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Lehmbaumodul 'Afrikataterre' schafft nachhaltigen Wohnraum

Lehmbaumodul 'Afrikataterre' schafft nachhaltigen Wohnraum
Lokal und nachhaltig

Afrikaterre ist ein Prototyp aus Lehmbaumodulen, den Studierende der TH Lübeck für einen Wettbewerb in Ben Guerir in Marokko errichteten. Beim Solar Decathlon messen sich seit dem Jahr 2002 Studierendenteams auf der ganzen Welt im Bauen nachhaltiger und zukunftsweisender Gebäude.

Kritik: Thomas Geuder

Beim Solar Decathlon, der als studentischer Architekturwettbewerb in den USA begonnen hat, ging es anfangs darum zu zeigen, was Solararchitektur mit Photovoltaik leisten kann. Seitdem hat sich das Konzept zunächst nach Europa (seit 2010) und schließlich in die ganze Welt verbreitet. Die erste afrikanische Ausgabe fand 2019 statt; auch ein interdisziplinäres Team unter Beteiligung der TH Lübeck nahm teil. Ihr Konzept Afrikataterre sucht eine Antwort auf globale Fragen des Wohnens und Bauens der Zukunft unter Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten. 

Mittlerweile gibt es den solaren Zehnkampf auch in China (seit 2013), im Mittleren Osten (seit 2018) und in Lateinamerika mit Karibik (seit 2019). In Afrika wurde der Wettbewerb 2017 zum ersten Mal ausgelobt und 2019 ausgerichtet, mit ähnlichem Konzept: Teams aus Studierenden, idealerweise mehrerer Hochschulen und Disziplinen, müssen ein Haus entwerfen und selbst bauen, dessen Energiebedarf durch den Energieeintrag der Sonne gedeckt wird. Dabei messen sich die Mannschaften in – der Name verrät es bereits – zehn Disziplinen, die im Grunde die wichtigsten Aspekte des Bauens abdecken: von der Architektur und der Ingenieursleistung über die Nachhaltigkeit und Innovation bis zur Wirtschaftlichkeit und sozialen Bedeutung.

Afrika, Dein Land

Einzige teilnehmende deutsche Hochschule in Afrika war die Technische Hochschule Lübeck, die zusammen mit Teams aus Marokko, Senegal, Italien und Frankreich das Projekt ‚Afrikataterre‘ realisierte. Bereits der Projektname steckt voller Ideen: ‚Afrikataterre‘ ist ein Wortspiel, in dem sich zunächst das Wort Afrika in bewusst deutscher Schreibweise versteckt. Außerdem verbirgt sich darin ‚tata‘ aus der marrokanischen Berbersprache und ‚Katatar‘ aus der Wolofsprache im Senegal, was beides ‚Chamäleon‘ bedeutet. ‚Afrika, deine Erde‘ heißt übersetzt auf Französisch: Africa, ta terre. So baute bereits der Projektname eine Brücke zwischen allen Projektbeteiligten. Das Chamäleon steht für eine hochgradige Anpassungsfähigkeit und war deshalb das ideale Maskottchen für Afrikataterre.

Prototyp aus Lehmbaumodulen

Konkret bestand die Aufgabe darin, ein solarbetriebenes und energieeffizientes Haus für eine fünfköpfige Familie zu entwickeln, das im September 2019 in Ben Guerir, Marokko, innerhalb von drei Wochen erbaut werden sollte. Zwei große Themen, die die Baubranche in Afrika, aber auch auf der ganzen Welt beschäftigt, waren die Haupttriebfedern für die Studierenden: Das Gebäude sollte unter Nachhaltigkeitsaspekten entwickelt werden und sich gleichzeitig an den Anforderungen des ständig wachsenden Wohnraumbedarfs orientieren. Denn auf dem afrikanischen Kontinent herrscht ein starkes Bevölkerungswachstum.

Es wird erwartet, dass bis 2050 13 der 20 weltweit größten Metropolen hier sein werden. So ging es dem Projektteam darum, konstruktive Lösungen vorzuschlagen, die auch im großen Maßstab realisierbar und dabei möglichst klimaneutral sind. Zum selbst gesteckten Ziel gehörte zudem, die Grundsätze der Nachhaltigkeit im Bezug auf Ökologie, Ökonomie und Soziales einfließen zu lassen und sich dabei an den 17 Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung, den ‚Sustainable Development Goals‘ (SDG), zu orientieren.

Dreischiffiger Grundriss

Entsprechend entwarfen die Studierenden ein Wohnmodul mit rund 65 m² Nutzfläche, das sich multipliziert und gruppiert zu einem vierstöckigen Gebäudekomplex aus Lehmbaumodulen zusammenfügen lässt. In Ben Guerir bauten sie dann beispielhaft eines der Module auf. Um dieses Appartement nachhaltig und suffizient nutzen zu können, ist es flexibel an klimatische Bedingungen und die Nutzerbedürfnisse anpassbar. Die statisch wirksame Tragstruktur im Innenraum haben die Studierenden minimal gehalten, um die Raumaufteilung möglichst flexibel gestalten zu können. Im Prinzip besitzt der Grundriss einen dreischiffigen Aufbau mit dem zentralen, stützenfreien Wohnraum samt Loggia und dem Technik- beziehungsweise dem Multifunktionsmodul im Mittelschiff sowie dem Eingang in den Seitenschiffen.

