Neue Materialien 43

Keramikinnovationen

Ein alter Werkstoff wird neu entdeckt

Christiane Sauer

Die natürlichen Zutaten Ton, Lehm und Wasser sind die Grundstoffe für Keramik. Schon vor tausenden von Jahren wurden aus diesen Bestandteilen Gefäße und Bausteine gefertigt. Heute ist Keramik als Material im Innenraum, aber auch als Fassadenverkleidung aus dem Gestaltungsrepertoire nicht mehr wegzudenken. In den vergangenen Jahren erlebte der Werkstoff einen neuen Aufschwung. Designer und Architekten beginnen, das Material mit innovativen Fertigungsmethoden zu bearbeiten und mit seinen technischen und skulpturalen Eigenschaften zu experimentieren.
Dem gestalterischen Experiment verschrieben hat sich das European Ceramic Work Center (.ekwc) mit Sitz in Holland, das die Möglichkeiten des Materials jenseits der Standard-Fliese untersucht. Renommierte Künstler und Architekten entwickeln als artists-in-residence in diesem Kompetenzzentrum für Keramik innovative Konzepte und Prototypen.
Designerin Gonnette Smits des Utrechter Designbüros Muurbloem recherchierte im Rahmen des .ekwc-Programms neue Formen haptischer Oberflächen und entwickelte ‚Knitted Walls‘ – gestrickte Wände. Diese Keramiken fungieren als Wandbekleidung ganz im Sinne des Wortes. Heraus kam eine gestrickte Gebäudehülle mit poetischem Effekt. Das Gebäude kann gleichsam einen “Pullover” überziehen, der das Innere schützt. Je nach Farbe und Strickmuster lassen sich unterschiedliche Assoziationen erzeugen.
Einen ähnlichen ornamentalen, dreidimensionalen Ansatz, allerdings ergänzt durch neueste Computertechnologie, verfolgte der New Yorker Architekt Evan Douglis. Er setzt sich mit computergenerierten, frei fließende Formen auseinander und übertrug seine Bildsprache auf das Material Keramik. Es entstand ‚flORA-flex‘ als ein variabler Baustein, der vielfältige räumliche Formen annehmen kann. Die Wahrnehmung von Transparenz und Massivität einer Wand wird durch die Ausbildung der Module beeinflusst. Um die komplexen Formen zu realisieren, testete er zunächst computergenerierte Modelle mittels eines 3D-Druckers. Die endgültigen Digitaldateien steuerten dann CNC- Fräsen, die Rohformen für das Schlickergussverfahren der komplexen Geometrien erstellten. Bei diesem Gussverfahren wird mit Wasser verdünnter Ton (Schlicker) in Gipsformen gegossen und getrocknet. Sobald die an der Rohform anliegende Tonschicht ausreichend gehärtet ist, wird der überflüssige Schlicker abgegossen und das Endprodukt kann gebrannt werden. Viele Versuche, die richtige Brenntemperatur und die exakte Tonmischung für die Objekte zu finden, wurden unternommen, um das endgültige Resultat zu erzielen. Das traditionelle Material wurde so zum Bestandteil einer zeitgemäßen, digitalen Formensprache.
Ein keramisches Fassadenverkleidungssystem entwickelten der Architekt David Celento und der Künstler Del Harrow im Rahmen einer „combined residency“, die den Austausch zwischen beiden Disziplinen fördern soll. Auf Grundlage mathematischer, computergenerierter Formsysteme generierten sie fünf unterschiedliche zusammensetzbare Relief-Kacheln. Inspiration waren hierfür die Geometrien islamischer Muster, die zunächst aus Schaumstoff CNC-gefräst und dann ausgegossen wurden. Das Resultat ist eine Fassadenbekleidung, die in Musterung und Farbgebung variiert werden kann.
Eher ungewöhnlich ist die Assoziation eines akustischen Elementes mit Keramik. Die ‚Whispering Walls‘ des Künstler/Architekten-Duos Pierluigi Pompei und Kees Spanjers, die sich beide in ihrer Arbeit mit Klang und Raum beschäftigen, werden allerdings nicht zur Schalldämpfung, sondern zu seiner Verstärkung eingesetzt: Die Wand mit integrierten trichterförmigen Keramikelementen ermöglicht es, Geräusche von einer zur anderen Seite der Wand zu übertragen und zu verstärken. Wie Erweiterungen einer Ohrmuschel sitzen die Elemente in der Wand und laden zum Lauschen ein.
Durch innovative Herstellungstechnologien und Entwurfskonzepte wie diese erlangt der traditionelle Werkstoff Keramik heute wieder eine richtungweisende Stellung in der Entwicklung von zeitgemäßen Designs. Die bekannten haptischen und optischen Qualitäten werden dabei in neue Form gebracht – gerade das macht die Faszination dieser Projekte aus.

Kontakt:
Muurbloem®
Draaiweg 51
3515 EJ Utrecht
The Netherlands
www.muurbloem.com

ekwc European Ceramic Workcenter
Zuid-Willemsvaart 215
5211 SG ‘s-Hertogenbosch
The Netherlands
www.ekwc.nl