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Offenes Wohnen in Portugal in der Casa do Monte

Casa do Monte – Gebäude in Lissabon/Portugal
Offenes Wohnen

Marmor und nackter Beton bilden einen ungewöhnlichen Kontrast. Die Architekten Leopold Banchini und Daniel Zamarbide schufen auf kleinem Grundriss mit gebäudehohen Lufträumen Großzügigkeit. Offenes Wohnen also. Eine Wendeltreppe verbindet die Ebenen.

Autor Rolf Mauer

Der Marmor in der Casa do Monte in der portugiesischen Metropole wirkt im gleichmäßigen Grau des verwendeten Sichtbetons merkwürdig deplatziert. Denn eigentlich macht die großartige Kulisse und die Aussicht über die Stadt diesen auffälligen Materialkontrast überflüssig.

Lissabon ist einer der schönsten Orte Portugals und doch gibt es in der Hauptstadt problematische Stadtteile mit vielen verlassenen Hausruinen. Das trifft auch auf das Viertel rund um den Miradouro da Nossa Senhora do Monte zu. Vom höchstgelegenen Aussichtspunkt hat man einen grandiosen Blick über die Altstadt.

Großzügig: Gefühl der Weite

In der Nähe lockt die 1147 von Augustinern gegründete und nach dem Erdbeben von 1755 wieder aufgebaute Kapelle Nossa Senhora do Monte. Das Quartier, das seinerzeit um die Kapelle herum gebaut wurde, ist nur über schmale Treppen und ebenso schmale Straßen erreichbar.

Wer bis vor Kurzem die steile Treppenanlage Escadinhas Damasceno Monteiro hinaufstieg, dem stellte sich ein kleines Haus in den Weg. Es verfiel langsam und kaum beachtet, bis schließlich nurmehr eine Ruine und ein Häufchen Schutt auf den Fundamenten übrig blieben.

Bemerkenswert, dass ein Team um Leopold Banchini Architects und Daniel Zamarbide so viel Mut bewies, an diesem Standort einen Neubau auf alten Fundamenten zu planen. Sie verwirklichten offenes Wohnen.

Den gleichmäßigen Rhythmus der historischen Öffnungen in der weißen Fassade des Vorgängerbaus wollten die Planer beibehalten.

Offenes Wohnen
Die Stahlwendeltreppe in der Casa do Monte führt von der Ebene 0 bis zur Dachterrasse. Lufträume und große Fenster bringen von oben Tageslicht auch in dunklere Zonen. Foto: Dylan Perrenoud

Gleichwohl gestalteten sie die Innenräume so, dass durch das teilweise Öffnen der Decken optisch größere Volumina entstanden, in denen Licht und Ausblicke spielerische Wirkungen entfalten. Außerdem gelangt über die „ausgeschnittenen“ Lufträume mehr Tageslicht von den darüber liegenden Fenstern in die Gebäudeebene 0, die wegen der Hanglage nicht von allen Seiten gleich stark belichtet ist.

Die hohen Raumanteile nehmen dem schmalen Haus die Enge, führen zu einem fließenden, großzügigen Raumgefühl und erleichtern die Kommu-
nikation zwischen den Etagen.

Wenn die Bewohner sich mehr Privatheit wünschen, können sie die offene Atmosphäre des Gebäudes, das offenes Wohnen verkörpert, durch Holzschiebetüren und Textilvorhänge einschränken.

Wirtschaftlichkeit

Das Haus ist wirtschaftlich geplant und ausgeführt. Es kamen Materialien zum Einsatz, die sich für den Transport auf die schwer zugängliche Baustelle eigneten. Die Decken und Wandscheiben aus Beton sind innen sichtbar belassen.

Auch wenn ich eingangs auf den merkwürdigen Kontrast verwiesen habe – der rosafarbene Marmor aus dem nahen Steinbruch von Estremoz erzeugt einen besonderen optischen Reiz im Innenraum.

Offenes Wohnen
Einblick in die alkovenähnliche Schlafkoje. Die Schiebetüren verschwinden zwischen zwei Natursteinplatten. Foto: Leopold Banchini

Große Marmorplatten bilden die Wände und Böden der eingestellten, freitragenden Kojen sowie Regale. Dabei sind die Details auf ein Minimum reduziert.

Hätten die beiden Architekten auf die Marmorelemente verzichtet, würde das schmale Haus weitaus puristischer und damit vielleicht ausdrucksstärker wirken.

