Home » Materialien » Holzbau-Installation in London von Waugh Thistleton Architects

Holzbau-Installation auf dem London Design Festival 2018

„Stahl und Beton sind wie Zigaretten und Benzin“

… sagt Holzbau-Pionier Andrew Waugh und erklärt, warum für ihn Holz das Baumaterial der Zukunft ist. Ein Besuch der MultiPly-Installation der London Design Week.

Autorin: Johanna Neves Pimenta

Wenn AHEC – das Amercian Hardwood Export Council – zur Pressereise nach London lädt, ist grundsätzlich klar, worum es geht: Amerikanisches Hartholz, insbesondere Tulpenholz, in Europa zu promoten. Dies passiert jedoch nicht in Form von Fachvorträgen und Bildschirmpräsentationen: David Venables, Leiter von AHEC Europe, nutzt Architekturinstallationen, um sein Thema zu transportieren. Medien- und Publikumswirksame Projekte wie „Endless Stair“ (dRMM 2013), „The smile“ (Alison Brooks, 2016) und nun „MultiPly“ von Waugh Thistleton Architects veranschaulichen die technischen Möglichkeiten des Holzbaus. Denn ungeachtet ob aus europäischem oder aus amerikanischem Holz: Das Potential ist vorhanden – und unterschätzt.

2_dreidimensionales_Labyrinth.jpg
Das Projekt soll von sich reden machen – und das tut es in Zeiten von Instagram: Jeder Besucher hat seine Kamera griffbereit.

Ein dreidimensionales Labyrinth

Wenn Kommunikation das Ziel ist, hat David Venables es erreicht. Der Londoner Himmel zeigt sich strahlend blau, als die MultiPly Installation erstmals zum Begehen freigegeben wird. 17 quadratische Holzbau-Module stapeln sich zu einem dreidimensionalen Labyrinth im unlängst renovierten Sackler Courtyard des Victoria & Albert Museums. Treppen führen kreuz und quer, Netze versperren Durchgänge, mitunter landet man in Sackgassen. Doch die Jagd nach der zuoberst positionierten Aussichtsplattform begeistert die Besucher: Erwachsene klettern mit leuchtenden Augen – Handys und Kameras für fototaugliche Impressionen stets griffbereit – und Kinder müssen von den Aufsehern gebremst werden, um die Architekturinstallation nicht in ihren persönlichen Spielplatz zu verwandeln. Ob Andrew Waugh, der verantwortliche Architekt, David Venables Erwartungen erfüllt hat? „Nein. Er hat sie übertroffen“, sagt Venables.

3_Andrew_Waugh__Foto_Johanna_Neves_Pimenta.jpg
Andrew Waugh gilt als Pionier im Bereich des Holzbaus.

Holzbau-Pionier Andrew Waugh

Waugh Thistleton Architects haben sich im Holzbau einen Namen gemacht, seit sie 2009 „Murray Grove“ entwarfen: Das neunstöckige Haus gilt bis heute als Holzbau-Vorbild. Während dRMM mit der „Endless stair“ Brettsperrholz (englisch: cross-laminated timber, kurz CLT) als Material bekannt machen wollte und Alison Brooks mit „The Smile“ seine Stabilität unter Beweis stellte, nimmt Andrew Waugh mit dem modularen „MultiPly“-Entwurf die Möglichkeiten im Wohnungsbau zum Thema. Denn er ist überzeugt: „In Zeiten von Wohnungsnot und Umweltkrisen sind Stahl und Beton wie Zigaretten und Benzin. Dabei haben wir die Wahl!“

4_MultiPly_AHEC_Waugh_Thistleton_Arup_Tulipwood_CLT_19.jpg
Akkuschrauber statt Presslufthammer: Fertigbauten aus Holz lassen sich mit wenig Lärm und Schmutz errichten.

Akkuschrauber statt Presslufthammer

Die Vorteile vorgefertigter Holzbauten, insbesondere im städtischen Umfeld, zählt Waugh an einer Hand ab: Weniger Schmutz, weniger Lärm, weniger Bauarbeiter, schnellere Fertigstellung. „Während wir am Anfang unserer Arbeit noch im Laufe des Entwurfsprozesses die Materialwahl verteidigen mussten, kommen mittlerweile Kunden zu uns, weil sie Holzbauten wollen.“ Innerhalb der konservativen Baubranche entstünden insbesondere spannende Bürogebäude. Andrew Lawrence, der als Holzexperte von ARUP das Projekt begleitete, unterstützt die Beobachtung: „Büros, Schulen und Universitäten sind prädestiniert für Holzbauten. Während nebenan gebaut wird, kann der Betrieb unbehelligt weitergehen.“ Akkuschrauber statt Presslufthammer ist die neue Devise.

