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Mini-Hotel Amarzém in Porto/Portugal

In Stein gegossen

Die alte Hafenstadt Porto, an der Mündung des Douro gelegen, ist ein quicklebendiger, städtischer Organismus, in dem alte und zeitgenössische Architektur koexistieren. Wir werfen einen Blick auf ein sehr kleines Hotel im historischen Kern der Stadt.

Autor Rolf Mauer

Um das Besondere des kleinen Hotels besser einordnen zu können, lassen Sie mich etwas ausholen. In Porto haben nicht nur Álvaro Siza und Souto Moura gebaut, hier lohnt auch ein Besuch des Konzerthauses Casa da Música, entworfen von Rem Koolhaas und Ellen Van Loon vom Büro OMA. Das historische Stadtzentrum von Porto ist UNESCO-Weltkulturerbe und damit nicht genug. – Die Region Alto Douro wurde bereits 1756 das weltweit erste geschützte Weinbaugebiet und zählt seit 2001 ebenfalls zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Porto ist nicht nur durch seine einmalige Lage und Historie bemerkenswert. Mit der in den 1950er-Jahren gegründeten Escola do Porto (Schule von Porto) ist eine Stilbewegung entstanden, die die moderne Architektur Portugals entscheidend geprägt hat. Hier hat eine der einflussreichsten, dem Minimalismus und dem Kritischen Regionalismus zurechenbare architektonische Strömung ihren Ursprung, die mit den bereits genannten Álvaro Siza Vieira und Eduardo Souto de Moura gleich zwei Pritzker-Preisträger hervorbrachte.

Zwischen all den alten, eindrucksvollen Bürgerhäusern Portos ist viel Verfall zu sehen und doch schaffen es junge Architekten, die Stadt zu erneuern, ohne dass diese ihr Gesicht verliert. Hinter mancher Gebäudefassade steht eine aufwendige und gelungene Sanierung und auch am dynamischen und lauten städtischen Platz Largo de São Domingos vermutet man hinter der unscheinbaren, in eine Ecke geklemmte Fassade mit der Hausnummer 74 keine sehenswerte Archi- tektur. Das Gegenteil ist der Fall: Hier verwandelte das Architekturbüro Pedra Líquida ein altes Eisenwarengeschäft in ein puristisches, minimalistisches Hotel.

Die Portuenser Architekten von Pedra Líquida „glauben an die Konsolidierung der Stadt und engagieren sich stark in der Sanierung von Stadtgebäuden“. Besser als in dieser Selbstbeschreibung kann man die bisherigen Arbeiten der portugiesischen Planer nicht zusammenfassen. Pedra Líquida, der Name bedeutet „Flüssiger Stein“, wurde 2006 von Alexandra Grande, Daniela Coutinho und Nuno Grande gegründet.

Während die Fassade des Armazém Luxury Housing fast unverändert ist, blieb dahinter bis auf die Gebäudetrennwände kein Stein auf dem anderen. Der erwähnte „Pedra Líquida“ übernimmt in Form eines Sichtbetons einen bedeutenden Teil der Innenarchitektur. Mit einer sägerauen Schalung gaben die Architekten dem Beton eine grobe Anmutung, die neben den großformatigen Natursteinwänden der alten Wände zu den Nachbarhäusern gut bestehen kann.

Charme von Klosterzellen

Ein zentraler Hof ist das Herz des Mini-Hotels und bringt viel Licht in die wenigen Hotelräume. Eine leichte und sehr einfach gehaltene Cor-Ten-Stahl-Treppe nimmt die Historie des vorigen Eisenwarenhandels auf und zeigt die Vertikalität der sechs Etagen. Kalter Stahl und roher Beton stehen im Kontrast zu hellem Holz, feinen Stoffen und bequemen Teppichen. Für die Innenarchitektur zeichnen der Architekt Luís Sobral, der bereits zum Projektteam bei einem früheren Hotelbau von Pedra Líquida gehörte und die Inhaberin des Armazém Luxury Housing, Fernanda Gramaxo, verantwortlich. Die kleineren Zimmer verströmen durch den Dualismus zwischen groben Wandbaustoffen und feineren Ausstattungsoberflächen den transzendenten Charme von Klosterzellen.

