleinen Unzulänglichkeiten wie steile Treppen, kleine Fenster oder niedrige Türstürze werden im Urlaub für ein paar Tage toleriert, vielleicht sogar als Erlebnis empfunden, während sie von einem Nutzer, der ein Haus ganzjährig bewohnen will, als unzumutbar betrachtet werden und zu umfangreichen Eingriffen ins Bauwerk führen.

Würden alle Umnutzungen so sorgsam und feinfühlig durchgeführt werden wie im Falle des Palazzo Grillo, kann man sich nur möglichst viele Nachahmer wünschen.


Architekt

Joseph Grima gründete sein Büro Space Caviar im Jahr 2013. Für das Projekt Palazzo Grillo kooperierte er mit der Architektin Giulia Finazzi.

Arbeitsgebiete: Architektur, Design, Forschung

www.spacecaviar.net


Factsheet

Projekt: Hotel Palazzo Grillo

Standort: Genua
Piazza delle Vigne, Italien

Bauherr: A.R.T.E.

Bauaufgabe: Innenausbau

Baubeginn: Januar 2016

Fertigstellung: September 2016

Materialien (Decke, Wand, Boden): Holz- oder Putzdecken (teils mit Fresken); verputze Wände (teilweise mit Fresken); Holz-, Marmor- und Terrakottaböden

Möblierung/Beleuchtung:

‚Eames Plastic Side Chair DSR‘, ‚Fauteuil de Salon‘, ‚Slow Chair‘,

alles Vitra; ‚AAC chair‘ von Hay; speziell angefertigte Garderoben; Zimmerkühlschrank ‚FAB10R0‘ von Smeg; Rezeptionsleuchte ‚Wireflow‘, Foyer-Leuchte ‚North‘, ‚Skan‘-Leuchte im Speisesaal, alles Vibia


The Palazzo Grillo Hotel in Genoa

Frescoes and flat screens

Author Christian Schönwetter
What is to be done with an almost 500-year old palazzo bang in the middle of the dark and narrow old town of Genoa? After lying empty for a long time an unusual use was found for the building. The conversion into a modern “museum hotel” with art gallery saved the monument.

Many municipalities are confronted with one big problem. Their historical centers feature listed buildings that are vacant and beginning to decay while on the periphery faceless suburbs are increasingly proliferating into the surroundings. In the old-town buildings, the first floors are used as shops at best, but the residential floors above are deserted. Tourists strolling through the narrow alleys love the picturesque scenery, but the locals prefer living in modern buildings offering more light, more views and more parking space.

Genoa, too, is aware of this phenomenon. Just a few meters away from the historical harbor, Palazzo Grillo stayed vacant for many years.

It was built by an aristocratic family as an imposing residence in 1545, repeatedly adapted later on for other uses, equipped with additional staircases and subdivided into narrow, winding units.

In the end it had served only as the warehouse of a furniture shop. Neither the up to six meter high rooms nor the frescoes on walls and ceilings created by Gio Battista Castello in the 16th century were shown to advantage by the use to which the rooms had been put. It can, however, be easily understood that nobody wanted to move into the Palazzo, seeing that almost all windows face the north or very narrow alleys that rarely get the sunlight at all. This problematic location called for an intelligent solution that had to repurpose this building steeped in history.

Sleeping beneath frescoes

As is often the case with vacant monuments, the new start was enabled by promoting a clever mix of uses. Today, the upper levels, providing an adequate supply of daylight, are occupied by a hotel; the level below, the noticeably darker second floor, now hosts a gallery managed by the municipal museum of contemporary art. The convoluted structure of the building with its many staircases enabled a separate access to the gallery complete with its own entrance at street level. Every Saturday free guided tours through the historical rooms are being held. Depending on the kind of exhibition, the six large halls can also be booked for events via the hotel. In addition a bar is to be set up on ground level.

The four-star hotel is conceived as a “museum hotel”, which means that it makes the Palazzo’s history accessible to the guests, and it provides the setting for the preserved furnishings, of which some pieces are almost 500 years old. “Each room has something special; that is why a prolonged and very specific planning process was necessary”, explains Joseph Grima who, together with his Space Caviar studio, accepted the task of converting the building.

