Bibliothek von MVRDV in Tianjin/China

Fake Books

Die oberen Regale sind leer, die Buchrücken nur auf Aluminiumplatten gedruckt. Die Architekten von MVRDV hatten es eigentlich anders vor. Von der Nutzungsbestimmung des Ortes und der Verantwortung der Verantwortlichen.

Autor Rolf Mauer

Das niederländische Architekturbüro MVRDV, 1993 in Rotterdam gegründet, hat wiederholt bewiesen, dass es in der Lage ist, unverwechselbare Gebäude zu entwerfen und diese auch in hoher Qualität zu realisieren. Wir erinnern an dieser Stelle an unsere Ausgabe 01/15, in der wir die fantasievolle Markthalle in Rotterdam vorstellten.

Ebenso wie bei der jüngst fertiggestellten ‚Tianjin Binhai Library‘ im chinesischen Tianjin fällt auch bei der Rotterdamer Markthalle auf, dass es nicht vorrangig die Fassade oder die Kubatur ist, die diese Gebäude ikonisch machen, sondern ihr einzigartiger zentraler Innenraum.

MVRDV entwarf für die Bibliothek eine Innenarchitektur, bei der weder Wände noch Decken in klassischer Form als vertikale und horizontale Flächen zur Anwendung kommen; vielmehr wird der Raum als Erlebnis gestaltet, als Kathedrale für das Buch.

MVRDV und das ebenfalls beteiligte Tianjin Stadtplanungs- und Designinstitut (TUPDI) haben das Gebäude als Teil eines größeren Masterplans fertiggestellt. Das 33 700 m² große Kulturzentrum mit dem kugelförmigen Auditorium und seinen raumhohen Bücherregalen ist nicht nur ein Bildungszentrum, sondern auch ein sozialer Raum und ebenso ein städtebauliches Verbindungselement der Metropole Tianjin mit ihren mehr als Zwölf Millionen Einwohnern.

Umgeben ist das Projekt von MVRDV von vier weiteren Kulturbauten, die von einem internationalen Architektenteam entworfen wurden. Kubatur und Volumen der Bibliothek wurde bereits im Masterplan festgelegt.

Städtisches Wohnzimmer

Nach eigener Aussage hat MVRDV das großartige Atrium der Bibliothek als eine Art städtisches Wohnzimmer entworfen. Das in der Fassade im Umriss erkennbare „Auge“ ist ihnen, sowohl von innen, wie auch von außen, wirksames Erkennungsmerkmal.

Das fünfstöckige Gebäude enthält umfangreiche pädagogische Einrichtungen, die entlang der Ränder des zentralen Innenraums angeordnet und durch das Atrium zugänglich sind. Dazu kommen unterirdische Servicebereiche, Buchspeicher und ein großes Archiv. Vom Erdgeschoss gelangen die Besucher leicht zu Lesebereichen, speziell für Kinder und ältere Menschen, zum Auditorium, dem Haupteingang und dem terrassenförmigen Zugang zu den darüber liegenden Stockwerken. Die erste und zweite Etage umfasst hauptsächlich Lesesäle, Bücher- und Lounge-Bereiche, während die oberen Stockwerke auch Konferenzräume, Büros, Computer- und Audioräume und zwei Dachterrassen umfassen. Auf den ersten Blick verblüfft es, wie die Bücherregale sich kaskadenartig nach oben verengen und spontan stellt sich die Frage, wie man denn jemals diese Bücher mit seinen Händen erreichen will. Die einfache Antwort: Gar nicht.

Zwischen den tollen Fotos und der Realität vor Ort gibt es einen großen Unterschied. Die oberen Regale sind leer, die dort sichtbaren Buchrücken nur auf Aluminiumplatten gedruckt. Sie bilden in Wirklichkeit die Rückwände der Regale.

200 000 statt 1,2 Mio. Bücher

Laut MVRDV ist es dem engen Terminplan geschuldet, dass ein wesentlicher Bestandteil des Gebäudes nicht ausgeführt wurde. Der ursprünglich geplante Zugang zu den oberen Regalen von Räumen hinter dem Atrium ist derzeit nicht möglich. Diese bauliche Änderung wurde vor Ort und gegen den Rat von MVRDV vorgenommen.

