Kulturzentrum aus Bambus in Daoming/China

Verwebte Tradition

Traditionelle Strukturen finden sich im ländlichen China noch an vielen Orten. Das Kulturzentrum in der Provinz Sichuan vereint Vergangenheit und Moderne durch sein architektonisches Konzept, das alte Handwerkskunst mit neuer Technologie kombiniert.

Autorin Christiane Sauer

Der Ort Daoming in der südchinesischen Provinz Sichuan ist bekannt für seine traditionelle Bambus-Webkunst. Das Handwerk ist hier weit mehr als nur ein ländlicher Wirtschaftszweig. Es ist eine Tradition, die in der sozialen Struktur und dem täglichen Leben der Bewohner fest verwurzelt ist. Bambusweben ist Teil des Alltags: bei Familienzusammenkünften oder Nachbarsbesuchen wird das kulturelle Erbe weitergeführt. So sollte Bambus auch ein zentraler Bestandteil des neuen Kulturzentrums werden, das vom in Shanghai ansässigen Büro Archi-Union Architects entworfen und umgesetzt wurde. Das Büro fokussiert in seinen Projekten auf die Verbindung von traditionellen chinesischen Bauelementen mit digitaler Technik.

Bambus wurde in der Entwurfsrecherche zunächst als Tragstruktur untersucht, schließlich aber wegen limitierender Faktoren im konstruktiven Bereich ausschließlich als ausfachendes Fassadenmaterial und für einen kleinen Verkaufspavillon im Garten eingesetzt. Gemeinsam mit einem lokalen Bambuskunsthandwerker wurden über zwanzig Variationen unterschiedlicher Webmuster getestet. Das nachwachsende Material der Gebäudehülle wird in einen neuen Kontext gesetzt, es scheint vertraut und ist doch neu interpretiert.

Das geschwungene Dach beschreibt eine Endlosschleife. Seine Ebenen überlappen sich im Kreuzungspunkt, was hohe Ansprüche an die darunterliegende Konstruktion stellt. Mit einem Industrieroboter war es möglich, die komplexen Formen in Vorfabrikation auszuführen und die Holzträger als freie Form zu fräsen. Randbedingungen wie Holzeigenschaften und Wuchslängen wurden bei der parametrischen Planung im Computermodell berücksichtigt.

Eine leichte Stahl-Holz-Mischkonstruktion trägt das dreidimensionale Dach. Die industrielle Vorfertigung machte es möglich, das gesamte Gebäude in nur 52 Tagen zu errichten.

Im Gegensatz zur digital generierten Konstruktion steht das Material der Dachdeckung. Die komplexe Form ist mit traditionellen keramischen Dachschindeln belegt, die sich pixelartig in die gekrümmte Fläche fügen. Lokales Handwerk gibt der neuen Form so eine gewohnte und zugleich neuartige Anmutung.

Alles ist im Fluss

In der chinesisichen Tradition sollen ein Kunstwerk, ein Raum oder eine Landschaft in einer fließenden Bewegung entstehen. So haben die Architekten auch den Weg durch das Gebäude konzipiert. Der Besucher bewegt sich zwischen unterschiedlichen Ebenen der Durchlässigkeit von natürlichem und gebautem Raum. Hell und Dunkel wechseln sich ab, wie in einem Wald von Bambus. Die Innenhöfe und geschwungenen Formen spielen mit Licht und Schatten über den Verlauf eines Tages.

Auch die Verbindung zur nahegelegenen Straße wurde als Bewegung inszeniert. Der mehrfach geschwungene Weg, ein in der chinesischen Tradition eher unübliches Element, nimmt die Idee der langsamen Heranführung und der filmischen Sequenz auf. Die umliegenden Bambuswälder verschmelzen in der Wahrnehmung mit dem Gebäude und machen es zu einem Teil der Natur.

Unter dem raumgreifenden Dach verweben sich Außen- und Innenräume und bieten Möglichkeiten für Ausstellungen, Konferenzen, Versammlungen und ein Restaurant. Die Dorfbewohner haben das Gebäude mit Stolz angenommen.

Das größte Kompliment für eine gelungene Architektur, die die lokale Kultur und die alteingesessenen Bewohner respektiert und zugleich zukunftsweisende Akzente setzt.

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Factsheet

Projekt: In Bamboo

Standort: Daoming, Chongzhou, Provinz Sichuan/CHN

Architekturbüro: Archi-Union Architects, Shanghai/CHN; www.archi-union.com

Bauaufgabe: Kulturzentrum

Fertigstellung: April 2017

Nutzfläche: 1800m²

Planungsteam:

Projektleitung: Philip F. Yuan

Architektur: Alex Han, Xiangping Kong, Bing Yang, Tianrui Zhu

Interior: Qinhao Wen, Xiaoming Chen, Jingyan Tang

Material: Holz, Bambus, Keramik

Konstruktion: Jing Wang, Lei Li, Chen Liang, Qiang Zhou

Elektrotechnik: Yong Liu, Ying Yu, Qiang Zhou

Ausführung: Chongzhou City Chongzhong Exhibition Industry Investment Co., Ltd


Autorin Christiane Sauer

Die Architektin und Materialspezialistin lehrt als Professorin für Textil- und Flächendesign an der Weissensee Kunsthochschule Berlin. www.formade.com www.luelingsauer.com