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Mietwohnungsbau in kostengünstiger Betonbauweise in Zürich/Schweiz

Großzügig und einfach

Neun bezahlbare Mietwohnungen in einem Neubau nach Plänen von Gus Wüstemann bieten flexible Flächen. Der mit OSB-Platten geschalte Beton wurde nicht vergipst. Dadurch entwickelten sich finanzielle Spielräume, zum Beispiel für bodentiefe Schiebefenster.

Autor: Hubertus Adam

Im Züricher Stadtteil Albisrieden entstand im Umfeld von Genossenschaftshäusern ein privates, fünfgeschossiges Mehrfamilienhaus für neun Mietwohnungen in Betonbauweise. Der Eigentümer Balz Baechi hatte sich ein günstiges Projekt für den Mietwohnungsbau gewünscht, bei dem die Miete nicht höher ausfallen sollte als in einem üblichen Genossenschaftsgebäude. Diesem Anspruch wurde der Züricher Architekt Gus Wüstemann gerecht. Er setzte auf ein Rohbaukonzept, das auf einem aus OSB-Platten-geschaltem Beton basiert. Das ermöglichte es, auf Gipser, Putzer oder Spengler weitgehend zu verzichten.

Die damit verbundenen Einsparungen am Innenausbau erlauben einen Spielraum für höhere Rohbaukosten, wobei auch hier differenziert wurde: Außer an den äußeren und inneren Fassaden kam Beton der einfachsten Anwendungsklasse zur Anwendung.

Raumklima selbst regeln

Auch die sonst in der Schweizer Metropole fast zum Standard gewordene, kontrollierte Lüftung entfällt. Vielmehr regeln die Bewohner ihr Raumklima selbst. Die eingesparten Kosten sind in den raumhohen Verglasungen deutlich besser investiert als in haustechnischer Hochrüstung. Das gilt ebenso für die Küche: keine kostentreibenden Einbauküchen, sondern Öfen und Kochplatten als mobile Geräte, die sich bei Bedarf auf dem Balkon aufstellen lassen.

Verzichtet wurde auch auf alle überflüssigen Leitungsführungen – pro Zimmer gibt es nur eine Steckdose und einen Leuchtenanschluss.

Mit seinen neun Wohnungen, mit jeweils zwei im Erd-, ersten, zweiten und dritten Geschoss sowie einer im Dachgeschoss, steht der neue Mietwohungsbau wie eine Betonskulptur inmitten der großzügigen hofähnlichen Situation. Der Grundriss ist ein unregelmäßiges Viereck, so wie es die Ausnutzung des Baugrundstücks vorgegeben hatte. Die Schlafzimmer und Nasszellen wurden in den beiden turmartigen Bauteilen im Norden und im Süden angeordnet, wobei hier noch ein mittleres murales Bauteil mit dem Erschließungskern und den Küchennischen hinzukommt.

Mietwohnungsbau
Viel Fläche für Plattformen. Foto: Bruno Helbling

Zwischen diesen Volumina erstrecken sich die wie Plattformen wirkenden Hauptwohnräume. Sie sind in Ost-West-Richtung organisiert, wobei die größeren Wohnungen (viereinhalb Zimmer, 95 m²) streifenförmig und mit Balkons auf zwei Seiten, die kleineren (dreieinhalb Zimmer, 60 m²) trichterförmig und mit Balkons auf der Westseite ausgebildet wurden. Durch die minimierten Nassräume und Schlafzimmer entstand viel Fläche für die Plattformen.

Die mehrteiligen Verglasungen mit fast randlosen Skyframe-Profilen lassen sich im Sommer komplett wegschieben, sodass der Innen- zum Außenraum wird. Man lebt dann sozusagen im Freien. Das erläutert Gus Wüstemann: „Architektonisch gesprochen öffnen wir keinen Innenraum, sondern schließen Außenräume mit Schiebefenstern.“

Äußere Struktur wiederholt sich innen

Der Charakter eines Außenraums entsteht ebenso dadurch, dass sich die äußere Schalungsstruktur an den Innenwänden wiederholt. Diese begrenzen die Wohnplattformen. Sie wurden mit OSB-Platten geschalt und weisen so die gleiche Oberflächenstruktur wie die Fassaden auf.

Mietwohnungsbau
Die Betonoberflächenstruktur vermittelt Lebendigkeit, weil die Innenwände mit OSB-Platten verschalt wurden. Foto: Bruno Helbling

Optik und Haptik des Sichtbetons prägen die Wohnhallen. Aus Beton bestehen auch die neben dem Eingang installierten, langgestreckten Ablagen. Sie dienen zugleich als Sitzgelegenheiten. Dazu gesellt sich Holz, in Form einfacher Platten für Einbau- und Schiebeelemente sowie als Lamellen für die handwerklich gefertigten Sonnenschutzstores. Sie lassen sich mit Schnüren entrollen und händisch über die Balkonbrüstungen legen.

