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Sorge um den Bestand: Ausstellung und Symposium

Symposium des BDA NRW im Viktoriabad Bonn
Sorge um den Bestand

Zwei Imperative als Titel eines Symposiums – mit solcher Vehemenz wird man selten eingeladen. Der BDA NRW diskutierte die Sorge um den Bestand, das Abreißen und Neubauen sowie die Zeit für einen Paradigmenwechsel beim eintägigen Symposium im Juni 2022. Ein Nachbericht.

Zwei Imperative als Titel eines Symposiums – mit solcher Vehemenz wird man selten eingeladen. Doch der BDA NRW wollte direkt auf den Punkt kommen, denn die Erkenntnis ist längst da: das Bauen im Bestand, das Abwägen und Verhandeln von Verändern und Bewahren gegenüber der einfachen Praxis des Abreißens und Neubauens wird in Zukunft einen erheblichen Teil des Architekturschaffens ausmachen. Aufbauend auf die parallel gezeigte Ausstellung „Sorge um den Bestand“ sollte es bei dem eintägigen Symposium am 10. Juni 2022 nun um die Fragen der Umsetzung gehen: wie können wir Bestand bewerten, wie verändert sich unser Verständnis von Ästhetik, wie die Konstruktionsprinzipien und der Entwurfs- oder Planungsprozess? Und wie wird Architektur in Zeiten dieses Paradigmenwechsel gelehrt?

Ausstellung Sorge um den Bestand

Der Einladung in das vom BDA für vier Wochen zum Ausstellungs- und Konferenzort umfunktionierten trockenliegenden Bonner Viktoriabad waren rund 85 Experten, Interessierte und Kollegen, Lehrende und Studierende gefolgt, die sich gleichermaßen erfreut über die Atmosphäre in der 70er Jahre Schwimmhalle mit dem großen Kunstglasfenster zeigten, wie erschreckt über die Ratlosigkeit der Stadt mit deren Zukunft.

Nach der Begrüßung durch den BDA NRW Landesvorsitzenden Gert Lorber übernahm der Journalist und Architekturhistoriker Jörg Biesler die Moderation des Symposiums. In zwei Runden hörten die Gäste Vorträge von Referenten, die mit ihrer praktischen oder wissenschaftlichen Arbeit stützten, was die Ausstellung „Sorge um den Bestand“ anschaulich fordert. Anschließend gab es in jeweils vier Tischgesprächen die Möglichkeit einzelne Themen gemeinsam zu vertiefen. Das Nichtschwimmerbecken wurde für die Laufzeit der Ausstellung bestuhlt und zum Auditorium umfunktioniert.

Transformation mit neuen Methoden

Warum wir mehr solcher ungewöhnlichen Ansätze brauchen, erläuterten Katja Fischer (Programm- und Projektleiterin IBA Thüringen) und Jan Kampshoff (modulorbeat, Münster; Entwerfen und Baukonstruktion TU Berlin) mit ihrem Eröffnungsvortrag ‚Aufbruch ins Bestehende‘, der an die in der Ausstellung geforderte Neupositionierung mit dem erweiterten Berufsbild als Architoren und Kuratekten anknüpfte. „Wie wenig ist genug?“ solle künftig zur Leitfrage werden. Auch die Lehre müsse weg vom weißen Blatt, um Transformation mit neuen Methoden zu unterrichten.

Mit dem Ziel gemeinwohlorientierter Stadtentwicklung ist die Montag Stiftung Urbane Räume bereits ausschließlich im Bestand aktiv, erläuterte Robert Winterhager als Redner des 1. Panels (Schön, dass ihr dabei seid!). Mit Investitionen in benachteiligte Stadtteile verknüpft die Stiftung soziale mit wirtschaftlichen Gedanken und schafft eine die langfristige Perspektive, da erwirtschaftete Überschüsse zurück in den Stadtteil fließen. Dass dies in der Praxis funktioniert, zeigten die gelungenen Transformationen der Samtweberei in Krefeld und des BOB-Campus in Wuppertal.

Die Poesie des Gebrauchten

Eine ganz andere Perspektive brachte die Architektin Inge Vinck (architecten jan de vylder inge vinck, Gent; Kunstakademie Düsseldorf) im 2. Panel ein, als sie mit zauberhaften Bildern ‚Die Poesie des Gebrauchten‘ erläuterte. Die sei weder Ziel noch als Ausgangspunkt, sie sei einfach da, wenn man lernt anders zu sehen. So würden Risse in der Wand zu Schmuck, Fehlstellen zu Auszeichnungen, und Alt und Neu beginnen einen Dialog.

