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Wohnformen der Zukunft. Beitrag von Oona Horx-Strathern

Smart Home oder gemeinschaftliche Wohnprojekte?
Wohnformen der Zukunft

Warum das „Smarte Wohnen“ der Zukunft eher mit sozialer als mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat. Auch wenn die Elektronikindustrie das Internet of Things für die eigenen vier Wände anpreist – es gibt Alternativen.

Autorin: Oona Horx-Strathern

English translation below

Ein weiser, vielleicht auch etwas vergesslicher Mensch sagte einmal, dass das Heim jener Ort ist, an dem wir uns daran erinnern können, wer wir wirklich sind. Derzeit wächst der Glaube, dass das in Zukunft die Aufgabe von Alexa und Co. ist: „Darf ich Dich daran erinnern“, flüstert unser digitaler Assistent, „dass Du einen Stressfaktor von plus 48 hast, und Deine Identität als Erdbewohner bei weiterem Anstieg Deines Blutdrucks zur Disposition steht??!!“

Margaret Mitchell, eine Wissenschaftlerin am Google-Institut für Maschinenintelligenz in Seattle, bezeichnete das Meer der männlichen Programmierer und Nerds, die die Tech-Branche vollständig dominieren, einmal mit „Sea of dudes“. Diese Nerd-Denkweise, so Mitchell, mache uns glauben, unser Heim wäre nicht komplett ohne eine Armada von digitalen Assistenten, „smarten“ Kaffee- und Waschmaschinen und Schlafsensoren. Dazu kommen „IFridges“, intelligente Kühlschränke mit begrenzter Wirkung, aber großem Hype.

Ist dieses Begehren einfach nur die Freude an „Toys for the boys“, Technik für männlich-digitale Bastelfreaks? Oder warum wollen wir so gerne glauben, dass das „I“ vor den Dingen, mit denen wir uns im Haushalt umgeben, diesen Haushalt tatsächlich besser macht? Oder manage- und kontrollierbar, verlässlicher und auf irgendeine Weise „einfacher“?

Wenn sich unser Haus selbst wohnt

Viele dieser Geräte werden unter Bedingungen getestet, die besser zu einem One-Night-Stand passen als zu einer längeren Beziehung. Wie oft wollen sie wirklich die Lichtfarbe im Klo von Blau zu Bordellrot verändern? Wollen wir wirklich von den kleinen sinnlich-mechanischen Ritualen und Gewohnheiten „befreit“ werden, die das häusliche Leben ausmachen. dazu zählen Vorhänge zuziehen, eine Einkaufsliste schreiben, das Licht abends mit einem Schalter ausmachen, der ein ordentliches „Klick“ von sich gibt?

Vielleicht. Aber hat „Wohnen“ nicht auch etwas mit der Magie der Materie zu tun? Mit der Art und Weise, mit der wir unsere Umwelt „beschreiben“, indem wir sie berühren?

Wenn unser Haus sich irgendwann selbst wohnt – dann ist es womöglich für uns Zeit, auszuziehen. Das Haus braucht uns dann nicht mehr. Die I-Maschinen in der Küche und im Klo können sich dann selbst miteinander unterhalten …

Smart Home
Im 43 km² großen Entwicklungsgebiet im niederländischen Oosterwold entstand ein 100 m langer Riegel als Co-Living-Komplex. Foto: Filip Dujardin

Elektronische „Smartness“ ähnelt oft einer Erleichterung, die entsteht, wenn ein Taschendieb uns um unsere Brieftasche erleichtert. Und etliche Angebote der Heim-Digitalisierungsbranche würde ich als digitales Viagra bezeichnen. Weil wir verführt und überwältigt von ihrem Versprechen sind. Aber dann doch eher unbefriedigt über das Endresultat.

Glücklicherweise entsteht zu jedem Trend ein Gegentrend. Beim Wohnen stellen wir als Widerstand gegen den digitalen Populismus eine „Rache des Analogen“ fest. So nennt das der kanadische Kulturwissenschaftler David Sax in seinem gleichnamigen Buch. Warum kommen Vinylplatten und Polaroids plötzlich zurück? Warum huldigen viele Menschen mitten im superschnellen Internet-Zeitalter edlen Füllfederhaltern und Notizbüchern mit Ledereinbänden? Warum Lesen die Menschen immer noch – oder wieder – Bücher auf Papier?

Flexiblere Raumstrukturen

Neuerdings richtet sich die Aufmerksamkeit des homo habilis, des geschickt hausenden Menschen, eher auf vegane oder Cradle-to-Cradle-Produkte. Wir verstehen immer mehr, welche Wirkung Gebäude, Grundrisse und Materialien auf die menschliche Psyche haben, auf unser Wohlbefinden und unser Miteinander.

