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Akustik: Maßnahmen gegen Lärm im Büro

Gute Balance

Airbnb, ein weltweit tätiger Vermittler von privaten Übernachtungsmöglichkeiten, hat bei seinen Räumlichkeiten in der US-amerikanischen Stadt Portland viel Wert auf abwechslungsreiche Zonen gelegt. Die Mitarbeiter können zwischen Open Spaces, Besprechungsräumen und Rückzugsmöglichkeiten wählen. Foto: Jeremy Bittermann
Schallschluckende bauliche Maßnahmen und Elemente sind nur die halbe Miete, um Störungen durch Lärm zu vermeiden. Deutliche Wirkungen lassen sich auch mit gut geplanten Ruhezonen erzielen.

Autorin: Kelly Kelch

Zu Hause ist da, wo wir uns wohlfühlen. Das gilt inzwischen auch für den Arbeitsplatz. Wir arbeiten gern und länger, wenn wir uns in der Umgebung entfalten können und keiner permanenten Geräuschkulisse ausgesetzt sind.
Obwohl Wohlfühlen zunächst ein sehr subjektives Empfinden ist, gibt es doch messbare Faktoren, die dazu beitragen, dass Menschen eine Atmosphäre als wohltuend empfinden. Dazu gehört zweifelsfrei die Akustik eines Raums. Wodurch wird sie beeinflusst? Durch fast alles: die Bauweise, Wände, Decken, Bodenbeläge, Möbel, Textilien, das Material – und die Menschen selbst. Sie sind es schließlich auch, die darüber befinden, ob Lärm vorkommt und in welchem Ausmaß.
Deshalb gleich eines vorweg – den perfekten Arbeitsplatz gibt es nicht. Vielmehr trägt eine Reihe von sich ändernden Bedürfnissen dazu bei, auf indivi-duelle Weise das Arbeiten zu einer positiven Tagesaktivität werden zu lassen. Dabei gleicht die Suche nach Konzentration in modernen Arbeitsräumen oft einem vergeblichen Kampf gegen akustische und visuelle Störungen. Durchschnittlich erlebt der Büromitarbeiter etwa 104 Minuten visuelle und rund 298 Minuten akustische Störungen pro Tag. Das ermittelte die Beratungsgesellschaft Lauble Consult. Zu den Ursachen zählen demnach herumlaufende Kollegen, Besucher, E-Mails, Gespräche, Telefonate oder Bürogeräte.
Diese lassen sich nicht grundsätzlich vermeiden, weshalb es einen Kompromiss zwischen Kommunikation und Konzentration zu finden gilt. Zu den wesentlichen Maßnahmen gehört, mithilfe räumlicher Veränderungen zu steuern, wo Kommunikation stattfinden soll. Die Anordnung von Eingängen, Treppenhäusern und Gängen wirkt sich darauf aus, an welchen Orten Kollegen aufeinander treffen. Bereits bei der Planung von Bürogebäuden und -etagen kann man die Qualität von Raum und Bewegung, Integration sowie Kommunikation positiv beeinflussen. Zu den Parametern zählen die Planung von Grundriss, Einrichtung, Möblierung, technischen Installationen und der Raumnutzung.
Kein leichtes Unterfangen. Das bestätigt unter anderem die weltweit in diesem Jahr durchgeführte Studie „Global Reports“ von Steelcase und Ipsos. Demnach sind in Deutschland lediglich zwölf Prozent der Mitarbeiter hoch motiviert. Als eine der Ursachen für diesen niedrigen Wert führen die Forscher an, dass es bei Bedarf keine geeigneten Rückzugsmöglichkeiten für konzentriertes Arbeiten gibt.
Hier stellt sich die Frage, ob sich Großraumbüros so gestalten lassen, dass Raum für individuelle Bedürfnisse bleibt. Nach Meinung von Björn Hellström ist das der Fall. Er hat ein Buch geschrieben, dessen Titel auf deutsch in etwa heißen müsste: „Über die Akustik und Architektur von Großraumbüros. Was das Ohr wahrnimmt, aber dem Auge verborgen bleibt“. Darin erklärt der schwedische Architekt und Akustiker: „Gestaltung ist für den einzelnen Mitarbeiter im Grundsatz machbar.“