5_MultiPly_AHEC_Waugh_Thistleton_Arup_Tulipwood_CLT_2.jpg
Tulpenholz bewusst geringer Qualität war Rohstoff für das verbaute Brettsperrholz CLT.

Häuser als CO2-Speicher

Holzexperte Lawrence ist jedoch nicht nur wegen der Fertigungs-Vorteile vom Potential des Holzbaus fasziniert: Er sieht Holzbauten als die CO2-Speicher der Zukunft. „Im Gegensatz zu üblichen Bauwerkstoffen entsteht Holz durch Solarenergie. Holz ist außerdem ein fantastischer CO2-Speicher – und indem wir es nutzen, können unsere Häuser ebenfalls dazu werden.“ Beispielsweise speicherten die 43 Kubikmeter Tulpenholz, die in MultiPly verbaut sind, 30 Tonnen CO2. So sei das MultiPly gewissermaßen emissionsneutral. Auch Bedenken hinsichtlich Abforstung wiegelt David Venables von AHEC ab: „Das Tulpenholz-Vorkommen in Amerika wächst trotz Abholzung jedes Jahr um 19 Millionen Kubikmeter. Innerhalb von fünf Minuten ist das für MultiPly verwendete Holz nachgewachsen. Doch egal, wie viel nachwächst: Wir müssen es auch nutzen, damit es sein nachhaltiges Potenzial entfalten kann!“ Darum ist insbesondere die Baubranche für das schnell wachsende Tulpenholz ein spannender Zukunftsmarkt.

6_MultiPly_AHEC_Waugh_Thistleton_Arup_Tulipwood_CLT_10.jpg
Aus den CLT-Platten frästen CNC-Maschinen sämtliche Bauteile, von der Wand bis zur Treppenstufe.

Das Potential von CLT

Besondere Relevanz für die Baubranche hat wiederum CLT. Für die MultiPly Installation wurde Tulpenholz – bewusst der niedrigsten Qualität – verarbeitet. Ein schottischer Betrieb entfernte potentielle Schwachstellen wie Astlöcher, verband das verbleibende Holz zu Bohlen und verleimte diese kreuzweise zu stabilen CLT-Elementen. Da die Holzfasern in wechselnde Richtungen laufen, sind sie stabiler als herkömmliche Massivholz-Bohlen; und dank der hohen Stabilität von Tulpenholz war eine geringere Materialstärke als etwa bei Nadelholz möglich. Abschließend fräste eine CNC-Maschine die verschiedenen Bauteile aus den Holztafeln: Wände, Treppen, Böden und Decken. Als besonderes Finish kam gebackenes Tulpenholz zum Einsatz: Wärmebehandeltes Holz (englisch TMT) ist besonders wetterresistent und kommt in seinen Materialeigenschaften Edelhölzern nahe.

7_MultiPly_AHEC_Waugh_Thistleton_Arup_Tulipwood_CLT_17.jpg
Die MultiPly-Installation wurde extra so geplant, dass sie modular verbaut, flach verpackt und gut verschifft werden kann. Noch stehen aber keine weiteren Ausstellungsorte fest.

Auf Reise?

So entstand in Schottland ein modulares Bausystem, das flach verpackt und verschifft werden könnte. Bislang leider nur könnte: Weitere Stationen der „MultiPly“-Installation sind bislang nicht fest geplant, obwohl Modularität der Ausgangspunkt des Entwurfs war. Doch es gibt Hoffnung, wie Andrew Waugh mit leuchtenden Augen berichtet: „Seit der Eröffnung erreichen uns Anfragen aus aller Welt!“ Das Eröffnungsdinner lässt hoffen. Andrew Waugh unterhielt sich mit seinem Team und den anwesenden ARUP-Mitarbeitern nicht über die vergangenen Wochen oder ihre Impressionen der fertigen Installation. Die Köpfe waren über Ideenskribbles für zukünftige MuliPly-Varianten zusammengesteckt.

Weiterführende Links:

www.americanhardwood.org/

www.arup.com/

www.waughthistleton.com

www.drmm.co.uk/

www.alisonbrooksarchitects.com/

www.vam.ac.uk/

Mehr zu den Architekturinstallationen von AHEC lesen Sie hier:

Hoch hinaus

The Smile

Mehr zum Thema Holzbau lesen Sie hier:

Holzbau in industrieller Peripherie

Gute Raumakustik im Holzbau

Anzeige

Top-Thema

Anzeige

Neueste Beiträge

Bodenbeläge
Vinylfliesen ‚Wovon‘, Objectflor GmbH

Webmuster

Titelbild md 1
Ausgabe
1.2020 kaufen

EINZELHEFT

ABO


Architektur Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de