Designer Chat

Guglielmo Poletti

In Mailand fand Guglielmo Poletti nicht, was er über Design lernen wollte. Nach zwei Jahren an der Design Academy Eindhoven kann sich der gebürtige Mailänder mittlerweile über große Resonanz freuen.

Interview Katharina Feuer

Guten Morgen Guglielmo, schön dass es mit unserem Gespräch klappt. Hattest du schon einen Kaffee?

Guglielmo Poletti: Si, certo. Mehrere. Ich bin Italiener!

md ist auf dich aufmerksam geworden, weil du einer von sechs italienischen Designern beim ‚Rising Talent Awards‘ auf der Maison&Objet in Paris warst.

Guglielmo Poletti: Das freut mich. Die Mailänder Galeristin Rossana Orlandi hatte mir bereits im Frühjahr 2017 gesagt, dass sie vorhat, mich für den Award vorzuschlagen. Sie ist eine Art Talent Scout.

Wie hat sie von dir und deiner Arbeit erfahren?

Guglielmo Poletti: Im Oktober 2016 habe ich meine Abschlussarbeit, die ‚Equilibrium‘ Series, im Rahmen der Abschluss-Ausstellung vorgestellt. Die Design Academy Eindhoven zieht das ziemlich professionell während der Dutch Design Week durch. Da kommen an die 45 000 Leute. Das ist Wahnsinn. So haben mich Rossana Orlandi und auch Natalie Assi von der Londoner Galerie Seeds „gefunden“.

Deine Arbeiten haben uns überrascht und erstaunt. Die Frage drängt sich auf, „Hält das? Und wenn ja, wie?“

Guglielmo Poletti lacht: Ja! Ich habe in meiner Zeit in Eindhoven gelernt, mit den Händen zu denken. Nicht zeichnen, nicht berechnen. Einfach loslegen und probieren. Die Hemmschwelle war zuerst groß.

Warum?

Es war eine absolut konträre Vorgehensweise zu der, die ich aus Italien kannte.

Was war in Eindhoven anders?

Ich habe das Gefühl, in Italien folgt der Designprozess immer noch einer Art Anleitung, die dir vorgibt, den Weg zu zeigen, wie ein Produkt von A bis Z entworfen werden sollte. In Eindhoven hörte ich: „Get lost!“ Hier wurde jeder einzeln gesehen, nach seinen Stärken gesucht und seine Talente individuell gefördert. Das war toll, aber auch anstrengend.

Was hast du vor deinem Abschluss in Eindhoven 2016 gemacht? Du wurdest 1987 in Mailand geboren.

Das ist ein guter Anfang! (lacht) Genau. Nach der Schule war ich, wie wahrscheinlich viele in meinem Alter, etwas ratlos. Ich habe Verschiedenes probiert: Architektur, Restauration und schließlich ein Studium, Art Management in Mailand.

Ein eher theoretisches Studium.

Ich habe im Kurs von Philippe Daverio über Design gemerkt, dass ich Design machen will. Ich hatte bloß wenig Ahnung davon, wollte alles darüber wissen. Nach der Arbeit für einige Monate in einem Mailänder Designstudio machte ich also meinen Master in Design in Mailand. Dieses eine Jahr war für mich sehr frustrierend.

Aber du hattest doch endlich gefunden, was du wolltest?

Das Studium gab mir nicht das, was ich mir versprochen hatte. Es war enttäuschend. Die Professoren lieferten Tools, wie man marketingaffin Produkte für den Katalog entwirft. Ich habe gemerkt: Das will ich nicht.

Sondern?

Ich war immer noch auf der Suche. Sieben Monate habe ich im Studio von Piero Lissoni in Mailand gearbeitet und dort zum ersten Mal Einblick in die professionelle Designwelt erhalten. Im Sommer 2013 folgte ein Workshop bei Domaine de Boisbuchet in Frankreich. Da hat es ‚Klick‘ gemacht.

Warum hat es ‚Klick‘ gemacht?

Ich besuchte einen Kurs von Ron Gilad. Er war der erste, der mir die Augen öffnete und zeigte, dass man Design auch in einem anderen Blickwinkel sehen kann. Endlich wusste ich, dass ich experimenteller, an der Grenze zur Kunst arbeiten will.

Beim Salone Satellite 2014 hast du erste Entwürfe vorgestellt. Mit Erfolg?

Einige alteingesessene italienische Unternehmen zeigten Interesse, aber es wurde nichts Konkretes daraus. Ich glaube, sie spürten, dass ich noch etwas strukturlos war. Die folgenden zwei Jahre in Eindhoven haben mich geschärft und geprägt. Das waren zwei intensive Jahre. Nur Leben fürs Design. Eine Blase!

Die platzt … und dann folgt die Realität. Das hat doch ganz gut funktioniert bei dir?

Ironischerweise erhielt ich von der Academy nicht die Bewertung, die ich erwartet hatte. Ich war traurig und verärgert. Meine Abschlussarbeit wurde jedoch vom Publikum sehr wohlwollend aufgenommen. Hier kommt Rossana ins Spiel und der Kreis schließt sich.

Deine bisherigen Arbeiten sind Prototypen, limitierte Editionen, nah zur Kunst. Wie soll es weitergehen?

Vielleicht war ich zur richtigen Zeit, mit dem richtigen Produkt am richtigen Ort? In erster Linie wünsche ich mir, unabhängig bleiben zu können. Damit das funktiooniert, scheue ich natürlich auch nicht den Kontakt zur Industrie.

Gibt es denn schon Hersteller, mit denen du zusammen arbeitest?

Ein italienischer Keramikhersteller fand meine Arbeiten so toll, dass er unbedingt mit mir etwas zusammen machen wollte und mich ansprach. Der Plan ist, dass wir bis zur Cersaie 2018 fertig werden.

Wie würdest du deine Arbeit selbst beschreiben?

Ich bin sehr daran interessiert, die Grenzen von Materialien in Bezug auf eine Konstruktion zu untersuchen. Das führt mich oft dazu, mit der Balance, ihrer Belastbarkeit und Strukturen zu experimentieren. Die Einfachheit, die sich aus einem komplexen Entwurf ergibt, sehe ich auch als Teil meiner Arbeit.

Guglielmo Poletti, wirst du in Mailand sein?

Natürlich. Ich werde neue Arbeiten mit Rossana Orlandi und Seeds London zeigen.

Guglielmo Poletti, Danke für das Gespräch.

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