Die Rezeption im Erdgeschoss und eines der größeren Zimmer im vierten Stock sind zum Platz orientiert. Von der Rezeption geht es eine Treppe hinunter, entlang einer alten Steinrampe zum Frühstücksraum und Esszimmer mit angeschlossener Küche. Wer das Gebäude in den oberen Stockwerken begeht, dort liegen die Hotelzimmer mit angeschlossener Nasszelle, entdeckt abwechslungsreiche Aussichten in die Stadt. Die Terrasse im obersten Geschoss verwöhnt mit einer Fernsicht bis zur Kathedrale von Porto, einem Ausgangspunkt für den Camino Portugues, den portugiesischen Jakobsweg.

Ironie und Witz im Innenraum

Bei der Ausstattung der Räume und Flure blieb offensichtlich viel Platz für Ironie und gestalterischen Witz. In den Fluren, öffentlichen Räumen sowie im Lichthof wurden unter der Decke und an der Wand einfache, verzweigte Rohrsysteme installiert, die am Ende in eine schlichte Glühlampe oder im Außenbereich in eine einfache Schiffsarmatur auslaufen. Eine minimalistische, zurückhaltende und doch funktionale Beleuchtungsidee.

Durch die enge Bauparzelle bleiben nur wenige Möglichkeiten, die Stadt aus den Innenräumen zu erfahren. Das Gebäude ist, wie viele kleine Hotels in Porto, sehr introvertiert, ohne dass man dies als Mangel empfindet. Wer die lärmende Stadt kennt, ist über die ruhig liegenden Zimmer nicht besonders unglücklich.

Aus einem alten Warenhaus wurde ein neues räumliches Experiment, behaupten die Architekten selbstbewusst und finden, dass dieses Gebäude ein lohnendes Ziel in Porto ist. Das wollen wir gerne bestätigen und stehen mit dieser Meinung nicht alleine: Viele Gäste bewerten das Armazém Luxury Housing in den einschlägigen Portalen ebenfalls mit den besten Noten. Unser Rat lautet: Vergessen Sie Lissabon, Porto ist viel schöner.

Zum Interview mit den Architekten


Die Katze gehört zum Büro der Architekten

Pedra Líquida Arquitectos

Inhaberin: Eng. Alexandra Grande

Gründung: 2006

Mitarbeiter: 16

Arbeitsgebiete: Architektur, Renovierung und Sanierung, Stadtplanung, Innenarchitektur

www.pedraliquida.com


Factsheet

Projekt: Hotel Armazém Luxury Housing

Architekt: Pedra Líquida Arquitectos

Innenarchitektur: Luís Sobral mit Fernanda Gramaxo

Standort: Porto/Portugal

Bauherrin: Fernanda Gramaxo

Bauaufgabe: Hotel

Planungsbeginn: 2015

Fertigstellung: 2016

Grundstücksgröße: 177 m²

Geschosse: 6

Geschossfläche: 958 m²

Materialien (Decke Wand Boden): Fenster: Velfac, Lüftungstechnik: Daikin, Sanitärausstattung: Duravit; Aufzug: Grupnor; Wand: Sichtbeton Nanocrete und Gipskarton; Armaturen: w2007


A small hotel in Porto, Portugal

Cast in stone

The old harbor town of Porto, located along the Douro river estuary, is a very lively urban organism where old and contemporary architecture coexist side by side.We cast a glance at a very small hotel in the town’s historic core.

Author: Rolf Mauer

I’d like to give you a bit of background information so that you may better understand what is so special about this small hotel. Not only Álvaro Siza and Souto Moura have built here in Porto; a visit to the Casa da Música concert hall, designed by Rem Koolhaas and Ellen Van Loon of the OMA studio, will also be worth your while. The historic center of Porto was declared a World Heritage Site by UNESCO, but that’s not all. As early as in 1756, the Alto Douro region became the first protected winegrowing area worldwide and has been a UNESCO world heritage since 2001 as well.