Ein deutsches Nachrichtenmagazin schrieb, dass 1,2 Millionen Bücher in dem Neubau untergebracht seien. In Wirklichkeit sind es aktuell nur etwa 200 000 Druckwerke. Wer sich in der ‚Tianjin Binhai Library‘ ein Buch ausleiht, wird überrascht feststellen, dass sich die meisten Bücher in Räumen hinter dem Atrium in klassischen Bücherregalen befinden.

Von der Bibliotheksleitung wird kolportiert, dass für das zentrale Atrium die Genehmigung fehlt, dort dauerhaft Bücher zu lagern. Das verwundert nur wenige, denn China ist berüchtigt dafür, astronomisch teure Kultureinrichtungen zu bauen, die
nur selten ihrer Bestimmung entsprechend genutzt werden.

Bibliotheken statt content

Laut dem Fernsehsender CNN rät die Bibliothek allen Ernstes, dass Personen unter 14 Jahren das Atrium nicht nutzen sollten. Auch High Heels seien der Nutzung abträglich, festes Schuhwerk, wie es Wanderer nutzen, dagegen angeraten. Die unregelmäßigen Stufen vor den Regalen haben bereits zu Unfällen geführt, weil deren Kanten schlecht zu erkennen sind.

Brauchen wir eigentlich im Zeitalter der Digitalisierung noch Bibliotheken? Unabhängig von spektakulären, ikonischen Neubauten werden Bibliotheken in Zukunft Orte bleiben, an denen man sich wohlfühlt und keinen digitalen oder kommerziellen Verführungen und Ablenkungen ausgesetzt ist. Fundiertes Wissen um Literatur, Kunst und Kultur resultiert nicht aus „Content“, der leicht aus dem Internet zu entnehmen ist. Digitalisierte Inhalte sind nicht in der Lage, diese Erfahrung zu vermitteln oder zu ersetzen. Dazu braucht es Kulturbauten wie Bibliotheken, denn sonst wären auch alle Konzertsäle dieser Welt überflüssig, seit wir Musik im MP3-Format konsumieren können.

Eine so großartige Architektur wie die ‚Tianjin Binhai Library‘ lockt zahlreiche Besucher und sorgt für internationale, positive Aufmerksamkeit. Als Bauherr sollte man aber auch den Willen haben und die Verantwortung spüren, Architektur bestimmungsgemäß zu nutzen, sonst bleibt von der Kultur eines Ortes wenig übrig.

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MVRDV

ist die Abkürzung der Architektennamen Winy Maas, Jacob van Rijs und Nathalie de Vries. Das weltweit tätige Architekturbüro ist bekannt für seine radikale und nach eigener Aussage „investigative“ Architektur. Die drei Planer haben einen großen Anteil an der Erneuerung der niederländischen Architektur.

Portrait: Allard van der Hoek

Factsheet

Büro: MVRDV

Standort: Dunantstraat 10, 3024 BC Rotterdam NL

Gründungsjahr: 1993

Mitarbeiter: ca. 80

Arbeitsgebiete: Privat-, Gewerbe- und Gesundheitsbauten, Ausstellungen, Design, Stadtplanung u.v.m.

Projekt: Tianjin Binhai Library

Standort: Tianjin (Stadtteil Binhai)/CHN

Bauherr: Binhai Cultural Center

Bauaufgabe: Bibliothek

Fertigstellung: 2017

Geschosse: 5

Nutzfläche: 33 700 m²

Materialien (Decke, Wand, Boden): Atrium: Treppen: Quartz, Provinz Fujiang; Boden: Universal Marble & Granite, UMGG Co.Ltd, www.umgg.biz; Wandfarben: Dulux, www.dulux.com; PVC-Belag: Jiefu; Wandverkleidungen: Lafarge, www.lafarge.com.cn; Lesesaal: Aluminumpanele: Janzu, www.jinzhulvye.com; Beleuchtung: exc-led, www.exc-led.com