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Malte Tschörtner über New Work, Kanzleien und Gardinen

Über New Work, Kanzleien und Gardinen
Malte Tschörtner

In Zeiten von New Work vergisst man gern, dass auch diskrete Besprechungsräume für vertrauliche Themen benötigt werden. Malte Tschörtner von CSMM – Architecture Matters erklärt den Spagat zwischen Offenheit und Diskretion am Beispiel von Kanzleien.

Interview Katharina Feuer

Erklären Sie New Work mit Ihren eigenen Worten.

Malte Tschörtner: New Work ist für mich ein entscheidendes Buzz Word. Es beschreibt den Wandel der Arbeit im Vergleich zu früher. Heute ist Arbeit kommunikativer, vielseitiger und flexibler geworden. Man muss differenzierter auf diverse Tätigkeiten in Unternehmen eingehen. CSMM sieht sich als Konzeptentwickler. Wir geben bauliche Antworten auf diese Anforderungen, sogenannte Möglichkeitsräume.

Mit welchen Wünschen kommen Ihre Kunden auf Sie zu?

Malte Tschörtner: Manche Auftraggeber sind schon im Thema drin und haben eine Agenda. Die wissen, dass sich räumlich etwas ändern muss, aber nicht, wie sie diesen Transformationsprozess bewerkstelligen sollen. Manche haben von New Work schon einmal etwas gehört – es ist ja gerade in aller Munde. Jeder kennt Bilder vom Google-Headquarter. Viele kommen auch mit einem Fragezeichen über dem Kopf zu uns. Das kommt im Erstgespräch zu Tage. Oft schwingt eine gewisse Angst vor Veränderung mit.

Wie gehen Sie damit um?

Malte Tschörtner: Wir signalisieren: Es gibt eine Lösung. Die ausführliche Antwort ist dann differenzierter. Wir klären während der Bestandsaufnahme den Bedarf. Welche Arbeitssituationen sind vorhanden? Welche Anforderungen gibt es in der Zukunft und welche Räume werden dazu benötigt? Womit gewinnt man vielleicht auch neue Mitarbeiter? Diese Analyse ist die Basis für weitere Schritte.

Funktionieren Kanzleien anders als andere Beratungsunternehmen?

Malte Tschörtner: Die Struktur ist anders, in der Tat. Das macht unsere Aufgabe komplexer. Die Partner der Kanzleien sind in den seltensten Fällen auch Eigentümer der Immobilie, die neu geplant oder umgebaut werden soll. Uns sitzt auch nicht nur ein Geschäftsführer gegenüber, sondern manchmal 20 bis 40 gleichberechtigte Partner unterschiedlichen Alters. Da gehen die Meinungen stark auseinander, was gestalterisch notwendig ist. Bei international tätigen Kanzleien, deren Hauptsitze in London oder New York liegen, kommen noch Effizienzvorgaben und Anforderungen der firmeninternen Corporate Identity und weitere Besonderheiten hinzu.

Das scheint kompliziert. Wie gehen Sie bei Ihren Entwürfen vor?

Malte Tschörtner: Wir haben über die letzten zehn Jahre viel Erfahrung gesammelt. Wir bauen eine gemeinsame Vision auf und man einigt sich auf klare Richtlinien für den Weg dorthin. Dieses Agreement ist Basis für die weitere Gestaltung.

In Kanzleien werden oft vertrauliche Themen besprochen. Klienten erwarten ein hohes Maß an Diskretion. Wie passt das mit der Offenheit von New Work zusammen?

Malte Tschörtner: Es kollidieren tatsächlich zwei Welten: unser gestalterischer Anspruch an offene, helle und transparente Räume und die Notwendigkeit von Diskretion und Schutz. Wir schauen uns bei jedem einzelnen Fall an, welche strukturelle Organisation besteht. Welche Personen arbeiten auf einer Ebene? Wie passen deren unterschiedlichen Bedürfnisse zusammen? Zudem unterscheiden wir zwischen dem Bereich, der für Mandanten zugänglich ist – das Front End – und dem Arbeitsbereich – das Back End – für die Mitarbeitenden der Kanzleien.

Wie unterscheiden sich diese beiden Bereiche gestalterisch?

Malte Tschörtner: Der öffentliche Bereich einer Kanzlei ist die gebaute Visitenkarte des Unternehmens und soll solide Werte ausstrahlen wie Seriosität, Vertraulichkeit und Komfort. Ich behaupte, dass der Bereich für die Mitarbeiter mittlerweile noch wichtiger geworden ist. Er soll genauso hochwertig und wertschätzend wirken. In der Gestaltung, der Wahl der Materialien und im Komfort sind sie gleichwertig.