Von der Poesie ins Business erschien als großer Sprung, dabei zog Annabelle von Reutern, die die Firma Concular vorstellte, doch am selben Strang. Wenn in Zukunft mehr nach dem Prinzip „Form follows Verfügbarkeit“ entworfen werden müsste, sei die zirkuläre Wertschöpfung (Recycling und Wiederverwendung) für Baumaterialien zwingend notwendig und zudem eine große Chance für alle. Dazu hat Concular ein digitales Ökosystem entwickelt, das vom Material- und Produktpass über das Match-Making, bis zur Ökobilanzierung und Wertberechnung alle Leistungen anbiete.


Tischgespräche 1. Runde

  • Bestand und Denkmal – Zwei Seiten einer Medaille? | Moderation: Prof. Oskar Spital-Frenking (Spital-Frenking + Schwarz Architekten und Stadtplaner BDA, Dortmund; Baudenkmalpflege Hochschule Trier)
  • Ressource Nachbarschaft – Gemeinwohlorientiert und Nachhaltig | Moderation: Dr. Robert Winterhager (Montag Stiftung Urbane Räume gAG, Bonn)
  • Die Poesie des Gebrauchten – Veränderte Sehgewohnheiten oder neue Ästhetik? | Moderation: Peter Köddermann, Baukultur Nordrhein-Westfalen
  • Ressource Haus – Form follows Verfügbarkeit | Moderation: Annabelle von Reutern (Concular, Berlin)

Nach der Mittagspause stellte Jitse van den Berg (noAarchitecten, Brüssel) in seinem Vortrag für das 3. Panel ‚Metamorphosen – Umnutzung, Weiterbau, Reparatur und Wandel‘ zwei außergewöhnliche Transformation vor: ein Gefängnis in Hasselt zur juristischen Fakultät und Het Steen, das ältesten Haus Antwerpens zu einem Besucherzentrum und ganz nebenbei auch zu einem Teil des Hochwasserkonzeptes.

Unter dem Titel ‚Second Hand Urbanism‘ berichtete Tim Rieniets (Institut für Entwerfen und Städtebau, Leibniz Universität Hannover) als Mit-Erfinder des Wortes Umbau-Kultur, im 4. Panel, dass sich das Thema seit seiner ersten Beschäftigung damit 2014, verstetige und sogar schon etwas in den politischen Diskurs einsickere. Seinen Beitrag widmete er dem städtebaulichen Maßstab, denn da unsere Städte zu groß für den Abriss sind (tabula rasa machen nur Autokraten!), seien wir Umbauer wie unsere Vorfahren. Das Umbauen sei schon immer Bestandteil unseres architektonischen Wertekanons gewesen, wir hätten es über die Reformversprechen der Moderne nur aus den Augen verloren.

Marc Pouzol (Atelier le Balto, Landschaftsarchitekten, Berlin) widmete seinen Redebeitrag dem ‚Potenzial der Nische‘, einem mehr gewachsenen als gestalteten Dschungel in den schattigen Öffnungen des Palais de Tokyo und der bewachsenen Promenade mit Gewächshaus auf dem Neubau des Oberhausener Jobcenters (Kuehn Malvezzi). Das Nichtfertige, das ewige Wachsen und Werden, so forderte Pouzol, solle seinen Platz in der Stadtentwicklung haben, und genau das müssten die Studierenden heute lernen.


Tischgespräche 2. Runde

  • Wachsender Bestand | Moderation: Ayşin İpekçi (Studyo Architects, Köln)
  • Die große Unsicherheit – warum Rechtsnormen den Bestand gefährden | Moderation: Prof. Georg Giebeler (4000architekten, Köln; Bauen mit Bestand und Baukonstruktion, Bergische Universität Wuppertal)
  • Second Hand Urbanism – Wie aus Umnutzung Stadt werden kann | Moderation: Prof. Tim Rieniets (Institut für Entwerfen und Städtebau, Leibniz Universität Hannover)
  • Zurück in die Zukunft – Bestand in der Lehre | Moderation: Prof. Jan Kampshoff (modulorbeat, Münster; Entwerfen und Baukonstruktion TU Berlin)

Die Atmosphäre im Viktoriabad war intensiv, der Wunsch sich auszutauschen und neben den Best-Practice-Beispielen auch neue intellektuelle, ästhetische und technische Argumente zur weiteren Verbreitung mitzunehmen, war allgemein groß. Und wenn die Forderung des Titels auch von der Bonner Politik gehört wurde, könnte man an gleicher Stelle anknüpfen und statt Abriss zu beschließen lieber Pläne für die Zukunft von Viktoriabad und Stadthaus machen.

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