Bürokonzept in Montréal/Kanada

Lightspeed – Zurück in die Zukunft

Eine Zeitreise in Vergangenheit und Zukunft ist das Projekt Lightspeed des Architektenteams ACDF Architecture aus Montréal. Das außergewöhnliche architektonische Konzept vereint historische Substanz und zeitgenössische Bürokultur.

Den Glanz der früheren Zeiten beschwört das 1898 im Zentrum von Montréal errichtete Gebäude des Viger Bahnhofs und Hotels, das mit seinen Türmen und Zinnen von außen einem Schlösschen gleicht. Seit dem Beginn der großen Depression in den 1930er-Jahren wurde es allerdings zunehmend vernachlässigt und dem Verfall preisgegeben. 2015 wurde das Objekt zum Firmensitz des 2005 in Montréal gegründeten Softwareunternehmens Lightspeed.

Als Start-up begonnen, entwickelte sich das kanadische Team in kurzer Zeit zum globalen Player für zukunftsorientierte Produkte im Onlinehandel. Die Konversion der oberen Stockwerke des Bestands in eine zeitgemäße Arbeitsumgebung nahmen sich ACDF Architekten 2016 in einem ersten Bauabschnitt vor. Sie legten alte Strukturen frei, erhielten sie so weit wie möglich und grenzten die neuen Additionen als räumliche Implantate in einem offenen Grundriss formal und farblich klar ab.

Dualität der Gegensätze

Diesem Umbau folgte 2017 eine zweite Phase, in der das Erdgeschoss des ehemaligen Bahnhofs zum „Research & Development“-Bereich der Firma Lightspeed ausgebaut wurde. Inspiriert von der Spannung zwischen der stetig wachsenden Tech-Company und dem historischen Gebäude schufen die Architekten einen lebendigen, offenen Raum, der der kreativen Natur der Arbeit entgegenkommt.

Zusammenarbeit und Selbstorganisation werden von der Firma gefördert: Jede Projektgruppe arbeitet als eigene Einheit, vergleichbar mit einem internen Start-up. Die Mitarbeiter haben die Möglichkeit, den Raum an ihre Bedürfnisse angepasst zu nutzen.

So hat jedes der Teams von Lightspeed eine eigene Zone mit Arbeitstischen und einem Besprechungsraum innerhalb des offenen Grundrisses. Unterschiedliche Pastelltöne definieren diese Zonen. Die Farbflächen fallen wie Schatten über Böden und Wände und schaffen neue räumliche Zusammenhänge im Dialog mit der alten Substanz.

Zwischen den farbigen Inseln entstehen Bereiche, die Möglichkeiten für Austausch, Zusammenkünfte und Präsentationen bieten. Die Pastellwände fungieren dabei als beschreibbare Flächen für Zeichnungen und Notizen.

Die Farbflächen der Böden sind als Epoxydbeschichtungen hergestellt, die Wände hochglänzend lackiert. Sie reflektieren spiegelnd das durch die hohen Fenster einfallende Tageslicht. Auch eingezogene Glaswände und die glatte Gipsdecke spielen mit dem Licht. Auf Leuchten als Objekte wurde zugunsten eines ruhigen und minimalistischen Raumeindrucks verzichtet. Die künstliche Beleuchtung erfolgt ausschließlich über flächenbündige Einbaustrahler in der Decke.

Die über hundert Jahre alten Backstein- und Natursteinwände des Gebäudes wurden so weit wie möglich erhalten, gesäubert und nur mit einer leichten Versiegelung versehen. Ursprüngliche Verzierungen und Ornamente sind nicht mehr erhalten, doch vermittelt die Deckenhöhe von 5 m noch immer die Erhabenheit der alten Hallen.

Die räumlich erfahrbare Dualität zwischen den von den Spuren der Zeit gezeichneten Steinen und den farbigen Geometrien übersetzt die Dynamik des Unternehmens und verankert es auf selbstverständliche Weise in Geschichte und Gegenwart.

Das pastellfarbene Farbspektrum ist so gewählt, dass es die Bestandsmaterialien in Szene setzt und nicht mit ihnen konkurriert. Diese Atmosphäre schafft ein offenes und entspanntes Arbeitsumfeld für die bis zu 120 Lightspeed-Mitarbeiter.

Mit minimalen Eingriffen und einem überschaubaren Budget haben die Architekten durch das klare Konzept und die gezielten Interventionen das alte Gebäude zu neuem Leben erweckt. Es begibt sich baulich und inhaltlich auf eine spannende Reise in die Zukunft.

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Factsheet

Projekt: Lightspeed

Standort: 700 Rue Saint Antoine E, Montréal, QC H2Y 1A6 / CDN

Architekturbüro: ACDF Architecture, www.acdf.ca

Bauherr: Lightspeed POS

Bauaufgabe: Bürogebäude

Fertigstellung: April 2017

Konstruktionszeitraum: 3 Monate

Nutzfläche: 1040 m²

Materialien (Decke, Wand, Boden):

Epoxyböden: Sika; Teppiche: Shaw, Tandus; Wände: Sico Paints; Glastrennwände: Vitrerie Parr; Keramikfliesen: Stonetile, Ciot; Decke: Gips; Oberflächen: Formica, Abet; Laminati, Fenix NTM

Möblierung/Beleuchtung:

Tische: Pedrali; Konferenztische, -stühle: Reside Haworth; Stühle: Volt; Akustikelemente: Armstrong

Beleuchtung: Liteline, Contech Lighting, Pioneer Lighting


Autorin Christiane Sauer

Die Architektin und Materialspezialistin lehrt als Professorin für Textil- und Flächendesign an der Weissensee Kunsthochschule Berlin. www.formade.com www.luelingsauer.com