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Boris Berlin

Interview mit einem Kosmopolit
Boris Berlin

Design ist grenzenlos und international. Ein gutes Beispiel ist der gebürtige Russe Boris Berlin. Als dänischer Designer ist er für ‚Harvest-One‘ als Art Director tätig. Der erste Kontakt zum taiwanischen Unternehmen fand übrigens in Deutschland statt.

Interview Katharina Feuer

Wenn man über 30 Jahre in einem Land lebt, das es mittlerweile nicht mehr gibt und dann beruflich noch einmal neu beginnen muss – in einem politisch, sozial und gesellschaftlich völlig anders geprägten Umfeld –, dann muss man offen sein für Veränderungen. Offen, neugierig und mutig, das ist der Industriedesigner Boris Berlin. Falls Sie sich jetzt fragen … „Nein, das ist kein Künstlername.“

Zu Sowjetzeiten entwarf er elektronische Geräte wie Kameras, so auch für das Raumschiff Soyuz.

Später gründete er in Kopenhagen, wohin er seiner dänischen Frau gefolgt war, im Laufe der Zeit drei Designbüros. Was hatte er auch zu verlieren? „Entweder es funktioniert oder man scheitert“, bringt es der Wahl-Däne auf den Punkt. Es funktionierte auf Anhieb. Bereits zwei Wochen nach seiner Ankunft in Dänemark hatte er seinen ersten Auftrag. Weitere folgten.

Einen Kulturschock erlitt er wider Erwarten nicht. „Wir mussten auch in der Sowjetunion Recherche betreiben und hatten Zugriff auf viele namhafte Design-Magazine. Ich kannte also den perfekt in Szene gesetzten Designanspruch des Westens. Die Realität war weitaus ernüchternder“, erinnert sich Boris Berlin.

Heute umfasst sein Portfolio Grafik-, Möbel- und Produktdesign. Seine Kunden kommen aus der ganzen Welt. Die jüngste Kooperation mit dem taiwanesischen Unternehmen Harvest-One ist dennoch aus vielen Gründen etwas Besonderes. Boris Berlin gab dem Werben der Firma zur Zusammenarbeit erst nach fünf Jahren nach. Was war passiert?

„Ich hatte das Unternehmen auf einer Messe gesehen. Sie stellten Produkte aus 3D-Furnier aus. Die Fertigung war hochwertig. Mein erster Gedanke war „Industriespionage!“ und ich kontaktierte die Firma Reholz in Dresden, die diese Technologie entwickelt und patentiert hatte. Ich kenne das Unternehmen gut – mit ihnen hatte ich den ersten 3D-Furnier-Stuhl entwickelt, den ‚Gubi Chair‘.“

„Es stellte sich heraus, dass der taiwanesische Firmeninhaber das Verfahren in Dresden erlernt und dafür tief in die Tasche gegriffen hatte. Ich war sehr beeindruckt. Man kam ins Gespräch, tauschte Visitenkarten und blieb in Kontakt“, erinnert sich der Designer und ergänzt: „Die Vorstellung, dass gutes Design ‚Made in Taiwan‘ sein kann, kam mir nicht in den Sinn.“

Woher also der Sinneswandel? Durch einen Besuch in Taiwan. „Die Besitzer folgten meinen Bedingungen, die ich aufstellte: Die Gründung eines neuen Unternehmens, Harvest-One, und die Verantwortung für die Art Direktion und das Marketing“, zeigt sich Berlin begeistert. Erste „Ernte“: die flexible Stuhlserie ‚Waves‘ mit dynamischen Sitzschalen.

Was aussieht wie mehrere Schichten, entstand in einem Guss aus 100 % recycelbarem Material. Jede ‚Wave‘ hat ihre Funktion. Der Stuhl ist leicht und kommt mit wenig Material aus.

„Stühle sind meist unbequem. Spätestens nach einer halben Stunde sind sie ermüdend. Mein Anspruch war es, einen neuen Stuhl zu entwickeln, der flexibel auf die Bewegungen des Nutzers reagiert, ohne dass die Lehne an Sicherheit einbüßt“, weiß der in Kopenhagen lebende Designer und begründet seinen Entwurf mit den Worten: „Ich entwerfe nicht grundlos einen weiteren Stuhl. Es muss ein innovativer Gedanke dahinter stehen.“

So einfach, wie Boris Berlin die Idee erörtert, so einfach war die Absprache mit seinem Auftraggeber nicht immer. „In Taiwan sprechen die Menschen quasi fast kein Englisch. Die Kommunikation lief immer über die Inhaber oder deren Sekretärin. Mit den Ingenieuren funktionierte das nur mit Dolmetschern.“

Alles kein Problem für einen, der es gewohnt ist, in unterschiedlichen Welten unterwegs zu sein.

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Boris Berlin (Jg. 1953) studierte bis 1975 Industrie- und Grafikdesign an der VNIITE in Leningrad (heute St. Petersburg). 1983 gründete er Boris Berlin Design in Dänemark. Berlin ist Gründungspartner der Büros Komplot Design (1987) und Iskos-Berlin Design (2010). Neben Lehrtätigkeiten gestaltete und kuratierte er Ausstellungen. Mit seinen Entwürfen ist er in Designmuseen rund um den Globus vertreten.

www.borisberlin.design

Portrait: privat

Torben Madsen

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