Guests reach the reception on the ground level via a heavy ancient portal. The marble floor with its black-and-white chessboard pattern reflects the wealth of the erstwhile builder-owner. The reception staff were not hidden behind a closed counter but put at a slender table freely positioned in the hall in order not to obstruct the view of the floor. This table is just as inconspicuous as the minimalist pendant lamps fixed above it, which bring out the frescoes on the vaulted ceiling. In this way the pictorial representations of Greek mythology are given full and unobstructed effect.

Magnificent old stairs with a heavy natural-stone balustrade pass over the exhibition level and directly lead to the second level above, the Palazzo‘s bel etage. This is where the most pompous room of the building is situated. It has two rows of windows on top of each other and is decorated with a stucco frieze and wall frescoes created by Domenico Piola in 1684. This hall is used for many functions. In daily life it is a cozily furnished salon, an additional space which most of all those guests will appreciate who are accommodated in one of the smaller rooms. Sofas, easy chairs and occasional tables invite you to linger or put in a spot of work. But various interactions and togetherness are possible as well. Grima emphasizes: „We prefer, for instance, long tables as design elements. They permit spontaneous encounters with other hotel guests and exchange of experiences.“ All furnishings can be easily cleared away making the hall available for its second use as a conference and event space for up to 65 persons, seeing that the hotel’s target groups are both holidaymakers and business travelers.

A new beginning with charisma

The 25 rooms vary in size between 15 and 47 m², depending on the existing room configuration. Adjacent to the salon are the suites, using the storey height of the bel etage that permits an additional mezzanine sleeping gallery. The variety is enormous. You may encounter ancient terracotta tiles on the floor, or you may spend the night beneath a frescoed vault or a weighty wood-beamed ceiling, or you will be confronted with an old apse embedded in the wall. Instead of fitted furniture, the architects placed solitary furniture elements in the rooms permitting a view of the old wall, floor and ceiling surfaces, similar to the situation in the reception area. This entailed the creation of a special wardrobe, which is completely open except for two drawers near the floor. The flat-screen TVs have not been mounted on the wall but placed on a rack that seems to dance through space on four round slanting legs. Everything looks light and elegant. Instead of the usual minibar, there are small streamlined refrigerators in a 1950s design.

On the way back to the staircase guests pass through a hall that was formerly used as private chapel by the Grillo family. The cherubs bear witness to this function right through to the present day. They were painted on the ceiling at the end of the 15th century and seem to float down from the sky. In contrast, guests can catch and enjoy a glimpse of the real sky and real churches from the top floor, either from the breakfast room or from the terrace that offers a magnificent view of the bell towers in the heart of Genoa.

The conversion demonstrates how less buildings in old-town locations which are looked down on can be left unused by rededicating and converting them to holiday homes or hotels. If a municipality has potential to attract tourists, an approach such as this will be promising in various respects: The central location attracts guests while it is rather unattractive for the locals. Monofunctional city centers, which are deserted after business hours, will be heaving in the late evening as well thanks to the new uses. Monuments have the opportunity to avoid radical transformation in the course of which they would suffer big losses in their original historic structure. The typical little shortcomings like steep stairs, small windows or low lintels will be tolerated during holidays for a few days and even be perceived as adventurous, whereas users who have to live in such houses all year wound will regard them as intolerable and will alter the building structure extensively.

Provided that all conversions are carried out so conscientiously and sensitively as in the case of Palazzo Grillo we can only wish for as many similar projects as possible.

Architect

Joseph Grima founded his Space Caviar studio in 2013. For the Palazzo Grillo project he co-operated with architect Giulia Finazzi.
Work areas: architecture, design, research
www.spacecaviar.net

Fact sheet

Project: Hotel Palazzo Grillo

Location: Genoa, Piazza delle Vigne, Italy

Client: A.R.T.E.

Task: Interior design

Start of construction: January 2016

Completion: September 2016

Materials (ceiling, wall, floor): Wood or plaster ceilings (with frescoes in part), plastered walls (with frescoes in part); floors of wood, marble and terracotta

Furnishings/lighting: ‘Eames Plastic Side Chair DSR‘, ‚Fauteuil de Salon‘, ‘Slow Chair‘, all by Vitra; ‘AAC chair‘ by Hay; custom-made wardrobes, ‘FAB10R0‘ room refrigerator by Smeg; ‘Wireflow‘ lamp in the reception, ‘North’ lamp in the foyer, ‘Skan’ lamp in the dining room, all by Vibia

Shades of Black – The Krane