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Textil – weiche Transformation

Serie Raum und Material 27
Textil – weiche Transformation

Keramik ist ein Material, das Handwerk und Innovation auf ästhetische Weise miteinander verbindet. Das Rotterdamer Architektenteam Monadnock verschränkt die “saubere” Bürowelt mit der “staubigen” Produktion.

Der traditionsreiche niederländische Keramikhersteller Royal Tichelaar verknüpft als Familienunternehmen bewusst Tradition und Moderne. Hier wird noch immer das für sein “Delfter-blau” bekannte Steingut produziert. Hauptsächlich aber entwickelt die Firma neue Produkte für keramische Fassaden, Dächer oder Innenräume und stellt diese her. Alle Keramiken werden speziell für ein Gebäude angefertigt, was eine enge Verzahnung von Entwurf, Planung und Produktion mit entsprechender, intensiver Kommunikation erforderlich macht.
Das Rotterdamer Architektenteam Monadnock schuf 2014 ein zeitgemäßes, neues Industriegebäude am Ortsrand des niederländischen Dorfs Makkum, das auf die aktuellen Produktionsabläufe zugeschnitten wurde. 2015 wurde ebenfalls von Monadnock ein Teil der Halle zum Bürotrakt transformiert und bietet nun 16 Personen Platz zum Arbeiten. Das besondere daran: Räumlich und visuell sind die Bereiche Produktion, Administration, Entwurf, Forschung und Entwicklung nun eng verschränkt. Transparenz und Interaktion innerhalb des Betriebs gehören zum Selbstverständnis der Firma. Genau diesen Ansatz haben die Architekten in eine räumliche Konfiguration übersetzt. Inmitten der Halle befindet sich auf Stützen über der Werkstattebene der großflächig verglaste Bürobereich.
Im Gegensatz zu den harten keramischen Materialien und Oberflächen bestimmen im Büro weiche Oberflächen die Atmosphäre: Hier dominiert das Textil den Raum. Das zentrale Entwurfselement ist die Decke, die aus weißem, transluzentem Bühnennessel besteht, der optisch, akustisch und klimatechnisch wirksam ist. Das Textil-Gewebe des flammhemmenden Trevira CS-Stoffs besitzt ausreichend Durchlässigkeit, um auch als Lüftungstextil für Abluftkanäle eingesetzt zu werden. Diese Eigenschaft machten sich die Architekten zunutze, sodass die Belüftung direkt durch den Stoff erfolgen kann, ohne dass separate Ventilatoren eingebaut werden mussten. Die Luftzirkulation wird dadurch angenehm ruhig und gleichmäßig.
Der Stoff wurde zunächst in einem 1:5-Modell und darauf folgend auf der Baustelle 1:1 auf seine Eigenschaften und seine Wirkung getestet. Nicht nur der Luftdurchlass war ein maßgebliches Kriterium, sondern auch die Lichttransmission. Über dem textilen Zeltdach befinden sich Oberlichter, die tagsüber natürliches Licht einlassen, das durch den Stoff gleichmäßig gefiltert wird und eine angenehme, blendfreie Arbeitsumgebung schafft. Zusätzlich sind als künstliche Beleuchtung Leuchtstoffröhren oberhalb der textilen Decke montiert, die an bedeckten Tagen oder abends zugeschaltet werden können. Elf pyramidenförmige Deckenelemente spannen sich über einem rechteckigen Grundriss auf und sind jeweils auf zwei Seiten mit einer Art Spannseil in einem Profil befestigt; auf den beiden anderen Seiten sind sie mit Klettband fixiert. So lassen sich die Deckenelemente für Revision, Austausch von Lampen oder auch zum Waschen des Stoffes bei Bedarf einfach abnehmen.
Eine fruchtbare Verbindung
Für die Architekten war dies der erste Einsatz von Textilien als raumbildendes Element. Historische Inspiration hierfür fanden sie in Karl Friedrich Schinkels Zeltzimmer im Schloss Charlottenhof in Potsdam. Das Textile schafft in der normalerweise nüchternen Arbeitsumgebung ein in seiner Wirkung leichtes und zugleich sinnlich erfahrbares, illusionistisches Element, hinter dem sich notwendige Funktionen verbergen. Die großflächige, leicht anmutende Decke verbindet als räumliche Geste vier unterschiedlich große Büroräume und schafft so eine lichte Großzügigkeit. Die raumhohe Verglasung zur Produktionshalle öffnet den Raum und ist nicht nur eine visuelle Verbindung, sondern auch eine direkte Kommunikationsmöglichkeit zwischen den Abteilungen.
Ergänzt wird die inmitten der Werkstattatmosphäre nahezu wohnlich wirkende Ausstattung der Büroräume durch Möbel, die speziell für das Projekt als raumschaffende Elemente entworfen wurden: Für Sitzende schaffen sie als Barriere Privatheit zwischen den Arbeitsbereichen, im Stehen lassen sie sich bequem überblicken und fördern die Kommunikation. Als Material für die Schränke, Trennwände und Tische wurde Waldkiefer verwendet, deren Oberfläche mit weiß pigmentiertem Öl behandelt ist. Die Fronten der Schrankmöbel sind mit circa 3 mm starken, grauen Wollfilzmatten belegt, die die Akustik im Raum positiv beeinflussen. Auch beim Boden wurde als schallabsorbierendes Material ein grauer Teppich verwendet.
Die fruchtbare Verbindung von “sauberer” Bürowelt mit “staubiger” Produktion ist den Architekten auf mehreren Ebenen gelungen. Die natürlich wirkenden matten, hellen Töne des Interieurs erinnern zusammen mit dem gefilterten Licht fast an den weißlichen Ton der Keramiken. Die großen Glasfronten lassen Kommunikation und Transparenz zwischen den sonst so oft strikt getrennten Bereichen nicht nur zu, sondern sie fördern aktiv den kreativen Austausch zwischen den Mitarbeitern.
Autorin: Christiane Sauer
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