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Nachhaltige Schallabsorber zur Verbesserung der Raumakustik

Klingt gut. Ist gut.

Fossile Materialien galten bislang als Standard für Akustikprodukte. Nun kommen nachhaltige Schallabsorber auf Basis von Materialien wie Hanf, Reet oder Pilzmyzel auf den Markt.

Viele Trends der letzten Jahre spiegeln den Wunsch des Menschen nach Gesundheit, Geborgenheit und Ruhe wieder. Plötzlich wird von Clean Living gesprochen, das sich von Clean Eating ableitet: Die Konsumenten achten vermehrt auf schadstofffreie und natürliche Materialien. Sie wollen erdölbasierte Baustoffe und Gesundheitsschäden, etwa durch Ausdünstungen, vermeiden.

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Aus Hanffasern entstehen nachhaltige Akustikplatten. Foto: Trifilon

Biologisch abbaubare Hanffasern

Die Bandbreite künstlicher Chemikalien, die zum Bau von Häusern, Arbeitsräumen und Schulen verwendet wurden, hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Die gesundheitlichen und ökologischen Folgen dieser Bauweise rücken erst jetzt in den Fokus, und Unternehmen reagieren. Das schwedische Unternehmen Trifilon bietet beispielsweise mit ‚BioPhon‘ eine nachhaltige und vor allem ungiftige Akustikplatte an.

„Vergleichbar mit erdölbasierten Flächenmaterialien – doch kompostierbar.“

Die nachhaltigen Schallabsorber bestehen aus Hanffasern und einem biologisch abbaubaren Bindemittel auf Stärkebasis. Nach Angaben des Herstellers kann ihre Akustikplatte mit ähnlichen erdölbasierten Flächenmaterialien mithalten und ist aufgrund ihrer ungiftigen Brandbehandlung sogar kompostierbar.

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Pilzmyzel dient als Bindemittel für kompostierbare Akustikpaneele. Foto: Eric Klarenbeek

Schallabsorber aus Pilzmaterial

Mit kompostierbarem Styropor aus Pilzmaterial stellte wiederum die New Yorker Firma Ecovative vor über zehn Jahren nicht nur die Verpackungsindustrie auf den Kopf, vielmehr prägten die Firmengründer einen innovativen Ansatz zur Nutzung von chemiefreien Bindemitteln.

„Industriell wird der Pilz als sich selbst reproduzierendes Bindemittel verstanden.“

Denn das, was wir als Pilze kennen, sind lediglich die Fruchtkörper, der eigentliche Pilz lebt verborgen unter der Erde. Hier treibt er seine mikroskopisch kleinen Pilzzellen, auch Pilzfäden oder Myzelium genannt, auf der Suche nach Nahrung zu einem riesigen Netzwerk aus. Industriell wird der Pilz als sich selbst reproduzierendes Bindemittel verstanden, der lokal anfallende Reststoffe aus der Agrarindustrie wie abgeerntete Pflanzen oder Maiskolben fixieren kann.

„Wachstumszeit: Drei bis fünf Tage.“

In wieder verwendbaren Kunststoffformen züchtet Ecovative unter optimalen Bedingungen in nur drei bis fünf Tagen ein feines dreidimensionales Fadengeflecht. Im Anschluss wird das Material aus der Form gelöst und getrocknet. Dabei wird dem Pilz lebensnotwendiges Wasser entzogen und er stirbt ab.

„Das Material erinnert an Styropor, ist jedoch schwerentflamm- und kompostierbar.“

Das Material erinnert in Haptik und Erscheinung an Styropor, kann jedoch im Gegensatz zu dem petrochemisch erzeugten Original komplett kompostiert werden. In der Baubranche überzeugt es aufgrund schwerer Entflammbarkeit und der feinporigen Erscheinung bereits als Dämmmaterial oder nachhaltiger Schallabsorber. Der niederländische Designer Eric Klarenbeek vertreibt auf seiner Internetseite krown.bio Interiorobjekte und seit Kurzem auch Akustikpaneele aus Pilzkomposit.

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Schilfrohr wirkt nicht nur gegen Regen, sondern auch gegen Schall. Foto: Hiss Reet Schilfrohrhandel GmbH

Allergiefreundlich und schallschluckend

Bislang fand Reet aufgrund seiner wasserabweisenden Eigenschaften und geringen Wärmeleitfähigkeit vornehmlich Verwendung als Dachbedeckung oder Dämmmaterial von Wänden. Die Firma Hiss Reet Akustik nutzt das nachwachsende Schilfrohr jedoch für allergiefreundliche Deckenschallabsorber.

„Vor allem im Ladenbau und im Restaurantgewerbe wird die robuste und warme Oberfläche geschätzt.“

Die Reetabschnitte werden mit der Öffnung nach unten orientiert und erreichen die Schallabsorptionsklasse C auf der Skala von A bis E nach EN ISO 11654. Durch die natürlichen Eigenschaften entfällt eine zusätzliche Aufbereitung des Naturmaterials, und die einzigartige Optik bleibt erhalten. Vor allem im Ladenbau und im Restaurantgewerbe wird die robuste und warme Oberfläche der nachhaltigen Schallabsorber geschätzt.

Akustik
Foto: Baux

Chemiefreie Wandpaneele aus Zellulosefasern

In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Royal Institute of Technology (KTH) in Stockholm und dem schwedischen Designbüro Form Us With Love präsentierte der Akustikspezialist Baux jüngst verschiedene Wandakustikpaneele aus chemiefreiem Zellstoff. Organisch modifizierte Zellulosefasern aus nachhaltig geernteten schwedischen Kiefern- und Tannenbäumen werden zunächst in flüssigen Zellstoff transformiert und im Anschluss in einem aus der Papierherstellung bekannten Verfahren in Form gebracht und getrocknet.

„Das Paneel imitiert Schutzeigenschaften verschiedener Pflanzen.“

Die Forscher können die Holzfasern so modifizieren, dass sie natürliche Schutzeigenschaften verschiedener Pflanzen imitieren. Das Material ist feuerhemmend, wasserabweisend und besonders widerstandsfähig. Das „Acoustic Pulp Panel“ ist nur 20 mm dünn und besteht aus zwei Flächen. Die Vorderseite ist mittels Lasertechnik nanoperforiert und führt die Schallwellen in eine wabenähnliche Struktur, wo sie verschluckt werden.


Autorin Diana Drewes

ist Materialexpertin und Trendscout bei der Zukunftsagentur Haute Innovation in Berlin. Sie ist Co-Autorin des jüngst erschienen Fachbuchs „Materials in Progress – Innovationen für Architektur und Design“.


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