Das dritte wirkungsbestimmende Material ist Metall beziehungsweise Stahl: für die einfachen, mit Maschendraht versehenen Geländer, für die Küchenabdeckung; ebenso für die Kleiderstangen in Form von Vierkantprofilen, die direkt in die Betonwände gedübelt wurden.

Mietwohnungsbau
Die Holzfläche am Boden des Schlafzimmers erzeugt eine gewisse Intimität. Foto: Bruno Helbling

Bezahlbarer Luxus

Der Kontrast zwischen offen und geschlossen, kleinteilig und großzügig, hell und dunkel lässt auch die verhältnismäßig kleinen Wohnungen erstaunlich luxuriös erscheinen.

Alle Mieter profitieren von der offenstehenden Dachterrasse, die einen grandiosen Blick über den Westen Zürichs und auf die Hänge des Uetlibergs bietet. Auf dieser Ebene befindet sich die neunte Wohnung mit gut 50 m² Grundfläche.

Die Monatsmiete der kleineren Wohnungen beträgt 1 500, die der größeren 2 000 bis 2 200 Franken. Das ist für Neubauwohnungen in Zürich günstig. Frappierend angesichts der Tatsache, dass die Wände aus zweischaligem Sichtbeton bestehen, der im Allgemeinen als kostentreibender Faktor gilt.

Mietwohnungsbau
Betonwände und -treppe, Metall und Holz dominieren das Treppenhaus. Foto: Bruno Helbling

Unkonventionelle Bauprojekte

Der in Zürich und Barcelona tätige Architekt Gus Wüstemann wurde mit unkonventionellen Bauprojekten bekannt. Dazu zählt das „Stone H“ am Hang des Zürichbergs: Betontürme, in denen die Schlafzimmer liegen, umrahmen seitlich großzügige informelle Wohnbereiche, die wie offene Terrassen wirken. Auf diese Grundstruktur griff er für das Projekt in Albrisrieden zurück.

Anders als am Zürichberg dominieren in diesem Stadtteil Wohnsiedlungen, die größtenteils aus den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg stammen. Unspektakuläre Zeilenbauten aus den 1950er Jahren fügen sich zu fragmentarischen Blockrandstrukturen. Das Ideal zu dieser Zeit war die aufgelockerte Gartenstadt, und so prägen weitläufige Freiflächen zwischen den Wohnbauten das Quartier.

Mietwohnungsbau
Die mehrteiligen Verglasungen lassen sich im Sommer komplett wegschieben. Foto: Bruno Helbling

Contra Standardisierung

Viele Gebäude sind Genossenschaftsbauten, andere wurden von privaten Bauherrschaften errichtet. Das trifft auch auf den Grafiker und Maler Balz Baechi zu, der einen Teil einer Wohnzeile südlich der Langgrütstraße zusammen mit einer benachbarten Parkplatz- und Garagenfläche erwarb. Da das Grundstück einiges an Verdichtung zuließ, entschied sich der Eigentümer, anstelle der Autoabstellplätze ein zusätzliches Wohnhaus zur Vermietung zu errichten.

„Freies Wohnen heißt Wohlbefinden für offene Menschen!“ Gus Wüstemann

Gus Wüstemanns Projekt kann man als Kampfansage an die Standardisierung des nutzungsneutralen Wohnungsbaus verstehen. Es geht im Mietwohnungsbau eben auch anders – wie anregend!

Angesprochen auf die intendierte Wohnqualität äußert sich der Architekt so: „Freies Wohnen heißt keine Konventionen, heißt Wohlbefinden für offene Menschen!“


Architekt Gus Wüstemann

gründete 1996 sein Architekturbüro. Er beschäftigt fünf bis zehn Mitarbeiter und betreibt neben einem Büro in Zürich eines in Barcelona. Die Arbeitsgebiete umfassen Architektur und Städtebau.


Factsheet

Projekt: Wohnhaus Langgrütstrasse
Standort: Langgrütstrasse 107, 8047 Zürich/CH

Bauherr: I+B Baechi Stiftung
Bauaufgabe: Erstellen von bezahlbarem Mietwohnraum
Architektur/Innenarchitektur: Gus Wüstemann Architekten
Fertigstellung: 2019
Grundstücksgröße: 1 505 m²
Geschosse:UG, EG, 3 Vollgeschosse, DG
BGF: 718 m²

Website von Gus Wüstemann Architekten

Weiteres Beispiel für ein Wohngebäude


Block of rental apartments in Zurich built in cost-effective concrete design

Ample and simple

Nine affordable rental apartments in a new development designed according to plans by Gus Wüstemann provide flexible areas. The concrete has been boarded with OSB panels, yet there are no plastered surfaces. This created financial leeway, for instance to fit French windows reaching down to floor level.

Author: Hubertus Adam

A privately owned, five-storey, concrete-design apartment block featuring nine apartments was developed in Zürich‘s Albisrieden district, surrounded by cooperatively owned buildings. Owner Balz Baechi was aiming for a cost-effective building project as part of which rents should not exceed those due in conventional, cooperative apartment blocks. Zurich-based architect Gus Wüstemann was able to match these demands. He relied on a structural concept based on concrete encased with OSB panels. This meant that work undertaken by plasterers and other specialists was almost not necessary.

