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Dämmmaterial aus Pilzen

Neue Materialien
Dämmmaterial aus Pilzen

Die Suche nach neuen Materialien, die den zukünftigen Anforderungen an eine nachhaltige Produktionsweise und an Ressourcen schonenden Rohstoffeinsatz entsprechen, treibt mittlerweile überraschende Blüten: Die Materialien der Zukunft wachsen von selbst – anstatt energieaufwändig produziert zu werden.

Autorin Christiane Sauer

Zwei Absolventen des renommierten Rensselaer Polytechnischen Institutes in Troy, New York, inspirierte das „Inventor Studio“ an der auf Technologieforschung spezialisierten Universität zu einer revolutionären Materialidee. Eben Bayer und Gavin McIntyre kreieren aus Pilzen ein biologisch abbaubares Dämmmaterial. Eben Bayer, der auf einer Farm in Vermont aufwuchs, ist seit seiner Kindheit vertraut mit dem Anbau von Pflanzen und auch dem schnellwachsenden, fadenförmigen Geflecht der Pilzmyzele, das sich unterirdisch unter den sichtbaren Pilz-Fruchtkörpern auf mehreren Kilometern ausweiten kann. Dieses Myzel, das haarfein seine Umgebung durchdringt, ist der Kernbestandteil des innovativen Materials.

Dämmmaterial
Pilzmyzele sind verantwortlich für eine neue Generation von Materialien aus “wachsenden” Rohstoffen: Beispielsweise für biologisch abbaubare Verpackungsprodukte.

Für erste Tests mischten die beiden Erfinder Wasser, Wasserstoffperoxid, recyceltes Zeitungspapier, Pilzmyzele und Perlitegranulat – Blähkügelchen aus vulkanischem Gestein. Perlite wird sowohl als Dämmschüttung im Bauwesen als auch zur Erdauflockerung im Gartenbau eingesetzt. Die Pilzmischung wurde in einen handlichen Kunststoffbehälter gefüllt und für einige Tage unter dem Bett ruhig und dunkel gelagert. Das Myzel, das die Dunkelheit zum Wachsen braucht, nährt sich von den im Zeitungspapier enthaltenen organischen Stoffen und breitet sich aus. Die dämmenden Perlitekugeln werden während dieses Prozesses fest mit eingebunden und das Gewächs füllt exakt die Form des Behälters aus. Weitere technisch immer versiertere Versuche folgten, so dass das Material mittlerweile zu einem hocheffizienten Produkt entwickelt wurde.

Dämmmaterial
‚Greensulate‘ in Sandwichbauweise kann für Zwischenwände oder Türen eingesetzt werden.

Als Nahrung für die Pilze dienen nun auch pflanzliche Produktionsabfälle aus der Industrie. Diese Grundsubstanz kann je nach den lokalen Gegebenheiten variieren. So können beispielsweise in den USA Reste aus der Baumwollproduktion, in Europa Samenschalen von Buchweizen, in Asien solche von Reis verwendet werden. Diese lokalen Rohstoffquellen als Grundmaterial helfen, Energie und Kosten für den Transport zu minimieren. Bei der Produktion wird auf keinerlei Erdölressourcen zurückgegriffen – die Pilze verrichten ihre Arbeit ohne Licht oder zugeführte Wärme. Um den Wachstumsprozess des Biomaterials zu stoppen, wird dem Gemisch durch Erhitzung auf 43 Grad Celsius das Wasser entzogen. Die hierfür benötigte Energie wird aus Niedrigenergiequellen durch Zwangskonvektion oder Solartechnik gewonnen.

Die Eigenschaften des fertigen Dämmmaterial sind mit denen herkömmlicher, erdölbasierter Produkte wie etwa EPS-Dämmungen absolut konkurrenzfähig: Es werden adäquate Dämmwerte und eine hohe Druckfestigkeit erreicht. Die Produktionskosten sind darüber hinaus deutlich geringer als bei den chemisch erzeugten Produkten. Das neue Biomaterial mit dem Namen ‚Greensulate‘ wird derzeit nach internationalen Standards getestet. Für das Dämmmaterial ist eine weltweite Markteinführung für 2010 geplant.

Dämmmaterial
Internationale Tests zeigen: Es werden adäquate Dämmwerte und eine hohe Druckfestigkeit erreicht.

Es sind vielfältige Produkte aus dem Biomaterial möglich: Als Sandwichsystem kann es für Zwischenwände oder Leichtbauelemente eingesetzt werden oder als Kern von Türen und Schiebepaneelen. Es können selbst Schall absorbierende akustische Wandbekleidungen für den Innenraum hergestellt werden. Auch in der Verpackungsindustrie liegt ein großes neues Anwendungsfeld für den wachsenden Rohstoff.

Verpackungsmaterial wird nach seinem Einsatz meist entsorgt – ein Nachteil bei herkömmlichen Kunststoffmaterialien. Hier bietet der entsprechende Werkstoff mit dem Namen ‚Acorn‘ eine überzeugende Alternative: Er wird einfach kompostiert. Wird das Produkt über lange Zeit durchfeuchtet, zersetzt es sich – ähnlich wie Holz – in einem natürlichen Prozess. Es können im Rohmaterial bereits Blumen oder Gemüsesamen eingearbeitet werden, die im Falle der Kompostierung gleich einen idealen Nährboden vorfinden und ihrerseits den Zersetzungsprozess beschleunigen.

Blumenbeete statt Müllberge – eine Vision, die optimistisch in die Zukunft der neuen Materialien blicken lässt.

Autorin Christiane Sauer

Kontakt: Ecovative Design LLC
1223 Peoples Ave.
Troy (NY)/ 12180/USA
www.evocativedesign.com

Weitere Materialentwicklungen und -anwendungen finden Sie hier

 

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