Home » News » Meinung » Werner Aisslinger

Textil ist nah am Menschen

Werner Aisslinger

Welche Rolle spielen Textilien im Raum? Was müssen die Stoffe aus Sicht von Innenarchitektur und Design können? Dazu haben wir Werner Aisslinger in Berlin befragt. Ein Vorgeschmack auf seine Teilnahme am Design Dialog der Heimtextil 2020.

Interview Fredericke Winkler

Das Büro von Werner Aisslinger in Berlin bildet eine erstaunlich gute Analogie zum eklektischen und interaktiven Gestaltungsstil, wie ihn der Querdenker in seinen jüngsten Projekten für die deutsche Design- und Boutiquehotelkette 25hours unter Beweis stellt. Wenn er etwa in Berlin der Rezeption einen Kiosk und eine Bäckerei an die Seite stellt oder am Zürcher Standort Gäste Vintage-Objekte zur Ergänzung der Hoteldekoration mitbringen dürfen. Denn auch das Studio hat mit wenigen Wänden, am Eingang lehnenden Fahrrädern, zahlreichen Pflanzen, Prototypen und Inspirationsmaterial jeder Art das Flair einer Wunderkammer.

Auf Tischen türmen sich Stoffe, weil Aisslinger aktuell den Messeauftritt des Textilproduzenten Trevira CS auf der Heimtextil plant. Und um Stoffe soll es auch im Interview gehen. Welche ästhetische Rolle spielen sie in seiner Wunderkammer? Welche funktionalen Anforderungen müssen sie erfüllen und welche Zukunft sieht Aisslinger für den Werkstoff voraus?

Werner Aisslinger, Textilien, 25hours
Der Designer entwickelt selbst keine Textilien, weiß aber genau, wie sie auf seinen Möbeln und in seinen Räumen wirken sollen. Foto: Steffen Jänicke

Herr Aisslinger, Textilien spielen sowohl in der Raumgestaltung als auch im Möbeldesign eine wichtige Rolle. Sie machen beides. Gibt es einen Unterschied?

Werner Aisslinger: Ich war früher der klassische Produktdesigner, der seinen Entwurf vor der weißen Hohlkehle gesehen hat. Wie sieht das Ding an sich als Skulptur aus? Seit wir immer mehr in die Innenarchitektur einsteigen, sehe ich die Collagefähigkeit eines Produktes an erster Stelle.

Wie kann sich das Objekt mit anderen Farben, Materialien, Objekten und Räumen verknüpfen? Gute Designobjekte sind eben nicht die solitären, die vor weißem Hintergrund wirken, sondern die, die sich einfügen können, sowohl in Bestandsräume als auch in neue Räume. In diesem Sinn begünstigen sich beide Gestaltungsprozesse, wie ein Ping-Pong-Spiel.

Werner Aisslinger, Textilien, 25hours
Blaue Farbtöne für die Blaue Stunde in der Monkey-Bar im 25hours in Köln. Foto: Steve Herud

Was sieht dieses Ping-Pong-Spiel konkret aus?

Werner Aisslinger: Oft entwickeln wir Möbel für unsere Interior-Projekte. Daraus entstehen wiederum Serienmöbel und -leuchten. Oder wir entwickeln Details aus Projekten weiter, Türklinken etwa. Das Produktdesign steht bei uns also oft im Zusammenhang mit Contract-Projekten und schwebt nicht im freien Raum. Wenn man Räume kreiert, denkt man auch bei Produkten anders. Das ist ein großes Plus: Alles hängt miteinander zusammen. Wir spielen zwischen Gebäuden, Innenräumen und Objekten.

Welche Rolle spielt dabei das Textil?

Werner Aisslinger: Produktdesign lebt von der Idee und ist ein überschaubarer Prozess. Hier haben wir also Raum für Experimente. Wir haben immer mal wieder Versuche mit textilen Werkstoffen gemacht, vor zwölf Jahren etwa mit Klebefäden, die in Hightech-Strick verarbeitet werden können. Man strickt erst und dann verpresst man und entwickelt so Module. Wir haben 2009 mit einer alten kleinen Stickerei in Thüringen 3D-Skulpturen entwickelt, um mit dieser althergebrachten Technik neue Wege zu gehen. Wir haben immer schon gerne mit Textilien experimentiert.

