Home » News » Meinung » Hangar für Ideen

Wie Virtual Reality den Möbelhandel ändern kann

Hangar für Ideen

Bislang erscheint Virtual Reality als Spielerei. Dabei könnte die Technologie den Möbelhandel revolutionieren – und die Arbeitsgewohnheiten und das grundlegende Berufsbild von Innenarchitekten gleich mit. Niklas Larsén erklärt, warum.

Autorin: Johanna Neves Pimenta

Niklas Larsén wandelt zwischen Welten. Im wahrsten Sinne des Wortes zwischen realen und virtuellen, aber auch im übertragenen. Für ein Modedesignstudium zog er nach Mailand, wechselte dort zur Innenarchitektur, fundierte seine Berufslaufbahn in Stockholm beim Innenarchitekturbüro Mer – und setzt als dessen Kreativdirektor nun an, den Möbelhandel neu zu denken. Er sagt: „Für Möbelhersteller, die einmal einen virtuellen Showroom erlebt haben, gibt es kein Zurück.“ Aber beginnen wir am Anfang.

Larséns Faszination für Virtual Reality (VR) kommt aus einem Problem, das so mancher Architekt kennt: Er hat Ideen, aber kann sie nicht zeichnerisch darstellen. Modellbau ist aufwendig. Reden hilft, doch birgt das Potenzial für Missverständnisse. Eine Lösung fand Larsén im digitalen Raum und die technologische Entwicklung hielt mit seiner wachsenden Faszination Schritt: 2016 veröffentlichte Archicad ein Update, das es erlaubt, BIM-Modelle mit Google-Cardboard-Brillen in VR darzustellen. So kann Larsén heute sagen: „Wir habe einen Hangar für all unsere Ideen.“

Kicks_03.jpg
„Was wir zuerst in Virtual Reality sahen, war von bescheidener Qualität. Warum? Weil es Unternehmer, Game Developer und Programmierer waren, die das konzipierten! Keiner von ihnen versteht, wie man Räume erschafft, anders als wir Architekten“, sagt Larsén – und beweist für Swedese, wie gelungen digitale Räume wirken können.
Foto: Mer

VR als Kommunikationstool

Für ihn ist VR ein starkes Kommunikationstool, das die Zusammenarbeit mit Bauherren völlig neu gestaltet. Er meint: „Normalerweise ist es schwer, einem Bauherrn die architektonische Vision zu vermitteln. Im virtuellen Raum ist das leicht. Es gibt keine Missverständnisse und man kann freier arbeiten als je zuvor.“ Als Beispiel nennt er das Stockholmer Microsoft Headquarter, das Mer plant. Schon ein Jahr vor Baubeginn können Mitarbeiter es im virtuellen Raum testen, Verbesserungsvorschläge einbringen, kurz: mitgestalten.

Doch Larsén wäre nicht Weltenwandler, wenn er bei der naheliegenden Anwendung im Berufsalltag bliebe. Er dachte weiter. „Was wir zuerst in Virtual Reality sahen, war von bescheidener Qualität. Warum? Weil es Unternehmer, Game Developer und Programmierer waren, die das konzipierten! Keiner von ihnen versteht, wie man Räume erschafft, anders als wir Architekten.“ Also begann er mithilfe eines multidisziplinären Netzwerks, selbst virtuelle Welten zu bauen. Zuerst im Kundenauftrag, dann einen Raum für alle: ‚Beon‘.

Mass_cam5_Final.jpg
In dem virtuellen Showroom ‚Beon‘ können Hersteller wie Massproductions ihr gesamtes Sortiment zeigen.
Foto: Mer

Der virtuelle Showroom

‚Beon‘ ist ein großzügiges, lichtdurchflutetes Loft mit Meerblick; eigentliche Hingucker sind jedoch die Einrichtungsgegenstände. Zu den ersten Kunden zählt Massproductions: Das schwedische Label erweiterte seinen Messestand auf der Stockholm Furniture Fair im virtuellen Raum und zeigte, wie sich beispielsweise ein vollständiges Restaurant einrichten ließe.