Dagegen stören die leichten Textilvorhänge den Gesamteindruck nicht. Sie dienen der visuellen Separierung und vermitteln etwas Intimität im Inneren des Gebäudes. Zum Einsatz kommen sie in jedem Stockwerk.

Der zentrale Kern erfüllt die elementaren Bedürfnisse der Bewohner. Auf der zweiten und der dritten Ebene befindet sich jeweils eine Koje mit getrenntem Schlaf- und Sanitärbereich, auf der Ebene 0 steht ein Küchenkern mit Kaminöffnung.

Die Bauherren sparten allerdings bei den Ausgaben für die Küchenmöblierung. Sie stammt von Ikea, das seine Selbstbaukonstruktionen auch nach Portugal liefert.

Offenes Wohnen: Große fließende Flächen umgeben die Kerne. Sie vermeiden aber Raumtrennungen und ermöglichen dadurch eine vielseitige und modulierende Nutzung.

Große Schiebetüren aus Holz erlauben es hier, die Volumina temporär zu trennen, zum Beispiel für geschlossene Schlafzimmer. Der in den geschwungenen Marmor eingebaute Kamin in der Ebene 0 erwärmt den massiven Kern bis zur Ebene 2.

Offenes Wohnen

Eine zarte, blau lackierte Wendeltreppe verbindet die Ebenen und führt bis zur Dachterrasse. Dort, umgeben vom blauen Wasser des Pools, bietet sich von der Dachfläche aus weißem Marmor ein Panoramablick auf das scheinbar endlose Stadtbild.

Die drei kleinen Pinien auf dem Dach, die Bezug nehmen auf die von den Mönchen der benachbarten Kapelle von Nossa Senhora do Monte gepflanzten alten Bäume, spenden zwar in den heißen Stunden des Tages kaum Schatten, sind aber schön anzuschauen.

Der Innenhof des Casa do Monto mit portugiesischen Azulejos. Foto: Leopold Banchini

Auf der unteren Ebene des Gebäudes eröffnet ein geschlossener, schattiger Patio einen farbenfrohen, mit vielen Pflanzen bestückten Außenraum, der sich zum Himmel über Lissabon öffnet. Auch er vermittelt offenes Wohnen.

Lokal hergestellte, traditionelle Azulejos bedecken die Wände des Innenhofs. Die quadratischen, bunt bemalten und glasierten Keramikfliesen sind typisch für Portugal. Sie sind teilweise auch an den Fassaden entlang der Treppe Escadinhas Damasceno Monteiro zu finden.

Graffiti an den Fassaden

Gleichwohl hinterlässt die örtliche Subkultur, die sich in der freien Verteilung bunter Graffiti ausdrückt, ihre Spuren. Sie ver(un)zieren die Fassaden entlang der historischen Treppe von unten bis ganz oben.

Davon blieb auch das neue Haus nicht verschont. Das tut ein bisschen weh, ist aber wohl das übliche kulturelle Wehleiden einer Generation, die noch Fassaden ohne Sprühdosenlackgemälde kennt.


Leopold Banchini

leitet sein Büro Leopold Banchini Architects in Genf seit 2016. Dort betrieb er zuvor mit Daniel Zamarbide das Bureau A. Das Lissaboner Gebäude entstand als gemeinschaftliches Projekt der beiden Architekten. Portrait: Camille Zakharia


Factsheet

Projekt: Wohngebäude
Standort: Tv. das Terras do Monte, Lissabon/P
Bauherr: privat
Architekten: Leopold Banchini, Daniel Zamarbide
Fertigstellung: 2019
Geschosse: 4, inklusive Dachterrasse
Nutzfläche: 105 m²
Materialien: Sichtbeton, rosafarbener Marmor aus Estremoz, Holzschiebetüren
und Textilvorhänge; Küche von Ikea

Zum Interview mit Leopold Banchini
Webseite von Leopold Banchini
Homepage von Daniel Zamarbide
Weiteres Wohnprojekt auf md-mag.com


Casa do Monte – residential development in Lisbon/Portugal

Staircase

Marble and exposed concrete form a strange contrast. Architects Leopold Banchini and Daniel Zamarbide created ample space on a small footprint thanks to some airy spaces as tall as the building itself. Floors are connected by a spiral staircase.

Author: Rolf Mauer

The marble in Casa do Monte in the Portuguese capital seems strangely out of place within the even gray tones of the applied, exposed concrete.

But we will get back to that later. In actual fact, the stunning setting and the view across the city renders this striking material contrast insignificant.

Despite Lisbon being one of the most beautiful places in Portugal, the city, like many others, is also struggling with problematic areas featuring a host of derelict buildings.