Flexibler Innenraum

Das Technikmodul ist ein fester Teil im Grundriss, bestehend aus dem Technikraum, der Küchenzeile und dem Bad plus bei Bedarf einem separaten WC. Ihm gegenüber liegen flexibel nutzbare Räume, deren Wände teilweise adaptier- und verschiebbar sind. Das erste Zimmer ist durch eine feste Wand klar definiert und verfügt über ein Doppelbett, das hochgeklappt werden und dann als Schreibtisch genutzt werden kann. So wird aus dem Schlaf- ein Arbeitszimmer. Die Wand zwischen dem mittleren und dem dritten Zimmer ist versetzbar. So können die Bewohner entweder einen großen Wohnbereich oder zwei Zimmer konfigurieren. Bis zu fünf Personen hätten so einen Übernachtungsplatz. Die Mehrfachnutzung der Flächen spart Platz und geht sinnvoll mit dem Raum um.

Selfietime

Lokale Materialien, effiziente Technik

Einen lokalen Bezug haben die Studierenden bei der Materialität hergestellt. Das gesamte Gebäude besteht aus Rohstoffen aus der Umgebung: Die Tragkonstruktion ist aus Holz, die Wände aus insgesamt 75 bis zu 1,6 t schweren Stampflehmblöcken. Die Lehmbaumodule mussten kurzerhand selbst hergestellt werden, weil sie nicht geliefert wurden. Das sei eine gute Vorbereitung auf die Baustellenpraxis gewesen, berichtet Prof. Heiner Lippe, Prodekan an der TH Lübeck und Projektkoordinator.

Die Attika besteht aus Lehmziegeln, die die Nachwuchsarchitekten vor Ort erwarben. Ein wichtiger Punkt war auch die (Be-)Lüftung der Innenräume, die das Team mit einer althergebrachten, umweltfreundlichen und kostengünstigen Methode löste: Mittels einer adiabaten, also Verdunstungskühlung wird einströmende Luft zunächst durch Wärmeentzug abgekühlt, ehe sie dann von der Thermik angetrieben wieder hinausströmt. Das System funktioniert unabhängig von Windstärke und Sonneneinstrahlung.

Essenz des Baumeisterlichen

Das Afrikataterre-Team war interdisziplinär und international besetzt, mit Studierenden der Fachrichtungen Architektur, Städtebau, Energie, Ingenieurwesen, Informatik, Design und Musik. Allein das kann bereits eine Antwort darauf sein, wie Bauen künftig anders und besser funktionieren kann. Traditionelle Bauweisen wie die Verwendung von Lehmbaumodulen in Verbindung mit moderner Technik ermöglichen Lösungen, die natürliche und die bebaute Umwelt in Einklang zu bringen. „Hier findet sich die Essenz des Baumeisterlichen, des Grundgedankens interdisziplinärer Zusammenarbeit“, resümiert Prof. Lippe. Nicht ohne Grund hat Afrikataterre den ersten Platz in der Kategorie ‚Architecture‘ und den zweiten in ‚Sustainability‘ gemacht, was in der Gesamtwertung immerhin für einen achten Platz reichte.

Für das Projekt gewannen die Studierenden den aed neuland 2021 Preis in Gold.


Fakten

Projekt: Interdisziplinäres Studienprojekt – nachhaltiger Wohnraum aus Lehmbaumodulen
Standort: Solar Village, Ben Guerir, Marokko
Wettbewerb: Solar Decathlon Africa 2019
Architekten: Studierende der Technischen Hochschule Lübeck (THL), der Université Internationale de Rabat (UIR) und der Academic Institutions of Dakar unter Betreuung von Prof. Arch. DPLG CEAA Heiner Lippe, Prof. Dr. Imane Bennani und Prof. Mbacké Niang
Projektverantwortliche Studenten: Annika Uven, Urs Seel, Inken Bork, Jan Hendrik Wehner, Kevin Sell, Yasser Chabaa, Marouane Witam, Myriam EL Yassini, Saad Kerrouri und Mohamed Karim Fennichs
Kunst am Bau: Stefan Teichmann – Tonkunst
Fläche: BGF: 108 m²; BRI: 430 m³
Projektkosten: 500 000 Euro
Bauzeit: August 2019 bis September 2019
Beteiligte Firmen: Strabag AG, Wien, www.strabag.de; Almaden Morocco, Al Hoceïma, www.almaden.ma; Geberit AG, Jona, www.geberit.com; Tece GmbH, Emsdetten, www.tece.com
Fotos: Team Afrikataterre


Thomas Geuder

1971 geboren in Heidelberg. 1996-2002 Architekturstudium an der TH Karlsruhe. Freischaffender Fachjournalist für nationale und internationale Fachverlage. 2011 gründete er sein eigenes Unternehmen Der Raumjournalist und betreibt das Stuttgarter Architekturforum Die Raumgalerie.

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