Doch warum soll eine digitale Möbel-Mall den Handel revolutionieren? Wollen Architekten nicht fühlen, anfassen, probesitzen? Absolut, sagt Larsén – doch er denkt die Arbeitsroutine neu. „Als Architekt hat man keine Zeit, einen Showroom zu besuchen. Wenn man es dann doch tut, sind nur zehn Prozent des Sortiments zu sehen; es beginnt ein ewiges Hin und Her mit Anschauungsmodellen, die zwischen dem Möbelhersteller und dem Büro versendet werden.“ In seiner Vision erfolgt der Erstkontakt im virtuellen Raum. Bei einem persönlichen Beratungsgespräch können sich Architekten einen Überblick über die vollständige Kollektion verschaffen; wenn sie danach den Showroom besuchen, sind sie sicher, dass das Objekt des Interesses dort ist. i-Tüpfelchen ist die nahtlose Platzierung des digitalen Möbels im VR-Projektrendering zur Abstimmung mit dem Bauherrn.

Mittelfristig, so prognostiziert Larsén, bräuchten Möbelhersteller nicht mehr einen großen, sondern mehrere kleine Showrooms. Möbelmessen hingegen sieht er unter Handlungszwang. „Seit 100 Jahren haben sie sich nicht geändert. Wenn sie das jetzt nicht tun, werden sie aussterben.“

Continental_01.jpg
Bis man Oberflächen in echt anfassen kann, liefern moderne Renderprogramme täuschend nahe Abbildungen.
Foto: Mer

Haben Messen eine Zukunft?

Larsén zählt nüchtern ab: Messen kosten sowohl Aussteller als auch Besucher Zeit, Geld und Energie. Dabei könnten Hersteller per VR zukünftig jederzeit ihre globale Community zur Neuheitenpräsentation laden.

Keine Materialschlachten; keine Reisekosten; kein Ringen um die flüchtige Aufmerksamkeit zwischen Hunderten Nebenbuhlern. Anstatt dass die Reichweite sinkt, wird sie laut Larsén steigen. „Heute ist VR eine Nischentechnologie, aber in zehn Jahren wird sie in der Masse verbreitet sein.“

Er geht davon aus, dass zu dem Zeitpunkt auch Augmented Reality (AR), also die computergestützte Erweiterung der realen Umgebung, selbstverständlicher Teil eines Shoppingerlebnisses sein wird: „Die Kunden werden in einem digitalen Shop, beispielsweise ‚Beon‘, etwas sehen und unmittelbar per AR in ihrer realen Umgebung platzieren können. Sie werden bewusstere Kaufentscheidungen treffen, weil sie besser informiert sind.“

Swedese_03.jpg
Im virtuellen Raum lassen sich nicht nur Räume zeigen – es lassen sie Erlebnisse schaffen, wie hier durch den Zutritt zum Swedese-Showroom.
Foto: Mer

Doch gefährdet diese Entwicklung nicht das Berufsbild des Innenarchitekten, insbesondere des Retaildesigners? Larséns Augen leuchten. „Viele Architekten haben Angst vor der Entwicklung. Dabei ist es eine Riesenchance! Ich bin überzeugt, dass wir in zehn Jahren nicht mehr auf Webseiten surfen, sondern zwischen digitalen Räumen wechseln. Und die müssen gestaltet werden, nicht von Grafikdesignern, nicht von Programmierern, sondern von Innenarchitekten! Unser Output wird steigen – durch physische und digitale Projekte.“ Platz für Letztere gibt es. In der virtuellen Welt besitzt bald jeder einen persönlichen Hangar für Ideen.


Niklas Larsén, geboren 1982, studierte in Mailand Fashion und Innenarchitektur. Als Head of Creative Development beim schwedischen Innenarchitekturstudio Mer ist er zugleich Gründer der VR-Plattform Beon.

Erfahren Sie mehr über Trends im Retaildesign auf unserer Themenseite

Retail


Mehr zum Thema Retail

Anzeige

Top-Thema

Anzeige

Neueste Beiträge

Titelbild md 6-7
Ausgabe
6-7.2019 kaufen

EINZELHEFT

ABO

Anzeige

Architektur Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de