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Welche Büroräume Teams brauchen

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Kathedralen als Vorbild für Teamräume

Kathedralen als Vorbild für Teamräume
Kathedralen als Vorbild für Teamräume. Der Mailänder Dom diente als Inspiration für den Vergleich zwischen Kirchenbauten und Bürogebäuden. Foto: schame87 – stock.adobe.com
Können Kirchengebäude als Vorbild für Teamräume im Büro dienen, die das kreative Miteinander fördern? Vielleicht nicht im direkten, aber im übertragenen Sinn, meint unser Kolumnist. Und er macht sich so seine Gedanken zum Funktionieren von Teams.

Autor: Ahmet Çakir

Winston Churchill sagte einst: „Zuerst formen wir unsere Gebäude, dann formen sie uns.“ Er wollte sich offenbar nicht nur als Premier des damals größten Imperiums der Welt betätigen. Ob ihm bewusst war, dass er damit den Paradigmenwechsel zum spatial turn eingeleitet hatte?

Dieser brachte eine neue Auffassung vom Raum, der nicht mehr nur als Behälter für Gruppen dient. In Zusammenhang mit dem Raum fällt oft das Wort „Team“. Es bezeichnet eine Gruppe, für die man nun die richtige Raumwahrnehmung sucht. Der eine mag beim Duschen auf tolle Ideen kommen, die andere beim Musizieren. Wie bringt man aber das Team dazu, seine Aufgabe möglichst perfekt und termingerecht zu erledigen?

Darf ich bei erfolgreichen Unternehmen etwas abgucken? Keine Sorge, das wird keine Abhandlung über Google Offices. Ich meine eine eher stabile Organisation, die ihre Projekte seit bald 2 000 Jahren mit der gleichen Aufstellung in gleichartigen Gebäuden abwickelt. Während die Projekträume der Obersten Weltlichen nicht zugänglich sind, stehen die Türen der unteren Hierarchie offen.

Die Gebäude unterscheiden sich im Namen abhängig vom wichtigsten Teilnehmer. Wohnt der weltliche Herrscher in der Nähe, tagt man in einer Basilika (von Basileus=König). Sind die Teilnehmer eher Dauergäste mit viel Zeit, Äbte und Mönche, trifft man sich in einem Münster. Der volksnaheste Treff heißt Kathedrale, der Sitz.

Keine einseitige Kommunikation

Eignen sich Kathedralen als Vorbild für Teamräume, zumal jeder in ihnen leicht ins Meditieren kommen kann? Wir müssen nur noch dafür sorgen, dass die Kommunikation nicht allzu einseitig wird. Zwar gibt es auch Teams, bei denen der Leiter ex cathedra „Tu-Du-Listen“ verteilt und bei unvollständiger Abarbeitung „Du-Du!“ ruft. Aber moderne Teams werden in dem guten Glauben gebildet, dass mehrere Köpfe besser denken als einzelne.

„Verbunden werden auch die Schwachen mächtig“, glaubt man nicht erst seit Schiller. Man muss sie nur richtig verbinden und vernetzen. Zusammenkommen, eine Gemeinschaft bilden und Nachhaltiges schaffen – das ist die Aufgabe der Team-Kathedrale. Bescheidener geht es auch mit der Kapelle. Geeigneter sind aber Kathedralen als Vorbild für Teamräume.

Fünf Phasen der Teamarbeit

Leider verlässt uns hier die geschichtliche Richtschnur. Kamen die Macher der Kirche für die Ewigkeit zusammen, sind Firmen immer kurzlebiger, und Teams kurzlebig per Definition. Sie werden für eine begrenzte Aufgabe gegründet und gehen später auseinander. Der Augenblick der Entstehung, das Forming, die Phase für ein langsames Abtasten und Kennenlernen, bedeutet viel Vorsicht, eher wenig Kommunikation. Auch das Storming oder auch die Nahkampfphase, sieht noch kein Team, sondern Subgruppen, Rivalitäten, Mitglieder, die die Aufgabe gar nicht mögen.

Hat sich das Team gefunden, beginnt das Norming, die Organisationsphase. Team bedeutet nicht mehr „Toll, ein Anderer macht‘s“, sondern: „Wir Machen Was“. Es gibt mehr Kommunikation, formell wie informell. Erst in der vierten Phase, Performing, widmet sich das Team der Lösung seiner Aufgabe. Hier fließt die Energie vorwiegend kreativ.

Die letzte Phase, Transforming, dient der Bilanzierung der Zusammenarbeit hinsichtlich des Auftrags und der Erfahrungen des Teamprozesses. Die Mitarbeiter des abzulösenden Teams sind gute Kandidaten für neue, empfehlen sie sich doch durch das Ergebnis und ihr Zusammenwirken.

Das Team ist also kein zeitlich stabiles Gebilde. Wer sich an die Gestaltung der Raumwahrnehmung macht, muss sich daher an einer der ersten vier Phasen des Teamlebens orientieren. Oder flexibel denken.

Da sind Kathedralen als Vorbild für Teamräume so schlecht nicht. Der direkte Empfang von Weisheiten von oben findet nur wenige Stunden in der Woche statt.

Freiraum für soziale Interaktion

Viel Freiraum für soziale Interaktion wird entdecken, wer sich ein Gebilde wie den Mailänder Dom und dessen Umgebung ein paar Tage anschaut. Und Fixpunkte, an denen man sich ungezwungen trifft wie bei der Kaffeemaschine in Büros. Dennoch katalysiert der umbaute Raum die Identitätsbildung im Team im Sinne der Aufgabe. Ob man diese Rolle des physikalischen Raums auf virtuelle Teams übertragen kann, wird sich in wenigen Jahren zeigen, zu deren Bildung wir jetzt gezwungen worden sind.

Ob real oder virtuell – der Beichtstuhl scheint das einzige Element der Kathedrale zu sein, das in der Welt der Teamarbeit besser nicht reflektiert wird. Er hat Platz nur für zwei. Die Sünden des Teams werden aber kollektiv erarbeitet. Und niemandem verraten.


Kolumnist Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.

Zur Homepage des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung
md-Kolumnist Ahmet Çakir zum Thema Activity Based Working auf md-mag.com

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