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Alles dreht sich um den Handelsplatz

Neuer Unternehmenssitz des Energiedienstleisters Trianel in Aachen
Alles dreht sich um den Handelsplatz

Der Neubau des Aachener Energiedienstleisters besticht durch viel Tageslicht, Transparenz und Flexibilität. Mindestens genauso wichtig ist, dass in dem Gebäude flache Hierarchien räumlich erlebbar werden.

Das Fußballstadion „Neuer Tivoli“ sowie ein großes Möbelhaus und ein Lebensmittelmarkt dominieren das Ende der Krefelder Straße im Aachener Nordosten. „Ein recht schwieriges städtebauliches Umfeld“, sagt Architekt Christian Hoffmann.
Er ist assoziierter Partner der Aachener Niederlassung des weltweit tätigen Architekturbüros gmp von Gerkan, Marg und Partner, das den von der Aachener Stadtwerkekooperation Trianel ausgeschriebenen Architekturwettbewerb für den Unternehmensneubau an der Krefelder Straße gewann.
Mit dem Entwurf wollten Architekt und Bauherr hier bewusst ein Gegengewicht zur heterogenen städtebaulichen Umgebung positionieren.
Entstanden ist ein viergeschossiges, eher zurückhaltend wirkendes Gebäude mit weißen Sonnenschutzlamellen und horizontal verlaufenden, weißen Fassadenbändern.
Der trapezförmige Trianel-Bau mit seinen abgerundeten Ecken orientiert sich im Endausbau an der Mittelachse des benachbarten Stadions, kann sich aber dank seiner leicht vorgeschobenen Spitze gegenüber der zur Krefelder Straße hin verlaufenden Stadionecke behaupten. Der neue Solitär wird wahrgenommen.
Kerngeschäft Energiehandel
Das im Business-to-business-Geschäft tätige Unternehmen tritt öffentlich in Aachen bisher kaum in Erscheinung. Seine 56 Gesellschafter sind europäische, vornehmlich deutsche Stadtwerke, die eine regionale, nachhaltige Energieversorgung vorantreiben wollen.
Trianel entwickelt Konzepte für die Energieversorgung. Die Aachener steuern mit digitalen Mess- und Steuerungssystemen Energiepools, Fotovoltaikanlagen und Windparks, lesen Smart Meter in Deutschland und Österreich aus und entwickeln auf dieser Basis neue Endkundenprodukte.
Das Kerngeschäft ist der Energiehandel für 120 Versorger im deutschsprachigen Raum. Das spiegelt sich in der Gebäudestruktur wider. Der sogenannte Trading Floor im ersten Obergeschoss bildet das Kraftzentrum. Hier wird teilweise im Vollschichtbetrieb mit Strom, Gas, CO2 und Kohle gehandelt. Man erreicht das Herzstück des Gebäudes auf kurzem Weg über eine frei tragende Treppe im glasüberdachten Atrium. Da der Handelsplatz zum Innenhof hin voll verglast ist, gewährt er Einblicke von jedem Punkt des umlaufenden Korridors und je nach Standpunkt von den übrigen Obergeschossen.
Auf der 800 Quadratmeter großen Open-Space-Fläche des Trading Floors dominieren die Bildschirme. An jedem Arbeitsplatz gibt es mindestens zwei bis drei, teilweise bis zu sechs davon. So wie man sich einen heutigen Börsenplatz vorzustellen hat. Vom Kopfkino mit Börsianern, die laut die Aktienkurse durcheinanderrufen, muss man sich in der digitalen Welt weitgehend verabschieden. Auch auf dem Trianel-Trading-Floor geht es ruhig und konzentriert zu. Die einzelnen Zonen sind durch halbhohe Schränke und Apothekerschränke voneinander getrennt. Jeder verfügt über abschließbare Fächer.
Akustische Maßnahmen sorgen – wie im übrigen Gebäude auch – für weitgehend störungsfreies Arbeiten. Zur Schallreduzierung tragen die Trennwände und die gelochten, mit Vlies hinterlegten Gipskartonplatten an den Decken sowie die Teppichböden bei.
Ein Teil des Handelsplatzes ist mit einer begehbaren Decke versehen. Darin sind Lichtkuppeln integriert, die den Blick auf das darunterliegende Geschehen freigeben. Warum die Fischaugen eingebaut wurden, erklärt Architekt Hoffmann mit einem Augenzwinkern: „Die Idee stammt aus einer Phase, als sich alle für die runden Arbeitsinseln der Frankfurter Börse begeisterten.“
Die Fläche wird für das kollegiale Miteinander genutzt. „Hier stellen die Mitarbeiter ihre Geburtstagskuchen hin, es wird im kleinen oder auch mal größeren Kreis gefeiert“, berichtet Sylvia Gieraß. Sie ist Leiterin Office Management und damit bei Trianel auch für Büroplanung und Facility Management zuständig.
