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Handwerk im Wandel: Tradition braucht Technologie

Tradition braucht Technologie
Handwerk im Wandel

Weltweit nimmt der Stellenwert von Handwerk ab. Dabei basieren Produktinnovationen seit Jahrhunderten auf der Weitergabe von Material- und Herstellungs-Know-how. Neue Wege sichern die Zukunftsfähigkeit.

Autor Philipp Kuntze

Der Gedanke klingt spannend: In Zukunft betreten wir virtuelle Räume, um dort Produkte digital zu formen und anschließend mit einem 3D-Drucker auszudrucken. So lassen sich die Faktoren Zeit und Herstellungskosten weiter optimieren. Doch ist dies wirklich die Zukunft? Oder wird es an handwerklichem Know-how mangeln, das unaufhaltsam in Vergessenheit gerät?
Früher war es so: Man lernte sein Handwerk bei einem Meister und begab sich als Geselle für mehrere Jahre auf Wanderschaft. Mit vielen neuen Eindrücken und Ideen kam man zurück und wurde in den Bund der Meister aufgenommen. Die neuen Lehrmeister gaben den erweiterten Wissensschatz an die nächste Generation weiter, sodass Innovationen entstehen konnten.

Industrialisierung verdrängte das Handwerk

Der Handwerker überzeugte mit Lösungen, gewann an Ansehen und konnte gut von seiner Arbeit leben. Dabei stand er nie für sich allein, sondern arbeitete mit anderen Gewerken zusammen. Im Zuge der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts verlor das Handwerk jedoch an Bedeutung. Wert und Qualität nahmen stetig ab, auch weil industriell hergestellte Werkstoffe wie Silikatverputze, Kunstharzoberflächen und Formteile aus Schaumstoff aufkamen.
Weltweit und speziell im Nahen Osten, in Afrika, Südamerika und Südeuropa gibt es ein dramatisches Überangebot an Hochschulabgängern, während das Handwerk bei der jungen Bevölkerung keine Rolle mehr spielt. Als Folge steigt die Jugendarbeitslosigkeit massiv an, sodass teilweise nahezu die Hälfte der Jugendlichen ohne Zukunftsperspektive ist, jedoch mit großem Potenzial für Extremismus und Gewalt.

Kenntnisse einzelner Handwerkstechniken

Wie wichtig es ist, das Thema Crafts in einem globalen Kontext zu betrachten, zeigt ihre Vielfalt in den letzten Jahrhunderten. Die Kenntnisse einzelner Handwerkstechniken verbreitete sich mit den Handelsrouten über die ganze Welt. Was anfänglich in einer Region begann, brachten Reisende an andere Orte. Dort wurde das Überlieferte dann neu interpretiert und weiterentwickelt.
Nehmen wir das „Broguing“.
Die leichten und lichtdurchlässigen Ananasfasern … Foto: B. Blanco, Philippines
Darunter versteht man die Lochverzierung des Schuhschafts. „Brog“ ist ein Begriff aus dem Gälischen und bedeutet Schuh. Im Mittelalter glichen Schuhe eher einem Lederhandschuh für den Fuß – was in den sumpfigen Gebieten Schottlands, Irlands und Englands eine ziemlich mühsame Angelegenheit war. Immer füllte sich der „Lederhandschuh“ mit Wasser und musste zur Entleerung extra ausgezogen werden. Um das zu vereinfachen, wiesen die Hirten ihre Schuhmacher an, kleine Löcher in die Schuhe zu stanzen.
Anfänglich rein funktional gedacht, waren die Lochungen bald so kunstvoll gestaltet, dass selbst adelige Jäger sich ein solches Schuhwerk wünschten. Die „Broguing“-Technik wurde zum Qualitätsmerkmal und ist bis heute eine beliebte Technik internationaler Schuhhersteller.

Erhalt des Status quo wird kein Erfolg

Zur Förderung und Erhaltung des internationalen Handwerks ist es wichtig, das Wissen über Material und Herstellung zu nutzen, neue Bedürfnisse zu erkennen und abzudecken. Denn dem reinen Erhalt des Status quo wird kein Erfolg beschieden sein.
Deshalb müssen Küfer mehr als Fässer bauen, Korbflechter mehr als traditionelle Körbe flechten, die Flachsindustrie mehr als Küchentücher weben. Wie aber kann der Wagner sein Verständnis über Statik, wie die Spinnerin ihr Wissen um die Fasern nutzen?
… lassen sich karden und beschichten zu Kunstleder. Foto: Designed and made by NAE Vegan
Das Handwerk lebt von Innovationen und muss sein umfangreiches Wissen in die Öffentlichkeit tragen. Dazu sollten Architekten, Designer und Handwerker gleichberechtigt zusammenarbeiten, und die traditionellen Herstellungsweisen mit moderner Technik verbinden. Viele Fertigungsarten haben Ihren Ursprung in Asien oder Ägypten und wurden über Handelswege nach Europa gebracht. Als Beispiel sei das in China erfundene Spinnrad genannt, das im 12. Jahrhundert nach Europa exportiert wurde.
Diese damalige Innovation war die Grundlage dafür, dass in Europa größere Mengen an Textilien gewoben werden konnten. Weltweit gilt die Weberei als eine der ältesten Handwerkstechniken zur Herstellung von Flächengebinden überhaupt.

