CSAC – Centro Studi e Archivio della Comunicazione dell’Università di Parma/Italien

Zeitzeugen

Zwölf Millionen Exponate: Eine Kartause bei Parma beheimatet das größte Archiv Italiens, das CSAC, für die künstlerischen Disziplinen des 20. Jahrhunderts. Auch Architektur und Design zählen dazu.

Autorin Cecilia Fabiani

Arturo Carlo Quintavalle fing das Sammeln schon früh an. Bereits mit Anfang 30 gründete der 1936 geborene Kunsthistoriker das CSAC, Centro Studi e Archivio della Comunicazione dell’Università di Parma, ein Forschungszentrum der Hochschule der Stadt Parma. Dort lehrte er. Man schrieb das Jahr 1968.

Anfangs ging es Quintavalle vorwiegend um Kunst, dann kam die Fotografie dazu. Dann Visuelle Kommunikation, Comic, Illustration, Architektur, Design, Mode. Es sind die künstlerischen Disziplinen des 20. Jahrhunderts, die den Professor zeitlebens interessierten.

Heute umfasst der Bestand beeindruckende 12 Mio. Archivalien. Sie sind gegliedert in fünf Ressorts: Kunst (1700 Gemälde, 300 Skulpturen, 17 000 Zeichnungen), Fotografie (über 9 Mio. Aufnahmen), Media (7 000 Plakatentwürfe, 2 000 Kinoplakate, 11 000 Comics, 3 000 Illustrationen), Entwurf (1,5 Mio. Zeichnungen, 800 Modelle, 2 000 Objekte, 70 000 Skizzen und Zeitschriften zu Architektur, Design und Mode), Show (100 Filme, 4 000 Videos).

Zu einer Zeit, in der die Wenigsten an das Dokumentieren von Zeitgeschichte dachten, trug man in Parma beharrlich den künstlerischen Nachlass der großen Architekten, Fotografen, Grafiker und Designer zusammen; aber auch Firmenarchive wie das von Brionvega, deren Radio- und Fernsehgeräte weltweit Designgeschichte schrieben.

Nicht zuletzt aus Platzgründen befreiten sich die Erben dankbar von Zeichnungen, Skizzen und Objekten. Und selbst wenn einige von ihnen ihre Großzügigkeit später bereuten, darf man wohl zu Recht behaupten, dass andernfalls sicher so manches unrettbar verloren gegangen wäre.

Die Sammlung des CSAC wurde schon früh für Ausstellungen und Kataloge genutzt, auch als Anschauungsmaterial an der Hochschule. Sie wuchs und wuchs. Schließlich wurden die alten Räumlichkeiten zu klein und das Archiv wechselte im Jahr 2007 in die Abtei von Valserena. Ein dem Stellenwert der Sammlung angemessener und großzügiger Rahmen unweit der Stadt Parma. Es sollten allerdings noch gute acht Jahre vergehen, bis das Archiv im Mai 2015 dann endlich öffentlich zugänglich war.

Seither präsentiert sich das CSAC als ein multifunktionales Zentrum, zu dem auch ein Museum gehört. Es befindet sich in der Hauptkirche, deren Schiff machtvolle 62 x 34 m misst. Die Abtei, als Kartause von Paradigna bekannt, wurde Ende des 13. Jh. gebaut und im 17. und 18. Jh. erweitert. Damals lebten dort 500 Mönche, und angeblich handelt es sich genau um jene Kartause von Parma, die den französischen Schriftsteller und Kunsthistoriker Stendhal zu seinem gleichnamigen Roman inspirierte.

Angemessener Rahmen

Neben Archiv und Museum beherbergen die historischen Räumlichkeiten das Forschungszentrum, Konferenzraum, Bistro/Restaurant, Bookshop und ein Gästehaus für Forscher, das aber auch Touristen, die hier wohnen wollen, offensteht.

Leider können immer nur Bruchstücke des enormen Sammlungsbestands ausgestellt werden. Aber die Aufgaben des CSAC beschränken sich nicht auf die Ausstellungstätigkeit. Letztlich geht es darum, das italienische Kulturerbe durch Sammeln, Konservieren und Katalogisieren generell zu fördern.