Überhaupt spielt die Kommunikation eine große Rolle. Denn vorher waren die 400 Beschäftigten über drei Standorte in der Aachener Innenstadt verteilt. Darunter litt der direkte Kontakt der Kollegen untereinander. Mit dem Neubau sollte das Manko beseitigt werden.
Nun arbeiten alle unter einem Dach. Viel Tageslicht dringt in die Büros – in die an der Außenseite des Gebäudes gelegenen genauso wie in die zum Innenhof mit Glasdach orientierten. Vom Zweierzimmer für die juristische Abteilung bis zum Open Space im Trading Floor gibt es alle erdenklichen Raumkonstellationen.
Kleine und größere Besprechungsräume mit gerundeten Glaswänden und damit von den umlaufenden, zum Atrium offenen Fluren einsehbar, dienen der formellen und informellen Kommunikation. Durch halbhohe Trennwände abgegrenzte Teeküchen auf den Fluren eignen sich eher für spontane Begegnungen, ebenso die in der Nähe anzutreffenden Stehtische.
Für formelle Zusammenkünfte dienen die buchbaren Konferenzräume im Erdgeschoss. Sie kommen ohne Glaswände aus und bieten sich so für vertrauliche Gespräche an. Schiebt man die akustisch wirksamen Faltwände zwischen der Kantine und den daran angrenzenden drei Konferenzräumen zusammen, entsteht eine große Veranstaltungsfläche.
Davon profitieren unter anderem die Gesellschafter, die hier tagen können. Zudem das Unternehmen selbst. „Hier werden Feste gefeiert, die Geschäftsführung informiert an dieser Stelle alle drei Monate über die Quartalsergebnisse“, berichtet Gieraß.
Orte der Begegnung
Warum es eine solche Vielfalt an Begegnungsmöglichkeiten gibt, erläutert Pressesprecherin Thomas: „Wir wollen den Austausch und die Neugier fördern. Schließlich leben unsere Produkte und Dienstleistungen von den Ideen der Mitarbeiter.“
Ideen entwickeln sich bekanntlich am besten dann, wenn die Beschäftigten Freiräume nutzen können. Auch dafür existieren Angebote wie ein Tischkicker auf der dritten Etage oder ein Fitnessraum im Untergeschoss. Für Eltern, die kurzfristig kein Betreuungsangebot für ihre Kinder finden, ist das verglaste Spielzimmer gedacht. Während der Nachwuchs spielt, arbeiten die Eltern im gleichen Raum.
Die gläsernen Räume auf den Etagen, die auch für konzentriertes Arbeiten genutzt werden können, veranschaulichen die Flexibilität des Gebäudes. Metallrahmen nehmen die Türen auf. Dadurch lassen sich diese schnell und ohne großen Aufwand versetzen. „Ein Bürosystem muss sich anpassen können“, betont in diesem Zusammenhang Facility Managerin Gieraß. Architekt Hoffmann ergänzt: „Unsere Aufgabe war es, ein benutz- und veränderbares Haus zu entwerfen.“
Für den Fall, dass das Gebäude an seine räumlichen Grenzen stößt, ist vorgesorgt. Das Grundstück biete Platz für eine Verlängerung des Gebäudes. Den Entwurf dafür gebe es auch schon, merkt Hoffmann an.
Die Möglichkeiten, zu Veränderungen und Anpassungen beizutragen, nehmen auch die Beschäftigten wahr. Gieraß nennt ein Beispiel: „Wir überließen es den Mitarbeitern, ihre Abteilungsstandorte zu wählen und verschiedene Tischkombinationen auszuprobie-ren und dann bei Bedarf zu ändern.“
Und Thomas ergänzt: „Mitsprache und Eigeninitiative sind Teil der Trianel-DNA, ebenso wie Transparenz und Kommunikation.“ Dass sich alle im Unternehmen duzen und die beiden Geschäftsführer Sven Becker und Dr. Jörg Vogt großen Wert auf Augenhöhe mit den Mitarbeitern legen, versteht sich fast von selbst. Die beiden sitzen in verglasten Einzelbüros im zweiten Obergeschoss nahe beim Trading Floor und zeigen damit, dass sie sicht- und ansprechbar sind.
Es geht im Trianel-Gebäude also auch darum, flache Hierarchien räumlich erlebbar zu machen. Dieser Aspekt war Teil eines von Führungskräften und Mitarbeitern gemeinsam entwickelten Leitfadens zur „Trianel Corporate Architecture“. Der diente als Grundlage für den Architektenwettbewerb.
Vom heutigen Ergebnis ist die Trianel-Führungsspitze überzeugt. Das liest sich dann in einem Artikel von Geschäftsführer Vogt in der Mitarbeiterzeitschrift so: „Das neue Gebäude hat die Chance, uns allen neuen Schwung zu verleihen. Synergien entstehen nicht per se aus der Architektur, aber Architektur kann dabei helfen.“
Gabriele Benitz