Flachs goes Hightech

Zur Herstellung von Flachs werden die Flachspflanzen im Herbst aus dem Boden geholt und dann auf dem Feld verteilt. Mit der Taufeuchtigkeit dringen Mikroorganismen in die Halme ein und lösen die Fasern vom „Holz“.
Dieser Prozess muss zum richtigen Zeitpunkt unterbrochen werden. Die anschließend durch Brechen und Kämmen gewonnenen Fasern werden zu Garn versponnen. Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde Flachs in der Textilindustrie durch Baumwolle verdrängt und der Absatz brach massiv ein. Viele Bauern- und Kleinbetriebe mussten sich innerhalb kürzester Zeit nach neuen (Verdienst-)Möglichkeiten umsehen.
Eigenschaften wie Karbon: Flachsgewebe, in Kunststoff eingegossen. Foto: Bcomp
Es dauerte lang, bis die hochwertige Flachsfaser wiederentdeckt wurde. Durch das Einbetten des Naturfasergewebes in flüssigen Cellulose-Biokunststoff entstehen heute umweltfreundliche und sehr leichte Verbundwerkstoffe mit hoher Festigkeit – ein Produkt, das Karbon ähnelt, nur leichter und stabiler ist und ohne die Verwendung von Erdöl hergestellt wird.
Der Werkstoff wird bereits in der Uhren- und Automobilindustrie eingesetzt. Aus der jahrtausendealten Faser ist ein Hightech-Produkt geworden – ein gutes Beispiel, wie Handwerk und Industrie erfolgreich zusammenarbeiten können.

Ananas – Faser mit Potenzial

Eine weitere Faser mit Potenzial stammt von der Ananaspflanze. Die daraus verwobenen Textilien sind sehr leicht und lichtdurchlässig. Doch obwohl die Ananasfaser über viele spannende und positive Eigenschaften verfügt, wird sie in Zeiten der Textil-Monotonie nur noch zur Herstellung der traditionellen philippinischen Herrenkleidung Barong Tagalo verwendet, die schon vor der spanischen Kolonialzeit zu Hochzeiten und anderen festlichen Anlässen getragen wurde.
Schuhe aus Ananas-Kunstleder sind stabil und vegan. Foto: Designed and made by NAE Vegan
Dass Ananasfasern ein großes Potenzial haben, zeigt ein Projekt zur Herstellung von Kunstleder. Dafür werden die Fasern zu einem Vlies gekardet und anschließend zu einer dünnen Matte gepresst und beschichtet. Das entstandene Kunstleder ist gegenüber dem Original günstiger, nachhaltiger und außerdem vegan.
Für die Herstellung von Rindsleder werden meist chemische und hochgiftige Stoffe eingesetzt. Dass dies nicht unbedingt notwendig ist, zeigen Leder, die nach handwerklicher Tradition mit Olivenblättern oder Rhabarber gegerbt werden.

Fischhaut – robustes Material

Ein weiteres positives Beispiel ist das Fischleder. Der weltweite Fischertrag aus Wildfang und Fischzucht beträgt rund 150 Millionen Tonnen pro Jahr, wobei ein Drittel der Fischmenge und rund 200 Fischarten aus Fischzuchten stammen. Das Fleisch wird verzehrt, die Fischhaut als Abfall entsorgt und verbrannt. Anders am Unterlauf des ostsibirischen Flusses Amur: Dort gerbten seit Urzeiten mandschurische Völker die Haut der gefangenen Fische und nutzten sie als robustes Material für Kleider, Zelte, Boote und spirituelle Anlässe.
Patchworkarbeit aus Lachsleder. Das Material dient seit Urzeiten für Kleider, Boote, Zelte oder spirituelle Anlässe.
Foto: Qn‘C Philipp Kuntze
Leider ging das Wissen um den Werkstoff und die Technik des traditionellen Gerbens in den letzten Jahrzehnten mit dem Zurückdrängen dieser Völker verloren. Vor einigen Jahren wurde die natürliche Gerbung jedoch wiederentdeckt und anhand von Lachsabfällen weiterentwickelt.
Diese werden mit Mimosa und Kastanie gegerbt und sind zu 100 Prozent chromfrei. Struktur, Haptik und Farbintensität sind einmalig und eignen sich für Anwendungen im hochwertigen Innenausbau.

Küferei – neu interpretiert

Es gibt noch weitere Handwerke, die es schaffen, sich erfolgreich weiterzuentwickeln – die Holzverarbeitung beispielsweise. Die Küfergilde, die trotz des Trends zum Eichenfass in ihrer Existenz bedroht ist, trägt ebenfalls ein großes Potenzial in sich.
Aus speziell geschnittenen Brettern hobelt der Küfer die Dauben … für Holzbadewannen. Foto: Balubad
Reinhard Gugler, Inhaber der Manufaktur Balubad und einer der letzten Küfer Österreichs, hat das traditionelle Handwerk neu interpretiert. Er nutzt sein prodfundes Wissen zur Produktion von Holzbadewannen, die dicht und pflegeleicht sind. Und verbindet gleichzeitig überlieferte Traditionen mit neuer Technologie.

Neue Wege sichern den Bestand

Auch in der Steinverarbeitung ist eine lange Tradition längst keine Garantie für Beständigkeit. Wer nach neuen Wegen sucht, steigert auch hier seine Marktchancen, wie ein baskisches Unternehmen zeigt. Jahrzehntelang hatte Retegui Grabsteine hergestellt und nutzt die Kompetenz in der Steinverarbeitung nun zur Entwicklung hochtechnisierter Verbindungen von Stein und Leichtbaukonstruktionen mit niedrigem Gewicht – ein interessanter Aspekt für Architekten und Designer.
Leichtbaukonstruktionen eröffnen der Steinverarbeitung Perspektiven. Foto: Retegui
Meiner Meinung nach sollten spezifische Kompetenzen und Fähigkeiten der Öffentlichkeit selbstbewusst vermittelt werden. Denn nur wer weiß, wie ein Produkt entstanden ist, erkennt auch dessen Wert.
Der Autor Philipp Kuntze
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