It’s not the unique location and history alone that make Porto a remarkable town. In the 1950s, the Escola do Porto (School of Porto) was established, bringing about a style trend that had a significant impact on Portugal’s architecture. One of the most influential architectural trends, attributable to minimalism and critical regionalism, originated here, and it brought forth two Pritzker award-winners – Álvaro Siza Vieira, already mentioned above, and Eduardo Souto de Moura.

A great deal of decay can be seen between all those old, impressive family homes. Nevertheless young architects manage to modernize the town without Porto losing its outward character. Behind many a building façade you will find an elaborate and successful refurbishment, and at Largo de São Domingos as well, a dynamic and clamorous urban space, there are no hints of noteworthy architecture behind the inconspicuous façade of house no. 74, pushed into a corner. But the opposite is true. Here, the Pedra Líquida architects’ studio has transformed an old hardware store into a purist and minimalist hotel.

The Portuguese architects of Pedra Líquida “believe in the town’s consolidation and are strongly committed to the renovation of urban buildings“. You couldn‘t sum up in a better way the description the Portuguese planners provide of their previous work. Pedra Líquida (“liquid stone“) was founded by Alexandra Grande, Daniela Coutinho and Nuno Grande in 2006.

While the façade of Armazém Luxury Housing Hotel remained practically unchanged, no stone was left unturned behind it, apart from the dividing walls. This “liquid stone” makes up an important part of the interior design in the shape of exposed concrete. With rough-sawn formwork, the architects gave the concrete a coarse appearance, enabling it to stand its ground beside the large-format natural-stone walls of the adjacent buildings.

The charms of a monastic cell

The core of the mini-hotel is a central courtyard that brings plenty of light into the hotel‘s few rooms. A lightweight and simply designed COR-TEN steel staircase picks up on the history of the former hardware store and demonstrates the perpendicularity of the six levels. Cold steel and rough concrete provide a contrast to light colored wood, fine fabrics and comfortable carpets. Architect Luís Sobra, who had already been a team member in a former Pedra Líquida hotel project, and Fernanda Gramaxo, owner of Armazém Luxury Housing, were both in charge of the interior design. The smaller rooms exude the transcendental charm of monastic cells due to the dualism between coarse wall-building materials and higher-quality furnishing surfaces.

The ground-level reception and one of the larger rooms on the fourth level have a view toward the square. Starting from reception, a staircase passing alongside an old stone ramp leads down to the breakfast and dining rooms with adjacent kitchen. Walking through the building on the upper levels, where the hotel rooms complete with wet cells are situated, you will discover varied views of the city. On the topmost level there is a terrace that offers a distant view of Porto’s cathedral, which is a starting point of the Camino Portugues, the Portuguese variant of the Way of St. James.

When the rooms and corridors were outfitted, there was obviously wide scope for irony and creative jokes. In the corridors, the public areas and atrium, branched pipe systems were installed on the wall, which at the ends phase out into a plain light bulb or, on the outside, into simple ship’s fittings. A minimalist, reticent and yet functional lighting concept.

Ironic and witty interiors

Due to the narrow building footprint there is only very limited scope for experiencing the city from the interior spaces. Like many small hotels in Porto, the building is very withdrawn, but this is not felt to be a disadvantage. Those who know the noisy city will not be unhappy about the quiet rooms.

The architects self-confidently maintain that they created a new spatial experiment out of an old store and they think that in Porto this building is worth visiting. We would like to confirm this, and we are not alone in this opinion. On relevant portals, many guests, too, award best ratings to Armazém Luxury Housing. Our advice is: forget Lisbon, Porto is far more beautiful.

The cat is part of the team.

Pedra Líquida Arquitectos

Owner: Eng. Alexandra Grande

Established in 2006

Staff: 16

Work areas: architecture, renovation and refurbishment, urban planning, interior design

www.pedraliquida.com

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