Fakten
Projekt: Headquarter Trianel
Standort:
Krefelder Straße 203, 52070 Aachen
Bauherr: Trianel GmbH
Architekt: Gerkan, Marg und Partner (GMP) International GmbH, Aachen
Fertigstellung: Juni 2014
Gebäudetechnik: Klimatisierung der Büroflächen über Kühl-/Heizdecken
Beleuchtung: Mischsystem aus Leuchtstoffröhren und LED-Technik
Glasflächen: PANraumsysteme GmbH, Oberkirch
Fachhändler: Mathes Wohnen, Aachen
Mobiliar (Auswahl): Programm Activa
(teils höhenverstellbare Arbeitstische, Apothekerschränke mit Steckdosen und Privatfach, Roll- und Anstellcontainer), Caddy Moby2, Sideboards, Schränke mit Schiebe- und Flügeltüren, Sichtschutzelemente/Screens Partito, Bürodrehstühle Please, Konferenztische Kalidro und Klapp-Konferenztische Talktime von Steelcase; Konferenztischanlage Meda Morph, Freischwinger Visavis, Bürodrehstühle Headline und ID Trim sowie Stapelstühle Hal von Vitra; Loungesessel Sorriso von Profim, Besprechungsstühle Catifa 46 von Arper, Teppichfliesen von Interface
Anzahl der entstandenen Arbeitsplätze: 450
Nettogrundfläche: 9 757 m² gesamt
Bruttorauminhalt: 53 338 m³ gesamt
Verglaste Flächen: 3 162 m² gesamt
Baukosten: 20 Millionen Euro gesamt
Ansicht von der Krefelder Straße aus
Fotos: Hans Georg Esch

Genauer hingeschaut
  • Das neue Gebäude der Trianel GmbH ermöglicht kurze Abstimmungs- und Entscheidungswege. Neben den eigentlichen Zonen für die Arbeitsplätze und Besprechungsräume gibt es eine Kantine, ein Spielzimmer, einen Fitnessraum mit Geräten und große Konferenzräume mit Faltwänden im Erdgeschoss.
  • Für die weitere räumliche Expansion (Ausbaureserve) ist ein zweiter Bauabschnitt vorgesehen.
  • Das Gebäude dient auch den 56 Gesellschaftern, das sind hauptsächlich Stadtwerke, für Konferenzen. Großformatige Fotos an den Wänden auf jedem Geschoss stellen einen Bezug zur jeweiligen Region oder Stadt her, aus der die Gesellschafter kommen.


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