Und wie sieht es mit Textilien im Raum aus?

Werner Aisslinger: Textil ist immer nah am Menschen. Wenn die erste Hülle des Menschen die Kleidung ist, so könnte man das Sofa, den Stuhl und das Bett als zweite Hülle bezeichnen, alles Objekte mit vornehmlich textilen Oberflächen.

Im Umkehrschluss kann man sagen: Je näher die Materialien räumlich am Menschen sind, desto wichtiger werden ihre textilen Komponenten. Wenn ich also ein Hotel mit, sagen wir, 300 Zimmern umsetze, werden kilometerweise Textilien in Form von Vorhängen, Überwürfen und Kissen verarbeitet. Dabei arbeiten wir hauptsächlich mit individuellen Lösungen. Das macht großen Spaß.

Werner Aisslinger, Textilien, 25hours
Möblierung im Diner, das von der Wiener Köchin Neni im Franchise bekocht wird und u.a. mit der Sessel-Serie ‚Geo‘ von Werner Aisslinger für Cappelini bestückt ist. Foto: Steve Herud

Welche Anforderungen an Stoffe ergeben sich dadurch für Sie?

Werner Aisslinger: Wir haben ein riesiges Materialarchiv und Textil ist die Hälfte davon. Dabei ist es für uns schwierig, den Überblick zu bewahren, denn die Textilbranche ist sehr komplex. Für mich ist das ein Dschungel von Lieferanten, Editeuren und anderen Anbietern, die es braucht, bis am Ende des Tages ein guter Stoff entsteht.

Und das Angebot an Stoffen ist extrem groß. Nicht nur, weil sie immer mehr Funktionen erfüllen, sondern auch, weil immer mehr Dessins auf den Markt drängen. Dabei sucht der Gestalter wie ich nicht nach einer solchen Vielfalt. Er möchte schön strukturierte Unistoffe mit einer besonderen Textur und Tiefe.

Wir sind auf der Suche nach interessanten dreidimensionalen Geweben, deren Struktur sich ändert, je nachdem, ob ich direkt davor oder drei Meter davon entfernt stehe. Das ist spannend. Und auf der anderen Seite brauche ich eine hohe Farbvarianz, weil der Stoff sich optimal synchronisieren muss mit den anderen Farben im Raum. Da gewinnt schon mal der Anbieter mit dem größten Farbspektrum.

Werner Aisslinger, Textilien, 25hours
Kultkosmos zu ‚Major Tom‘ und Space Oddity: Wer im 25hours in Köln logiert, fühlt sich an David Bowies Megahit von 1969 erinnert. Werner Aisslinger hat die Seventies in der Lobby sogar mit eigenen Sesseln, ‚Geo‘, ‘in Szene gesetzt, die von Cappellini hergestellt werden. Foto: Steve Herud

Warum diese Zurückhaltung bei den Mustern?

Werner Aisslinger: Wie gesagt, ich bin jemand, der geübt hat, Skulpturen in die Welt zu setzen, ob das eine Leuchte ist oder ein Stuhl. Und dabei habe ich gelernt, die Form im Vordergrund zu sehen und nicht die Textur oder die Fläche. Hätte ich mein Leben lang Flächen gestaltet, hörte sich mein Plädoyer sicher anders an. Hinzu kommt, dass wir, selbst wenn es wild und bunt wird, in langen Lebenszyklen denken.

Bei Motiven und Mustern laufen wir Gefahr, dass es sich um Modeerscheinungen handelt, die nicht lange standhalten. Wir wollen in Deutschland aber nicht den Trends folgen, weil wir unsere Einrichtung nicht, wie vielleicht in den USA, in kurzen Intervallen ändern und verschiedene Stilwelten ausprobieren können. Hier denken wir in konsistenten Stilen; in Welten, die bis zu zehn Jahre Bestand haben. Drucke und Motive sind zu vergänglich.

