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Nani Marquina, Designerin und Verlegerin

Nichts ist unmöglich für die Designerin und Verlegerin
Nani Marquina

Nani Marquina verwandelt handgeknüpfte Teppiche in begehrte Design-Statements. Ein Treffen in ihrer Firma in Barcelona zeigt: Die Designerin ist noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten.

Autor Oliver Herwig

Das sind Leistungsdaten wie für ein Hightech-Werkstück: aus 100 % Hanf, 36 000 Knoten pro m², bei einer Florhöhe von acht Millimetern. Und das Produkt ist nachhaltig.

Nani Marquina
Foto: Albert Font

Durch und durch handgewebt und langlebig. In den letzten vier Jahrzehnten hat es Nani Marquina geschafft, den Orientteppich in ein Design-Statement zu verwandeln und als Zeichen gelebter Lebensqualität gleichwertig neben Stühlen, Tischen oder Schränken zu etablieren.

Und das, obwohl auf der iberischen Halbinsel Brücken und Bodenbeläge aus Wolle und Naturfasern eigentlich gar nicht so verbreitet sind, verglichen mit Haushalten in Mitteleuropa, Nordamerika oder natürlich dem Orient. Dorthin reist sie bereits Anfang der 1990er-Jahre, um ihre Entwürfe bestmöglich umsetzen zu lassen.

Nani Marquina
Foto: Albert Font

Inzwischen fungiert die Designerin auch als Verlegerin. Ihr Spektrum umfasst Gestalter wie Javier Mariscal, Eduard Samsó, Ron Arad, die Brüder Bouroullec oder Tord Boontje.

Mitten in Barcelona

Das Hauptquartier von Nanimarquina, wie die Firma nonchalant nach ihrer Gründerin heißt: mitten in einem angesagten, weil von Investoren noch nicht überrannten Stadtteil der katalanischen Metropole. In Vila de Gràcia, Carrer de’Església 10. Das Industriegebäude hat schon bessere Tage gesehen, der eiserne Fahrstuhl könnte durch einen Film von Luis Buñuel rattern, Wände und Türen einen neuen Anstrich vertragen.

Aber genau das macht den Charme der Anlage aus. Im dritten Stock geht es über eine Traverse in den anderen Gebäudeteil. Dort öffnet sich eine ganz andere Welt. Eine Welt der Stoffe und Farben. In einem Regal scheinbar uralte, aber noch immer gebräuchliche Werkzeuge bei der Teppichherstellung in Indien. Hölzerne Hämmer, Scheren, die aussehen, als kämen sie gerade aus dem 18. Jahrhundert.

Herrin der Stoffe

Zwei Dutzend Mitarbeiter arbeiten auf einer Ebene, Vertrieb und Kundenbetreuung direkt am Eingang, rechts ums Eck die Designabteilung mit Clara Navarro, die so etwas ist wie die Herrin der Stoffe und Dessins. Eigentlich ist sie ja Industriedesignerin, hat sich aber völlig der Welt des Zweidimensionalen verschrieben und arbeitet als rechte Hand von Nani Marquina.

Eine ganze Wand, zeigt sie, ist so etwas wie ein aufgeklappter Musterkoffer: Darauf sind die verrücktesten Beispiele indischer Webkunst versammelt.

Nani Marquina
Foto: Albert Font

Es gibt wirklich nichts, was es hier nicht gibt. Immer mehr Musterbücher landen auf dem Besprechungstisch, Fluten von Stoffen und Materialien, ganze Regenbogen durchgefärbter Wolle überrollen den Besucher. Und sollte etwas fehlen, meint Clara Navarro, sie würden es schon hinbekommen.

Verflochtene Zusammenarbeit

Nani Marquina empfängt im Showroom nahe der Avenida Diagonal. Im Dezember 2009 eröffnete sie dort ihren ersten Flagshipstore, eigentlich eine renovierte Garage. Sie ist eine lebhafte Frau, eine mutige Gestalterin, die schon früh den indischen Subkontinent bereiste, auf der Suche nach Spitzenhandwerkern für ihre Vision: eine Produktion im Norden Indiens, Afghanistans und Pakistans aufzubauen, dort, wo wirklich noch Fachkenntnis herrscht und eine lange Tradition, einmalige Teppiche entstehen zu lassen.

Sie wollte nicht nur technisches Know-how sichern, Nani Marquina wollte Brücken schlagen zwischen einer Welt, die inmitten von seelenlosen Massenprodukten immer gleichförmiger wird und einer Welt, die noch Zeit und Kenntnisse in bleibende Unikate verwandeln kann. Wir gehen durch die Ausstellung.

Nani Marquina
Foto: Albert Font

Unkonventionelle Formate

Nani Marquina deutet auf eine Arbeit der Brüder Bouroullec. Sie gingen mit ‚Losanges‘ völlig neue Wege. Gezielte Asymmetrie. Konkret: Das Rautenmuster mit seinen 13 Farben fordert das ganze Geschick der Handwerker Nordpakistans.

Um das unkonventionelle Format überhaupt fertigen zu können, verheirateten die Handwerker den traditionellen Perserteppich mit der Technik des Kelims, dessen Schussfaden auf Ober- wie Unterseite das Muster schafft. Ist das nun das Ende der Fahnenstange?

Ein absolutes Auge

Nani Marquina lacht. Nein, es gebe im Grunde keine Einschränkungen. Muster, Stoffe, Farben, ja sogar die Florstärke ließen sich bestimmen, sodass jedes Stück zum Unikat wird. Die in afghanischer Wolle von Hand geknüpften Stücke brillieren durch einzigartige Farbtöne, die im Grunde jede Raute unwiederholbar machen.