„Wir begrüßen jeden Tag Studierende und Forscher, die an Projekten, Ausstellungen, Büchern oder einfach an ihrer Diplomarbeit arbeiten“, erläutert Simona Riva, Kuratorin im Ressort ‚Entwurf‘, innerhalb dessen sie für die Designabteilung verantwortlich zeichnet.

Neben der Betreuung der zahlreichen Gäste gehört das Verleihen von Exponaten an wichtige Museen zu den Aufgaben des Archivs. Schließlich müssen die Anfragen von einer Mailänder Triennale, einem MoMA New York, dem Pariser Centre Pompidou oder dem Tokyo Design Center bearbeitet werden. Darüber hinaus kooperiert man in Forschung und Lehre mit der Universität von Parma, der das CSAC als Mitglied sogar einen Präsidenten und sieben Kuratoren stellt.

Von Mailand dauert die Autofahrt nach Parma eine gute Stunde. Etwas länger dauert es mit dem Zug. Und im Herbst und im Winter gehören der Nebel ebenso zur Landschaft der Poebene wie die Landwirtschaft im Frühling und im Sommer. Schon von Weitem beeindruckt die isolierte Lage der idyllisch von Feldern und Wiesen umrahmten Kartause.

Hommage an Sottsass

Der Zauber des Ortes liegt im Kontrast zwischen der historischen Architektur und dem zeitgenössischen Archiv. Er könnte größer nicht sein und entfaltet sich vom Garten und offenen Innenhof mit seinen modernen Skulpturen über die Kirche bis zu den Nebengebäuden. Der Genius loci regt den Geist an, macht nachdenklich.

Dort kann man bis zum 20. Mai 2018 die Ausstellung „Ettore Sottsass. Oltre il Design“ besuchen. Der große italienischen Designer und Architekt schenkte 1979 dem Archiv 14 000 eigene Werke, darunter 24 Skulpturen.

„Die wichtigsten Bestände der Design-abteilung sind Arbeiten der 1960er- und 1970er-Jahre des Made in Italy mit Castiglioni, Rosselli, Sottsass, sowie des Radical Design mit Archizoom und Branzi oder der legendären Ausstellung ‚Italy the new domestic Landscape‘ des MoMA“, betont die Kuratorin.

Zur Architekturabteilung gehören Namen wie Gio Ponti, Pier Luigi Nervi, Giuseppe Samonà, Afra und Tobia Scarpa. Die Felder Architektur/Design überschneiden sich. So kann man die Zeichnungen von Ponti und Nervi für den ‚Pirellone‘ bewundern, den großen Pirelli, wie die Mailänder das Hochhaus vor dem Hauptbahnhof voller Bewunderung nennen. Und gleich daneben Gio Pontis Stuhlentwürfe wie die zum ‚Superleggera‘.

Das Archiv spielt seine Vielfalt überzeugend in übergreifenden Ausstellungen aus. Eine solche ist für dieses Jahr geplant. Über die 1968er. Man darf gespannt sein, wie eine der kreativsten Epochen des 20. Jh. anhand der Exponate dokumentiert sein wird. 50 Jahre schaffen eine gute Distanz. Aber auch ohne Sonderausstellung lohnt ein Tagesausflug. Die Kartause ist ein Sehnsuchtsort für alle Liebhaber von Kreativität und Entwurf.

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CSAC – Centro Studi e Archivio della Comunicazione dell’Università di Parma/Italy

Historical Witnesses

Twelve million exhibits. A charterhouse near Parma is the home of the largest archive of the artistic disciplines of the 20th century. Architecture and design form a part of them.

Author: Cecilia Fabiani

Arturo Carlo Quintavalle started collecting at an early age. In his early 30s the art historian, born in 1936, founded CSAC (Centro Studi e Archivio della Comunicazione dell’Università di Parma), a research center at Parma university. That’s where he taught, starting in 1968.

In the beginning, Quintavalle predominantly dealt with art, later photography was added. Then came visual communication, comics, illustration, architecture, design, fashion. All his life the professor has been interested in the artistic disciplines of the 20th century.

Now the inventory comprises impressive twelve million archival documents, subdivided in five categories: art (1,700 paintings, 300 sculptures, 17,000 drawings), photography (over nine million pictures), media (7,000 poster designs, 2,000 cinema posters, 11,000 comics, 3,000 illustrations), draft design (1.5 million drawings, 800 mock-ups, 2,000 objects, 70,000 sketches and magazines on architecture, design and fashion), show (100 films, 4,000 videos).