For instance the quarter surrounding Miradouro da Nossa Senhora do Monte. From the quarter‘s highest viewpoint you have anoutstanding view of the old town.

Feeling of expanse

Close by Nossa Senhora do Monte chapel, established in 1147 by Augustinian monks and rebuilt in 1755 following an earthquake, is one of the most popular, local sights. The quarter surrounding the chapel is exclusively accessible via narrow steps and tight roads.

For many years, anyone who had climbed the steep Escadinhas Damasceno Monteiro stairs in the past would have struggled to overlook this one small building. It slowly decayed and no one ever really paid any attention to it until merely a ruin and a pile of rubble remained on its foundations.

However, a team surrounding Leopold Banchini Architects and Daniel Zamarbide showed the courage to plan a new development on the old foundations at this site. Planners aimed at recreating the even pattern in the historic openings of the previous building‘s white facade.

At the same time, they designed the interior to create visually ample spaces by opening up parts of the ceiling to stage incoming light and views of the surroundings in a playful way.

A further effect of these airy spaces is that more daylight penetrates the ground floor of the building through the windows above, considering this area is not evenly bathed in daylight as a result of the site‘s location on a slope.

These high ceilings strip the development of this feeling of closeness, lead to a flowing, ample feeling of space and facilitate communication between floors.

If residents seek more privacy, they can restrict the building‘s open and communicative atmosphere with sliding wooden doors and fabric curtains.

The development was planned and built cost-efficiently. Materials had to be used that were suitable for transporting to the building site with restricted access. Concrete ceilings and wall panels have remained exposed on the inside.

Pink marble from the nearby quarry in Estremoz creates a particularly charming visual appeal on the inside. Large marble slabs form the walls and floors of the integrated, free-standing berths and shelving. In this process, details have been reduced to a minimum.

Had architects not used marble elements, the narrow building would seem even more purist and thus more expressive, in line with van der Rohe‘s well-known saying „less is more“.

Lightweight, fabric curtains have no effect on the overall impression. They are intended as screens and provide residents with some privacy inside the building. These curtains are used on each floor.

The central core of the building meets residents‘ elementary needs. The second and third floor each feature a berth with separate bedroom and sanitary facilities, the ground floor provides a kitchen block and fireplace.

All in all, building owners were very conservative with investments in kitchen furniture, an Ikea model, supplied to Portugal in a flat pack.

The building core is surrounded by ample, flowing living quarters, but avoids separations and thus enables versatile, modular usage. Large wooden sliding doors make it possible to temporarily separate spaces, for instance, to create privacy for bedrooms.

The chimney breast runs from the ground floor to the second floor with fireplaces providing heat to the solid core.

Roof terrace with pool

A delicate, blue spiral staircase links the floors and leads up to the roof terrace. Here, surrounded by the blue shimmer of the pool‘s water, the white marble on the top floor exposes a panoramic view of the seemingly endless cityscape.

The three small pine trees on the roof are a reference to the trees monks from adjacent Nossa Senhora do Monte chapel planted. They may not offer too much shade in high temperatures, but at least they look nice.

A closed, shady patio on the ground floor creates a colorful, open, outside space with plenty of fauna and a view of the sky above Lisbon. Locally produced, traditional tiles cover patio walls.

These square, brightly painted and enameled ceramic tiles are very common in Portugal. Some facades along the Escadinhas Damasceno Monteiro stairs also feature these tiles.

At the same time, the local subculture, expressed in the ample presence of colorful graffiti, is very dominant. It spoils, yet enriches facades along the historic stairs from top to bottom.

Graffiti on facades

The new development has not been spared in this respect. It’s sad to see, yet seems like the usual moan of someone who can still remember facades without those bright aerosol artworks.

Architect Leopold Banchini

Has been heading up Leopold Banchini Architects office in Geneva since 2016. He had previously been running Bureau A together with Daniel Zamarbide. The building in Lisbon was developed as a joint project shared between both architects and their team at Bureau A.

interview with Leopold Banchini
webseite of Leopold Banchini
Homepage of Daniel Zamarbide
another living project on md-mag.com

FACT SHEET

Project: Residential building
Location: Tv. das Terras do Monte, Lisbon/P
Owners: Privately owned
Architects: Leopold Banchini, Daniel Zamarbide
Completed in: 2019
Floors: 4, including roof terrace
Usable area: 105 m²
Materials: Exposed concrete; pink marble from Estremoz; wooden sliding doors and fabric curtains;
kitchen by Ikea

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