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Kolumne über die Diskrepanz von Lebenswandel und Minimalismus-Lust

Nachhaltigkeitskolumne über die Diskrepanz von Lebenswandel und Minimalismus-Lust
Nichts tun – und die Welt atmet auf

Minimalismus
22 m² Wohnfläche pro Kopf? Das war zuletzt 1965 denkbar. Heute leben die Deutschen durchschnittlich auf 46,5 m² pro Kopf – und sehnen sich nach Reduktion. Foto: Andreas Körner, Bildhübsche Fotografie
Deutschland ist XXL-Land, doch Reduktion ist der neue Luxus. Wer auf großem Fuße leben kann, versucht zumindest, den Abdruck zu verkleinern. Wenn das nur nicht so anstrengend wäre!

Auf dem Papier und in den digitalen Medien scheint der Trend zum Verkleinern ungebrochen. Wohin man scrollt, schaut, blättert, gibt es Berichte über ein Leben ohne Überfluss und die Reduzierung auf das Wesentliche, über die Zero-Waste-Bewegung oder die gemeinsame Nutzung von Gegenständen, die man nicht täglich benötigt.

Und tatsächlich wird überall ausgemistet, weggeworfen, abgeschafft, verschenkt, geteilt. Reduktion als neuer Luxus. Ballast loswerden und weniger Erkältungen dank aufgeräumter Zimmerecken. Feng Kondo oder Marie Shui? Egal, asiatisch schmeckt allen.

Großer Fuß, kleiner Abdruck

De facto geht der Großteil der in der sogenannten Mittelschicht lebenden deutschen Bevölkerung nach wie vor verschwenderisch mit Dingen, Raum und Ressourcen um.

Wer auf großem Fuße leben kann, versucht jedoch zunehmend, dessen Abdruck zu verkleinern und sein Klimakonto vermeintlich ins Plus zu bringen: Das schlägt sich in der viel zitierten SUV-Fahrt zum Bio-Markt nieder, im Winzig-Haus von begrenzter Lebensdauer, in dem an ein paar Wochenenden im Jahr das einfache Leben zelebriert wird, oder in eigentlich maximal naturnahen Camperferien, für die alles, was man sowieso schon zuhause hat, nochmals in klein und faltbar angeschafft werden muss.

„Der Großteil der deutschen Bevölkerung geht nach wie vor verschwenderisch mit Dingen, Raum und Ressourcen um.“

Selbst der Spaziergang durch den Stadtpark geschieht – ausgerüstet wie zur Himalaja-Besteigung – in Naturnähe demonstrierender Outdoorkluft, die uns um Jahrhunderte überleben wird. Die sportive Jacke erzählt von der Sehnsucht nach Weite, Bergen, Wasser, Einsamkeit – wenn es schlecht läuft, wird dieser Ort aber gerade totgetrampelt von zig anderen, denen der Insta-Post gut gefallen hat. Individualismus adieu!

„Pro Kopf standen einer Person in Deutschland 1965 im Schnitt 22 m² zur Verfügung, 2017 waren es 46,5 m².“

Ökologische Lebensweise wird zum Statussymbol. Scheinbar schonen wir die Umwelt, produzieren aber – einfach weil wir es uns leisten können, unsere Grundbedürfnisse ausreichend zu decken – unfassbar viel Abfall.

Die europäische Mittelschicht ist zu reich, um die Umwelt zu schonen – wer dagegen von Haus aus wenig hat, braucht sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, seine Güter weiter zu verknappen. Pro Kopf standen einer Person in Deutschland im Jahr 1965 im Schnitt 22 m² zur Verfügung, 2017 hat sich dies schon mehr als verdoppelt: auf 46,5 m².

„Selbst wenn die Kinder aus dem Haus sind, scheut man den Umzug auf weniger Fläche.“

Mehr Fläche benötigt mehr Heizung, mehr Licht, mehr Ausstattung und somit mehr Ressourcen. Wird der vorhandene Raum genutzt? Am einladend ausladenden Esstisch für zehn Personen sitzt man die meisten Tage des Jahres zu zweit, dritt oder viert.

Die besten Partys finden trotz 200-m²-Wohnung in der Küche statt. Im Gästezimmer wohnt das Bügelbrett neben Kisten vom letzten Umzug recht feudal und sind die Kinder erst mal weg, verdoppelt sich der Wohnraum sogar noch. Der dann sinnvolle Schritt zur Veränderung – ein Umzug in weniger Fläche – wird gescheut.

Bescheiden leben auf großem Raum

Welcher alte Baum möchte, wenn es nicht unbedingt nötig ist, verpflanzt werden? Paradoxerweise sind kleinere Wohnungen aufgrund der Immobilienpreisexplosion sogar oft teurer, eine Verminderung würde folglich sogar Mehrkosten mit sich bringen. So entstehen Einfamilienhaussiedlungen mit vergreisten Einwohnern, deren längst erwachsenen Nachkommen ihre Lebensmittelpunkte anderweitig gesucht haben.

Und zwar wieder möglichst groß: Kaum dem Elternhaus entflohen, lassen sich die Kinder, nach dem Umweg über das Studentenwohnheim oder die WG, irgendwann in einer schönen Altbauwohnung oder einem im Idealfall klimaneutralen Neubauwohnprojekt mit bodentiefen Fenstern nieder.

„Jüngere bringen uns dazu, ernsthaft übers Fliegen nachzudenken.“

Die Generation entdeckt zwar Lastenrad und E-Roller, weit Jüngere bringen uns dazu, ernsthaft übers Fliegen nachzudenken, dem steht aber zum Beispiel der Gegentrend der immer größer werdenden Autos gegenüber. Größer werdende Autos brauchen größere Garagen, größere Parkhäuser, breitere Straßen. Deutschland XXL-Land. Die Materialschlacht nimmt weiterhin ihren Lauf. Es wird groß gedacht – size does matter.

Was also können wir tun? Bestenfalls gar nichts! Man müsste vorwiegend lassen. Dolce far niente, das wussten schon die alten Römer. Und dann? Gehen wir eine Runde Waldbaden. Shinrin – yoku – wer hat’s erfunden?


Tina Kammer

Die Autorin leitet gemeinsam mit Andrea Herold die Plattform interiorpark.com, auf der sie ausgewählte Produkte für gesundes und nachhaltiges Bauen präsentiert. Zudem realisiert sie eigene Architekturprojekte mit ihrem Studio.


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