At a time when only very few people thought of documenting contemporary history, the artistic inheritance of renowned architects, photographers, graphic artists and designers was doggedly compiled in Parma, and company archives like that of Brionvega were added, whose radio and television sets wrote design history worldwide.

Not least because of a lack of space, their heirs thankfully let go of drawings, sketches and objects. Although some of them may have regretted their generosity later on, it may be rightly said that otherwise many things would have been lost irretrievably.

The right setting

The CSAC collection had already been used for exhibitions and catalogs at a already shortly after having been established, even as illustrative material at the university. It kept on growing. Eventually the old facility became too small and the archive was relocated to Valserena abbey in 2007. It is more appropriate to the importance of the collection, and it provides a generous setting for it not far from the city of Parma. However, more than eight years were to pass before the archive finally became accessible to the public in May 2015.

Since then CSAC has presented itself as a multi-functional center that also comprises a museum. It is located in the main church that has a mighty nave of 62 x 34 m. The abbey, also known as the charthouse of Paradigna, was built at the end of the 13th century and extended in the 17th and 18th centuries. At that time 500 monks lived there. Allegedly it is exactly that Charterhouse of Parma by which French author and art historian Stendhal was inspired when he wrote the novel of the same name.

Apart from the archive and the museum, the historic premises accommodate the research center, a conference room, a bistro and restaurant, a bookshop and a guest house for scientists that is also open to tourists who want to stay there.

It is a pity that only fragments of the enormous collection can be showcased at one and the same time. But the CSAC’s activities are not restricted to staging exhibitions. The ultimate goal is to generally promote the Italian heritage by collecting, preserving and cataloging.

A comprehensive mandate

Simone Riva, curator of the draft-design category, explains that “on a daily basis, we welcome students and researchers working on projects, exhibitions, books or simply their diploma thesis.” In addition to catering for many guests, it is the task of the archive to loan exhibits to important museums. Finally, the inquiries by Milan’s Triennale, the MoMa in New York, the Centre Pompidou in Paris, the Tokyo Design Center and suchlike have to be dealt with. Over and above that there’s the co-operation with Parma university in the fields of research and teaching to which CSAC, in its capacity as a member, even provides a president and seven curators.

It takes a bit more than an hour to travel from Milan to Parma by car. By train it takes longer. In autumn and winter fog is a permanent element of the landscape in the Po Valley, as is agriculture in spring and summer.

Already from afar the isolated location of the charterhouse, surrounded by fields and meadows, is impressive. The charm of the place lies in the contrast between historic architecture and the contemporary archive. It couldn’t be bigger, unfolding from garden and inner courtyard with its modern sculptures to the church and finally to the annexes. The genius loci stimulates the mind and makes you contemplative.

An homage to Sottsass

The “Ettore Sottsass. Oltre il Design” exhibition will be open to the public until 20 May 2018. In 1979, this great Italian designer and architect donated to the archive 14,000 of his own works, including 24 sculptures.

The curator emphasizes that “the most important pieces in the design department are works of the Made in Italy era in the 1960s and 1970s, by Castiglioni, Rosselli and Sottsass, plus Radical Design represented by Archizoom and Branzi, or the legendary Made in ‘Italy exhibition under the heading of Italy the new domestic Landscape’ at MoMa”. The architecture department comprises the names of Gio Ponti, Pier Luigi Nervi, Giuseppe Samonà, Afra and Tobia Scarpa. The sectors of architecture and design overlap. Hence you can admire drawings by Ponti and Nervi for the ‘Pirellone’, the ‘Big Pirelli’ as the Milanese admiringly call the skyscraper in front of the main station. And right next to it Gio Ponti‘s chair designs, as for instance those for the ‚Superleggera‘.

The archive convincingly creates most of its diversity by staging border-crossing exhibitions. One of them is planned to take place this year, and the subject is the protests of 1968. It will be fascinating to see how one of the most creative eras of the 20th century will be documented by the exhibits. 50 years generate a certain distance. But even if there is no special exhibition, the place is worth a day trip. The charterhouse is a place of longing for all lovers of creativity and design.