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Sanierung der Spezialklinik, Schloss Gracht in Erftstadt-Liblar
Innenarchitektur von Sylvia Leydecker

Was müssen Räume bieten, damit sie in einer Akutklinik für psychische Erkrankungen funktionieren? Innenarchitektin Sylvia Leydecker hat dafür im denkmalgeschützten Schloss Gracht in Erftstadt-Liblar bei Köln eine Atmosphäre des Wellbeing geschaffen.

Autor: Thomas Geuder

English translation below

Die Attraktion in Liblar ist das historische Schloss Gracht, ein zweiteiliges Wasserschloss. Es liegt idyllisch im 9 ha großen Schlossgarten und einem barocken Teil, der ursprünglich nach französischem und englischem Vorbild angelegt wurde. Die Geschichte des Bauwerks geht bis auf die Zeit um 1500 zurück. Über die Jahrhunderte hinweg erhielt die Anlage einige Um- und Anbauten. Die jüngsten entstanden im neugotischen Stil nach einem Brand in der Vorburg.

Sylvia Leydecker, Wellbeing
Tageslounge im Rittersaal mit Leuchten von Flos, Sitzmöbeln und Tischen von Walter Knoll, Schaukelstühlen von Fredericia und Teppichen von Object Carpet. Foto: Karin Hessmann

Bis Ende 2018 befand sich hier das Universitätsseminar der Wirtschaft (USW). Nach dem Verkauf wurden die Gebäude zu einer – so die offizielle Bezeichnung – privaten Akutklinik für psychodynamische Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik umgebaut. Die Klinik leitet der Psychiater Dr. Karsten Wolf. Er behandelt Menschen mit stressbedingten Belastungsfolgen.

Schloss Gracht unter Denkmalschutz

Den Umbau gestalteten die Innenarchitektin Sylvia Leydecker und ihr Team von 100% interior aus Köln. Sie verbanden damit das Ziel, „entsprechend der Präsenztherapie Räume zu entwerfen, die das therapeutische Konzept unterstützen und damit zur Genesung beitragen“.

Das konnte nur unter dem Vorzeichen des Denkmalschutzes geschehen. Für die Innenarchitektin bedeutete das zunächst die Erhaltung der bestehenden Substanz, die schließlich die Geschichte des Hauses in sich trägt. So wurden beispielsweise massive Parkettböden erhalten und sorgfältig aufgearbeitet. Wände behielten ihre Putzoberflächen mit sanfter und lebendiger Farbigkeit. Stucco-lustro-Marmorimitate blieben bestehen. Neues entstand mit hoher Qualität und langer Lebensdauer, um das Reparieren und Aufarbeiten zu ermöglichen.

Sylvia Leydecker, Wellbeing
Farbenfrohe Sessel ‚Juju‘ von Moroso korrespondieren mit dem aufgearbeiteten Fischgrätparkett, den alten Flügeltüren und dem Kamin im Brückenzimmer. Foto: Karin Hessmann

Hinzu kamen etwa Holz mit fein geschliffener Oberfläche, hochwertige, gewebte Stoffe und echtes Leder. Teppiche beziehungsweise Teppichfliesen, Messing und viele andere Materialien ergeben zusammen ein durchdachtes, harmonisches Gesamtbild.

Sylvia Leydecker steht für ganzheitliche Innenarchitektur

Bei der (Neu-)Gestaltung ging es neben der statisch notwendigen Überarbeitung des Bauwerks vor allem um das Erzeugen einer auf die Bedürfnisse einer Spezialklinik für Präsenztherapie ausgelegten Atmosphäre des Wellbeing. Sie ist geprägt von hohem Komfort, einer angenehm natürlichen Unaufgeregtheit sowie Ruhe und Entspanntheit.

Denn bei der Präsenztherapie geht es darum, die Klienten psychisch ins Hier und Jetzt zu holen, damit sie ihre Anwesenheit körperlich und seelisch erfahren können. Oder wie es Klinikleiter Karsten Wolf ausdrückt: „Wir wollen ein Umfeld von Wärme, Geborgenheit und Bezogenheit herstellen. Darin sollen unsere Patienten die Erfahrung von sicherer Bindung machen können. Das ist Heilung.“

Für die Umsetzung in Richtung Wellbeing ist eine ganzheitliche Betrachtung notwendig. Dazu trägt die Gestaltung der Räume maßgeblich bei. So strahlen die Patientenzimmer als privateste Räume vorwiegend eine sanfte Helligkeit aus. Sie weisen sandfarbene Teppichböden, Vorhänge mit Leinenstruktur sowie ein Mobiliar mit heller Holzoptik und Messing-Inlays auf. Farbliche Akzente finden sich auch in den Sesseln, in den Muschelgriffen oder den Leuchtendetails. Auch die Bäder machen da keine Ausnahme. Hier fallen die dunklen Armaturen und der Duschboden mit seinen kräftigen Ornamenten auf.

Sylvia Leydecker, Wellbeing
Patientenzimmer. Foto: Karin Hessmann

Der ehemalige Rittersaal dient als Tageslounge. Elemente aus dem Bestand wie die kassettierte Decke samt Kristalllüster, die Marmormalereien an den Wänden, die markanten Samtvorhänge und das Eichenparkett bestimmen den Raum.