Ihre eigenen Entwürfe sind eher streng; mit subtilen Farbverläufen schafft die Designerin Weite. Ob es so etwas gebe wie ein absolutes Auge – neben dem absoluten Gehör in der Musik? Vielleicht? Ob sie dann so etwas habe wie ein absolutes Auge? Vielleicht!

Intensive Zusammenarbeit

Man ahnt: Die Zusammenarbeit von Nani Marquina und ihren Gestaltern ist intensiv. Sie hält nichts zurück an Techniken und Erfahrungen und verlangt von den Designern im Grunde dasselbe. Sie ist längst eine Verlegerin, die (zweidimensionale) Ideen aufnimmt und die Essenz, die Idee übersetzt in Dessins und geeignete Techniken.

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Foto: Albert Font

Dabei unterscheidet sie zwei Arten von Gestaltern. Die leidenschaftlichen seien die gefährlichen, sagt Marquina. Ein Teppich sehe einfach aus. Sei es aber nicht. Und so kommt es, dass die einen zu Künstlern werden, während sich die anderen mit Techniken und Prozessen vertraut machten und so die wahre Herausforderung meistern, nämlich etwas Außerordentliches aus etwas scheinbar Einfachem entstehen zu lassen.

Nani Marquina: Kreativität kommt von Können

Selbst zeichnet sie nicht. Keine Skizze, auch nicht einfach so mal für sich. Ihre Arbeitsweise erinnert ans Collagieren. Nani Marquina hat einen Berg Farben vor sich, Papierschnipsel, und sortiert sie, sucht neue Verbindungen und verschiebt die einmal gefundenen Kombinationen.

Langsam wächst ein neuer Entwurf aus dem Chaos, so wie später der Teppich selbst, aus einer Vielzahl von Fäden, die in ein Raster gebracht und neu verknüpft werden. Nani Marquina ist auf der Jagd nach optimale Farbkombinationen. Kontrasten und Verläufen, die aus einem Bündel Wolle oder Naturfasern Unikate machen. Ein solcher Teppich ist eine Anschaffung für Generationen, ein Stück, dass ohne schlechtes Gewissen vererbt werden kann.

Uralte Tradition in der Moderne

Wer aber glaubt, hier nur aussterbendes Handwerk zu fördern, ist auf dem Holzweg. Nani Marquina zeigt, wie kreativ eine uralte Tradition in die Moderne gehievt werden kann. Im Grunde hat die Designerin mit ihren Verbündeten den traditionellen Teppich einer Runderneuerung unterzogen: Mal treibt er Blüten und Blätter, dann franst er aus und die sonst scharfen Kanten runden sich, schließlich wechselt er sogar das Material. Kreativität wurde ihr quasi in die Wiege gelegt.

Nani Marquina wurde 1952 in Barcelona als Elena Marquina geboren. Ihr Vater, Rafael Marquina (1921–2013), war ein Pionier des spanischen Industriedesigns. Seine Öl-und-Essig-Karaffe aus dem Jahr 1961 zählt zu den wohl meistkopierten Stücken des letzten Jahrhunderts und findet sich in zahllosen Varianten bis heute.

Das Original wird von ihrem Unternehmen angeboten. Ein schlichtes, genial einfaches Stück, dessen zeitlose Eleganz wie ein Vorgeschmack wirkt auf die Arbeiten von Nani Marquina selbst.

Generationenwechsel

Die Katalanin studierte zunächst Industriedesign an der Massana-Schule und arbeitete ab 1973 im Architekturbüro Sellés-Marquina.

1984 entwarf sie erste Teppiche und entschloss sich zwei Jahre später, eine eigene Firma zu gründen: Nanimarquina. 1989 fanden sich einige ihrer Stücke bereits in der Boutique des New York Museum of Modern Art (MoMA). Und ihre genialen Handwerker? Ihre Kreativität kommt vom Können.

Für sie hat Nani Marquina in Zusammenarbeit mit dem Hamburger ‚Care & Fair – Teppichhandel gegen Kinderarbeit e. V.‘ ein Projekt in Indien aufgezogen. Alles begann 2008 mit einem Malwettbewerb. Schüler der Care- Fair-Schulen sollten einen Entwurf abgeben.

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Foto: Albert Font

Mutter und Tochter stehen für verschiedene Ansätze

Aus der Gewinnerzeichnung entwickelte das Designteam den Kala-Teppich. Der Clou: 150 Euro aus jedem Verkauf fließen zurück und helfen, eine Care -Fair-Schule in Bhadohi (Indien) zu unterstützen. Das alles für die nächste Generation.

Auch in Barcelona steht ein Stabwechsel an. Tochter Maria Piera Marquina ist längst als Managing Director an jeder Geschäftsentscheidung beteiligt. So einig sich Mutter und Tochter auch sind, sie stehen für völlig verschiedene Ansätze.

Nani Marquina
Foto: Albert Font

Die eine zuständig für Dessins, die andere für Zahlen. Wie arbeiten sie zusammen? Maria Piera Marquina erinnert sich: Nie wollte sie in die Firma einsteigen. Ursprünglich. Lieber sammelte sie außerhalb Erfahrung. Und als sie gefragt wurde einzusteigen, sagte sie schließlich doch zu.

Keine Sonderbehandlung für die Tochter

Ihre Bedingung: keine Sonderbehandlung. So machte sie alle Stationen in der Firma durch – und sitzt nunneben ihrer Mutter, die inzwischen ein Heft herausgezogen hat und doch etwas skizziert. Horizontale und vertikale Striche, die sich zu einem Netz verbinden. „Wir sind wie Kette und Schuss“, sagt die Designerin, schaut ihre Tochter an – und man hat das gute Gefühl: Das kann ewig halten.

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