Associated savings on the inside made room for higher structural building costs. However, a distinction was also made in this context: Except for outer and inner facades all other areas feature concrete meeting the simplest application category standards.

Tenants regulate the ventilation by themselves

The building also does not include a controlled ventilation system, something that has long since become a standard feature in the Swiss city. In fact, residents control their ambient temperature themselves. Budget savings were invested much more effectively: the building features ceiling-high glazing rather than high-tech building engineering equipment. This also applies to kitchens: no fitted kitchens to drive costs, but ovens and hobs as mobile units that can, if necessary, be set up on the balcony.

The design also does away with any superfluous cable ducts – merely one socket and connection for lighting per room.

With its nine residential units (two each on the first, second and third floor plus one on the top floor) this new building stands like a concrete sculpture amongst adjacent buildings. The footprint resembles an irregular rectangle to make the most of the plot. Bedrooms and wet rooms have been arranged in the two tower-like structures to the north and south which have been supplemented by a central wall element housing the development‘s core and kitchenettes.

Much square for platforms

The main living areas are spread out between these two bodies and seem like platforms. They have been arranged from east to west, whereby the larger apartments (four-and-a-half rooms in total, 95 m²) have been designed as strips featuring balconies on two sides while the smaller units (three-and-a-half rooms in total, 60 m²) resemble funnels with balconies facing westward. As a result of having minimized the space allocated to wet rooms and bedroom there is plenty of space for platforms.

Multi-part glazing with Skyframe profiles featuring almost no edges can be completely opened up in summer to turn the inside into the outside. Then you basically live outdoors. Gus Wüstemann explains that “architecturally we are not opening up indoor areas, we are sealing off outdoor areas with sliding windows.”

Outdoor structure continues on internal walls

This outdoor character is also created by repeating the outer encasing structure on internal walls to act as boundaries of the residential platforms. They have been encased with OSB panels and consequently feature the same surface structure as the facades.

Visible concrete areas dominate what you see and feel inside residential units. Stretched storage areas next to the entrance are also made of concrete. They double up as seating. These were paired with simple, wooden panels for integrated and sliding elements as well as fins for sun visor elements that were crafted and imported from Barcelona. Said sun visors are operated by string and can be manually positioned over the balcony parapets.

The third, dominant material creating an effect is metal, or steel to be more precise: it was used for the simple railings that have been clad with wire, to cover kitchen units or as square-profile clothing rails that have been directly anchored in concrete walls.

Affordable Luxury

The contrast between exposed and sealed, compact and ample, light and dark also makes these comparably small apartments seem surprisingly luxurious.

All residents can used the open roof terrace to enjoy a magnificent view over Zurich‘s west and the slopes of Uetliberg. The ninth apartment is located at this level with a floor space of around 50 m².

The monthly rent due for the smaller apartments is CHF 1 500 while larger units cost CHF 2 000 to CHF 2 200 per month. A decent price for apartments in new buildings in Zurich. Very surprising though, in light of the fact that walls consist of double-encased, visible concrete, generally known as a factor to drive up costs.

Unconventional building projects

Architect Gus Wüstemann, active in both Zurich and Barcelona, made a name for himself with unconventional building projects including „Stone H“ on the side of Zürichberg: Concrete towers housing bedrooms surround ample, informal living quarters that seem like exposed terraces. He came back to this basic structure for the project in Albisrieden.

However, in contrast to the development at Zürichberg, this part of the city is largely dominated by residential areas built in the decades following World War Two. Unspectacular apartment blocks from the 1950s form fragmented block structures. Gartenstadt was an ideal development back in the day, with its loosely arranged buildings. Consequently, ample, open space dominates the areas in between the district‘s buildings.

Many of the buildings are owned by cooperatives, yet others were built by private developers. This also applies to graphic designer and painter Balz Baechi who purchased part of a residential unit south of Langgrütstraße together with an adjacent car park and garages. Considering the plot gave room for quite some development, the owner decided to replace parking spaces with an additional apartment block and rent out the units.

Contra standardization

Gus Wüstemann‘s project can be seen as a challenge to the standardization of multi-purpose residential space. There is always a different approach – so calming, so stimulating!

Asked about the intended living quality the architect said that “free living means no conventions, it means well-being for open-minded people!”

Fact sheet
Project: Residential building in Langgrütstrasse
Location: Langrütstrasse 107, 8047 Zurich, Switzerland
Owners: I+B Baechi Stiftung
Construction task: Creating affordable residential space for rent
Architecture/interior design: Gus Wüstemann Architekten
Completed in: 2019
Plot size: 1 505 m²
Floors: Basement, ground floor, 3 floors, top floor
Plot development area: 718 m²

Architect Gus Wüstemann

established his architects‘ practice in 1996. He employs a workforce of between five and ten and also runs an office in Barcelona in addition to his Zurich office. Work undertaken centers around architecture and urban development.

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