Anregende Therapieräume

Die Möblierung schafft Aufenthaltsinseln, die trotz der Größe des Saals Nahbarkeit für die Patienten erzeugen. Die subtil vielfältigen Materialien unterstützen das Erleben im Moment. „Je nach Tagesverfassung“, sagt Sylvia Leydecker, „entdecken und erleben die Patienten den Raum emotional immer wieder neu“.

Dem setzt sie einen gestalterischen Kontrapunkt in der angrenzenden Tageslounge entgegen, auch „Sushi-Zimmer“ genannt. Die japanische Kultur diente als Inspirationsquelle. Daraus ergaben sich eine frohe Farbigkeit, runde Formen und ein sanftes Blau an den Wänden.

Eingebettet in die bestehende Architektur, ergänzt um historische Ölbilder in barocken Rahmen entsteht somit eine spannende, aber unaufdringliche Atmosphäre des Wellbeing.

Die aufeinander abgestimmte Farb-, Muster- und Formensprache findet sich auch in der Empfangszone wieder. Dort ersetzt ein Kubus aus einem satt-dunkelgrünen, fein geäderten Marmor die klassische Rezeption mit Tresen. Über dem Kubus schwebt eine halbrunde, innen mit Blattgold ausgekleidete Deckenleuchte. Eine Messingwand, hinter deren Schiebetüren sich die Zimmerschlüssel befinden, vervollständigt das Ensemble. Zur reduzierten, klar strukturierten Lobby tragen runde Samtpoufs und Ohrensessel bei.

Multisensuelle Wahrnehmung

Dem auf Geborgenheit und Bezogenheit abgestimmten Konzept folgt das künstliche Licht. Therapeutisch wirkt es als circadianes Licht. Großformatige Leuchten in jedem Patientenzimmer und im Restaurant bilden den Tageslichtverlauf ab. Gezielt platzierte Stehleuchten sowie Schreibtisch- und Leseleuchten sorgen ebenfalls für Wohnlichkeit und Wellbeing.

Die vielen schallschluckenden Materialien lassen auch akustisch eine ruhige, wohltuende Atmosphäre entstehen. Sie wird allenfalls durch das Spiel auf dem Steinway-Flügel oder das Zwitschern der Vögel im Park bei geöffnetem Fenster unterbrochen. „Sinnliche Anregung, die man hört, die inspiriert und entspannt“, beschreibt die Innenarchitektin den Eindruck.

Leydeckers Konzept verfolgt die Verbindung der Sinne durch gefühlsorientiertes Erleben. Dazu zählen die multisensuelle Wahrnehmung durch Sehen, Hören und Fühlen.

Optik, Akustik und Haptik waren die wichtigsten Antriebsfedern für den Entwurf, um unmittelbares Erleben, Körpergefühl und Emotionen im Moment zu ermöglichen. So entstand ein Ort, an dem Seele und Körper als Einheit genesen können.


Porträt: Sandra Stein

Innenarchitektin Sylvia Leydecker
gründete 1997 ihr Innenarchitekturbüro 100% interior in Köln. Studium und Diplom (1996) an der Fachhochschule Wiesbaden (fhw) und der Universität Trisakti Jakarta/Indonesien.


Factsheet

Projekt:Privatklinik Schloss Gracht
Standort: Erftstadt-Liblar
Bauherr: Schloss Gracht Immobilien GmbH
Bauaufgabe: Umnutzung zur Klinik
Innenarchitekten:100% interior Sylvia Leydecker, Köln
Ingenieure:Robus GmbH, Köln
Fertigstellung:komplett November 2019, Inbetriebnahme erster Teilabschnitt im September 2019
Geschosse: EG, 1. OG, 2. OG, DG
Nutz-/Wohnfläche:ca. 4 000 m², 81 Bettenv
Bodenbeläge/Möblierung/Beleuchtung/Sanitär (Auswahl):Teppichfliesen ‚World Woven‘ von Interface; abgefasste Teppiche ‚Glory‘, ‚Bowlloop‘, ‚Flash‘, ‚Poodle‘ von Object Carpet; Armchair und Dining Chair ‚375‘, Sofa ‚Jaan Living‘, Beistelltisch ‚Joco‘, ‚Oota‘ Table von Walter Knoll; ‚Wagner J16 Racking Chair‘, ‚The Spanish Dining Chair‘, Tisch ‚Taro‘ von Fredericia; ‚Sushi Collection‘, ‚Juju small Armchair‘, Sofa ‚Deco Futura‘ von Moroso; ‚Crona Lounge‘, ‚Ray Lounge‘ von Brunner; Tisch ‚Gueridon‘ von Vitra, ‚IC Lights Floor‘, Stehleuchte ‚Captain Flint‘ von Flos; Stehleuchte ‚Globe 1.0 Rost‘ von Wever & Ducré; Sessel ‚Luxembourg‘ von Fermob; Hocker ‚Stone Kristall‘ von Kartell; Tischleuchte ‚Frits‘, Stehleuchte ‚Sten Cloud‘ von Domus; zirkadianes Licht von Osram; Armaturen ‚Uno 100 polished black chrome‘ von Axor
Zur Homepage von 100% interior
Interview mit Sylvia Leydecker
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