Architekten sagen: Wir wollen mehr Holz. Wenn Menschen einen Raum mit Holzsäulen betreten, wollen sie diese spontan umarmen. Oder sie suchen zumindest die Nähe des Materials, um es zu riechen und zu fühlen. Das macht man nicht mit einer Betonsäule. Die Lust auf Holz ist eine Reaktion auf Sichtbeton, Stahl, Glas – und auf die Digitalisierung. Das ständige Piepen und Blinken umgibt uns im Zeitalter der Fehlermeldung.

Holz hat einen eigentümlichen Entspannungseffekt, der womöglich auf unsere Urgeschichte als Waldbewohner verweist. Materialien, die man fühlen kann, die gut riechen und eine natürliche Struktur haben, oder eine Story erzählen, kommunizieren mit unserer Seele. Materialien, die sich wieder genügsam in den molekularen Kreislauf fügen, machen uns mehr „hygge“ als alle Alexas der Welt.

Für unseren zukünftigen Lebensstil brauchen wir auch eine andere Architektur. Wir haben uns demografisch verändert, aber die Gebäude und Wohnungsgrundrisse sind geblieben, was sie waren: Container für allzu eindeutige Funktionen. Wohn-Raum. Küche. Nasszelle. Schlaf-Zimmer. In solchen Boxen hausen klassische Kleinfamilien. Nach dem Auszug der Kinder vereinsamen die zurückgebliebenen Eltern vor dem Fernseher (oder dem Streaming-Dienst).

Variable Wohnformen wie Co-Living

Doch heute sind wir mobile, flexible Menschen, oder wollen es zumindest sein. Wir haben variable Familien- und Lebensformen, und viele Menschen leben allein, ohne dabei Einsiedler zu werden. Für diese wunderbare Vielfalt brauchen wir flexiblere und innovativere Wohnstrukturen. Architekturen, die uns herausfordern, ergänzen, „sozialisieren“.

Smart Home
Das Oosterwold-Projekt ist ein gelungenes Beispiel für partizipatives Wohnen. Die Inneneinrichtung übernahmen die Parteien selbst. Foto: Sanne Schouwink

Die Wohnkonzepte des „Co-Living“ machen Menschen glücklicher, auch – und gerade – weil sie Kommunikations- und Verhaltensveränderungen voraussetzen. „Co-Living“ verfolgt die Idee, individuell auf einem kleinen Wohnraum zu leben, aber im gleichen Wohnkomplex „shared spaces“ zur Verfügung zu haben. Das sind Gemeinschaftsräume und „Kommunalitäten“, die sich die Bewohner teilen und in Verbindung bringen. Dort gibt es statt eines Hausmeisters vielleicht einen „Chief Happiness Officer“, anstelle der versteckten polnischen Putzfrau geteilte Reinigungsdienste. Und statt einer Großgarage eine gemeinsame Bibliothek – plus geteilte E-Fahrzeuge im Keller.

Das gesamte Zusammenleben gerät sowohl individualisierter als auch gemeinschaftlicher. Es gibt mehr Möglichkeiten und soziale Akzeptanz für verschiedene Lebensmodelle. Niemand guckt mehr, wenn er nicht gerade will, „in die Röhre“ oder zeitlebens auf den Flachbildschirm.

In Zukunft wird die Nachfrage nach Wohnraum nicht mehr von der Quadratmeterzahl oder der „Lage“ bestimmt, sondern von der Qualität der sozialen Optionen. Technologie kann dabei helfen, wenn wir sie in ihre dienenden Schranken verweisen.

Na klar, schnelles W-LAN für alle. Aber brauchen wir dann noch Alexa? Oder wäre nicht ein chicer Bioladen im Erdgeschoss, der bis 22 Uhr aufhat, besser? Wie Winston Churchill, der bedeutendste britische Staatsmann des 20. Jahrhunderts, einmal sagte: „We shape our buildings, thereafter they shape us.”

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Smart home or community projects?

About home

Why does the future of smart living have more to do with social intelligence than with artificial intelligence? The electronics industry is advertising the Internet of Things for our own homes and several people already make use of this.