Werner Aisslinger, Textilien, 25hours
Sepiatöne bis in die Möbelbezüge: Die Monkey Bar im 25hours Hotel in Köln spielt mit dem Genre der verrucht-verrauchten Flüsterbars der prohibitiven Golden Twenties, 2018. Foto: Studio Aisslinger/© Steve Herud

Hotels sind aktuell sehr mutig in puncto Farben und Muster.

Werner Aisslinger: Hier sind auch wir deutlich mutiger. Kürzere Renovierungszyklen lassen das zu und dennoch müssen die Stile immerhin sieben Jahre durchhalten. Eine prägnante Tapetenwand kann man aber zur Not in drei Jahren wieder ändern. Diese kreieren wir dann aber eher selbst, um die Geschichte des Projekts zu erzählen. Ich war gestern im 25hours Hotel in Zürich, das wir vor zwei Jahren fertiggestellt haben.

Da haben wir mit einer Schweizer Fotografin Motivtapeten hergestellt, für jedes Stockwerk ein Thema. Wenn es also zur Story passt, zum Gebäude, zum Hotel und seinen Personen, mit dem Ort oder der Stadt korrespondiert, kann das Design motivorientiert sein. Man würde aber nicht irgendwelche Muster über eine Länge von 200 m durchtapezieren.

Werner Aisslinger, Textilien, 25hours
Die Farbwelten werden sorgfältig durchdekliniert. Dass dabei scheinbar unterschiedliche Stile gemixt werden, ist Gestaltungsprinzip. So im 25hours in Zürich, 2017. Foto: Studio Aisslinger/©Jens Bösenberg

Welchen Herausforderungen wird sich die Branche in Zukunft Ihrer Meinung nach stellen müssen?

Werner Aisslinger: In Zukunft wird die allgemeine Bedrohung durch den Klimawandel für einen Paradigmenwechsel sorgen. Der Anspruch der Haltbarkeit einerseits wird mit dem Wunsch nach natürlichen Materialien kollidieren. Wir leben in einer Zeit, in der die Ökobilanz immer wichtiger wird und ich glaube in Zukunft wird der CO2-Fußabdruck eines Materials mehr im Fokus stehen und weniger die Lebensdauer, wie sie über synthetische Komponenten erzeugt wird.

Wie lassen sich solche Visionen mit den funktionalen Ansprüchen an Textilien vereinbaren?

Werner Aisslinger: Heute erscheint das noch unvereinbar, aber ich bin mir sicher, dass hier ein Umdenken stattfinden wird und dass Materialkriterien wie die Klimaneutralität und Kreislauffähigkeit, auch im Sinne des Reyclings, Upcyclings oder der Kompostierbarkeit, wichtiger werden als beispielsweise die Scheuerbeständigkeit. Man wird kürzere Zyklen in der Soft-Renovation zugunsten des besseren CO2-Fußabdrucks in Kauf nehmen.

Und man wird diese Anforderungen zukünftig auch durch neue Materialentwicklungen auf nachhaltigere Weise bedienen können. Zumindest hoffen wir das sehr, denn wir sind keine Entwickler von neuen Stoffen. Wir sind User und Customizer und sind auf die Innovationsfähigkeit der Textilbranche angewiesen.

Das sind die fünf Heimtextil-Trends 2020


Fakten

Projekt: Hotel 25hours

Standort: Im Klapperhof 22-24, 50670 Köln

Innenarchitektur: Studio Werner Aisslinger, www.aisslinger.de

Produkte: Sessel ‚Geo‘ von Cappellini, www.cappellini.com

Fotos: Mike Herud

Termin: Design Dialog bei der Heimtextil, 7. bis 10. Januar 2020 in Frankfurt am Main

Anzeige

Top-Thema

Anzeige

Neueste Beiträge

Titelbild md 11
Ausgabe
11.2019 kaufen

EINZELHEFT

ABO


Architektur Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de