Er nennt in diesem Zusammenhang Begriffe wie Platzqualität und Bewegungsmuster. Er geht in seinem Buch auch auf das Problem ein, dass der Kunde oft nicht weiß, was notwendig und machbar ist, der ausführende Planer aber eine passgenaue Lösung für die jeweiligen Räumlichkeiten finden muss.
hörsamkeit von räumen
Zur Basis akustischer Raumplanungen gehört das Wissen um die technischen und physikalischen Voraussetzungen, etwa der Ausbreitung des Sprachschalls. Eine Vielzahl von Untersuchungen hat gezeigt, dass es in offenen Bürolösungen in erster Linie von dieser Kenngröße abhängt, wie Menschen ihre akustische Umgebung wahrnehmen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Erreichen einer guten privaten Gesprächsumgebung an den einzelnen Arbeitsplätzen. Daher werden im Wesentlichen der Schallpegel und die Sprachverständlichkeit gemessen.
Bedeutsam ist ebenso die Hörsamkeit in Räumen. Im Fokus steht hier die Gestaltung von Hör- und Sprechbedingungen. Unterschieden wird zwischen Räumen des Typs A, in denen gute Hörbe-dingungen im gesamten Raum erforderlich sein müssen – zum Beispiel in Seminar- und Besprechungsräumen – und des Typs B, in denen Sprachverständlichkeit nur über kurze Distanzen gewünscht wird – etwa in Open Spaces.
Allerdings reicht es nicht aus, die Hörsamkeit eines großflächigen Raums nur mithilfe „klassischer“ raumakustischer Parameter wie der Nachhallzeit zu berechnen. Dass das zu unzureichenden Ergebnissen führt, bestätigen Erling Nilsson und Björn Hellström in ihrer Studie „Sound Design of Open Plan Offices“. Sie zeigt ferner auf, dass vor allem die Raumdecke über die Ausbreitung des Schalls entscheidet und dass für die Wechselwirkung zwischen raumakustischer und architektonischer Gestaltung sensibilisiert werden sollte.
Mit einer Akustikdecke allein ist es nicht getan. Auch die Platzierung der Akustikelemente, die für einen optimalen Standort in die Schallabsorberklassen A bis E segmentiert werden, spielt eine wesentliche Rolle. Klasse A bedeutet hierbei die größtmögliche Absorption.
Um die Theorie mit ihren technischen Parametern verständlich und die Raumsituationen erlebbar zu machen, wurde beispielsweise ein Tool entwickelt, mit dem man sich virtuell in unterschiedlichen Räumen umsehen kann. Das ist aber nicht alles: Mit seiner Hilfe lässt sich darstellen, wie sich das Raumgefühl durch akustische Maßnahmen verbessern lässt. In einem 360°-Modus kann nach Belieben die Raumakustik selbst beeinflusst werden, etwa durch den Austausch von Deckenkonstruktionen. Dazu sind nur ein Smartphone, eine Virtual-Reality-Brille und die dazu gehörige App erforderlich.
Trotz aller Messungen und baulichen Maßnahmen bestimmen vor allem die Beschäftigten über das Ausmaß des Lärms. Ruhezonen wie die Bibliothek der deutschen Zentrale von Vodafone, in der ein striktes Handyverbot besteht, tragen entscheidend dazu bei. Darüber hinaus bietet es sich an, einen Verhaltenskodex einzuführen.
Davon hält Samir Ayoub jedoch wenig. „Das funktioniert nicht wirklich“, ist der geschäftsführende Gesellschafter von designfunktion überzeugt. „Man kann nicht alles reglementieren, aber eine gewisse Sensibilisierung für Lautstärken forcieren.“ Sein Planungs- und Beratungsunternehmen löst die Problematik unter anderem mit kleinen Details wie lärmschutzsichere, schnurlose Kopfhörer, die via Bluetooth funktionieren. Damit kann man sich ortsungebunden innerhalb und außerhalb des Gebäudes bewegen. Ayoub zählt weitere Ansätze auf: „Hinzu kommen neben Raum-in-Raum-Lösungen mobile Telefonzellen, die man an beliebige Standorte des Büros rollen kann.“

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