Author: Oona Horx-Strathern

A wise and maybe even a slightly forgetful person once said that home is where we can remember who we really are. Currently there is growing belief that this will in future be the purpose of Alexa and the like: „Can I remind you that“, our digital assistant whispers, „you have a stress factor of plus 48 and your well-being as an earthling will be at risk if your blood pressure continues to increase?!“

Margaret Mitchell, scientist at the Google Institute for Machine Intelligence in Seattle, once called the swarm of male programmers and nerds that completely dominate the tech sector a „sea of dudes“. This nerd mentality, Mitchell explains, makes us believe that our homes would not be complete without an armada of digital assistants, smart coffee and washing machines as well as sleep sensors. And then there are „iFridges“, intelligent refrigerators with a limited effect that are dominated by a massive hype.

Is this just the desire for toys for boys, i.e. technology for male, digital tech freaks? Or why are we so easily led by the idea that putting an „i“ in front of the things we use in our households would actually make these very households easier to manage and control, more reliable and in some way“easier“?

The Magic of Matter

Many of these devices are tested in conditions that would better suit a one night stand than a long-term relationship. How many times do you really want to change the color of the lights in the bathroom from blue to red? Are we really striving towards being liberated from those small, sensual and manual rituals and habits that make domestic living what they are? Closing curtains, writing a shopping list, switching the light off at a switch at night with a decent“click“ sound?

Maybe? But does living not also have something to do with the magic of matter? Is it not associated with the way we describe our environment by touching it?

When our house finally lives by itself it‘s probably time for us to move out. Our home then no longer needs us. The „i“ machines in the kitchen and bathroom can then just have a conversation with themselves…

Electronic intelligence is often similar to a certain sense of alleviation when a pickpocket steals our wallet. And I would call several offers provided by the home digitalization industry as digital Viagra because we are led and overwhelmed by their promises. However, ultimately we tend to feel unsatisfied about the end result.

Luckily there is a counter-movement to any trend. Within the context of living we are seeing a „Revenge of the Analog“ as a resistance to digital populism, Canadian cultural researcher David Sax explains in his book with this very title. Why are we suddenly witnessing the return of vinyls and Polaroids? Why are so many of us cherishing sophisticated fountain pens and notebooks with leather covers in the superfast Internet age? Why do people still read books – or why – are we going back to paper?

More flexible spatial structures

Most recently the attention of cleverly living people has been turning more towards vegan or cradle-to-cradle products. We are understanding more and more what the effect of buildings, floor plans and materials are having on the human psyche, on our well-being and our sense of togetherness.

Architects are saying that we want more wood in our lives. If people enter a room featuring wooden columns, they yearn to spontaneously embrace them or they at least seek to be close to the material to be able to smell and touch it. You wouldn‘t do that with a concrete pillar. The lust for timber is a reaction to exposed concrete, steel, glass – and to digitalization, this constant beeping and flashing that surrounds us in this era of error messages.

Timber has a peculiar, relaxing effect that probably goes back to our ancient history when we lived in forests. Materials you can feel, that smell good and have a natural structure or tell a story communicate with our souls. Materials that once again modestly return to the molecular cycle make us more „hygge“ than all the Alexas in this world.

We also need a different architecture for our future lifestyle. Our demographics have changed, but the buildings and floor plans of apartments have remained how they once were: Containers for much toounambiguous functions. Living space. Kitchen. Bathroom. Bedroom. These are the boxes traditional, small families live in. After the children have moved out, the parents that have been left behind become lonely while staring at their TV sets (or watching streaming services).

However, nowadays we are mobile, flexible people or at least we strive to be this type of person. We live in variable forms of families and living arrangements and plenty of us live on their own without becoming isolated. For this wonderful variety we need more flexible and innovative living structures. We need architecture that challenges us, complements us, „socializes“ us.

Co-living concepts make people happier, also – and especially – because they demand changes in communication and behavior. Co-living is based on the idea of living independently in a small living space, but having shared spaces available in the same residential development. These are common rooms and communal areas residents share and bring them together. These may be spaces that have a „Chief Happiness Officer“ instead of a janitor, shared cleaning duties instead of an Eastern European lady that almost secretly sneaks around and cleans for us. Spaces that feature a shared library instead of ample parking facilities– plus shared electric vehicles in the basement.

Our entire cohabitation concept is becoming both more individual and more of a shared experience.

There are more options and an increasing social acceptance for different ways of living. Unless we choose to do so, no one will just stare at the TV or some otherflat screen.

In future the demand for living space will no longer be determined by the amount of available spaceor the location, but by the quality of social options. Technology can help if we set clear boundaries.

Of course, fast WiFi for everyone. But do we really also need Alexa? Or would it not be more beneficial to have a trendy, organic food store on the ground floor that is open until 10 pm? Just like Winston Churchill, the most significant British statesman of the 20th century once said: „We shape our buildings, thereafter they shape us.“

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