Wie integrieren Sie Räume für geheime Gespräche in solch ein New-Work-Szenario?

Malte Tschörtner: Ich kann Ihnen das am konkreten Beispiel der Wirtschaftskanzlei Linklaters LLP in München erklären, die wir gerade fertiggestellt haben. Hier haben wir für den Bestand das New-Work-Konzept umgesetzt. Die Fläche wurde komplett entkernt und der Grundriss neu definiert. Wir haben an der Transparenz festgehalten, damit die Räume mehr Licht bekommen. So sind Flurtrennwände immer aus Glas. Da wir ungern mit Folien als Sichtschutz arbeiten, setzen wir Vorhänge ein. Das ruft oft im ersten Moment bei den Bauherren Irritation hervor. Sie können sich das nicht vorstellen. Aber spätestens nach einer Ortsbegehung sind die Bedenken ausgeräumt. Denn die Vorteile der transluzenten Vorhänge sind klar: Sie dienen als Sichtschutz und lassen dennoch erahnen, dass sich Personen im Raum aufhalten. Neben ihrer akustischen Wirkung machen sie den Raum wohnlicher. Sie sind flexibel und schnell einsetzbar. Unsere Low-Tech-Lösung.

Ihre Erfahrungen teilen Sie mit einem Whitepaper. Was steht da drin?

Malte Tschörtner: Das Office-Konzept haben wir in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich entwickelt und all unsere Erfahrungen, die wir bei Projekten gesammelt haben, einfließen lassen. Juristen sind konservativer. Der Sektor ist speziell. Wir zeigen diese Unterschiede auf und geben gestalterische Antworten. Es ist ein Resultat eines langjährigen Prozesses, ein Arbeitskonzept für Juristen, bei dem wir proaktiver vorgehen wollen, da wir das Thema New Work gut kennen. Wir sprechen in diesem Kontext auch vom „Future Lawyer“.

Was ist so speziell an dieser Berufsgruppe?

Malte Tschörtner: Unabhängig vom Alter schätzen Anwälte Ihr Einzelbüro. Darauf wollen die wenigsten verzichten und begründen das gern mit der Notwendigkeit zur Konzentration und natürlich zur Diskretion, die mit Ihrem Beruf verbunden ist. In London sitzt dieselbe Berufsgruppe an einer 6er-Bench. Damit gehen wir um und schlagen einen Mittelweg vor.

Wie sieht der aus?

Malte Tschörtner: Die Einzelbüros bleiben, reduzieren aber ihre Fläche und stellen diese für andere Räumlichkeiten bereit, mit Funktionen wie Videokonferenzen, Transaktionen, für Mandanten, Think Tanks oder kleinere Besprechungsräume. Der Vorteil der Vereinheitlichung und Einführung eines Standards auf immer noch hohem ‧Niveau ist zudem, dass wir relativ flexibel auf Veränderungen reagieren können. Ein Umbau kann in kurzer Zeit und sehr günstig stattfinden, wenn das Team wächst oder kleiner wird. Das ist ein sehr nachhaltiger Ansatz und das müssen Räume heutzutage leisten können, davon bin ich überzeugt.

Haben Sie ein Lieblingsdetail bei Linklater in München?

Malte Tschörtner: Auf jeder Etage befindet sich das sogenannte ‚Social Heart‘, ein zentraler, offener Bereich ähnlich einer Lounge mit Teeküche. Ein ungewöhnliches Szenario für diese Branche. Die Skepsis entsprechend groß: „Ist das das richtige Bild, das wir hier vermitteln?“ Aber es wird wunderbar angenommen. Nach zwei Jahren Corona ist der Wunsch nach Kommunikation und Austausch gewachsen. Dieser Bereich unterstützt die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. Er ist Heimat, fast wie ein zweites Zuhause. Die Partner kommen gern.


Fakten

Projekt: Revitalisierung einer Immobilie, Arbeitsfläche nach New Work-Konzept

Standort: Prinzregentenplatz 10, 81675 München

Fertigstellung: 2022

Bauherr: Wirtschaftskanzlei Linklaters LLP, Webseite der Kanzlei

Innenarchitektur: CSMM Architekture Matters, Webseite des Büros

Fotos: Gleb Polovnykov


Porträt: Gleb Polovnykov

Malte Tschörtner

Malte Tschörtner (Jg. 1979) sammelte nach seinem Studium der Architektur in München und Mailand Berufserfahrung in den Büros von Matteo Thun und Nickl&Partner. Der Hochbauarchitekt und Immobilienökonom ist seit 2010 bei CSMM beschäftigt, mittlerweile als einer von vier geschäftsführenden Gesellschaftern.

www.cs-mm.com

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