Interaktive Grafik zum Bio-Licht fürs Büro

Human Centric Lighting

Vor einem Jahr stellten wir das Thema Human Centric Lighting vor, angekündigt als Milliardenmarkt und Hoffnungsträger für die Industrie. Bahnbrechende neue Erkenntnisse brachte die Zwischenzeit nicht, aber erste Anwendungen und Erfahrungen. Mit der interaktiven Grafik, erhalten Sie die wichtigsten Fakten zum Human Centric Lighting auf einen Klick.

Human Centric Lighting war der Themenschwerpunkt der letzten Light + Building. Noch ist das Thema aber nicht breit im Markt angekommen. md-Autor Martin Krautter benennt die Gründe.

Beitrag vom 16. Februar 2017, aktualisiert am 12.10.2018

Human Centric Lighting – zwischen Skepsis und Begeisterung

Eine Erkenntnis der Recherche: Noch ist Human Centric Lighting, bei Weitem nicht so breit im Markt angekommen, wie man es angesichts der enthusiastischen Ankündigungen vielleicht erwartet hätte. Das liegt einerseits an dem langwierigen Prozess bis zum realisierten Projekt, der jedem planerisch Tätigem geläufig ist. Andererseits steht der Begeisterung von Forschern und Herstellern nach wie vor eine große Skepsis gegenüber, etwa bei Experten für Arbeitsschutz oder Gewerkschaftlern – bis hin zum polemischen Begriff des „Licht-Doping“.

Normative und gesetzliche Vorschriften zu biologisch wirksamem Licht, die sowohl den Planern und Anwendern Sicherheit geben als auch der Industrie einen Auftragssegen bescheren würden, liegen immer noch in weiter Ferne: Zu unklar sei die Erkenntnislage zu den langfristigen Auswirkungen von HCL, konstatiert zum Beispiel die Kommission Arbeitsschutz und Normung (KAN).

Das erklärt auch, warum die Anwendungen und Projekte, die wir hier vorstellen, etwas gemeinsam haben: Nämlich das Interesse der jeweiligen Bauherren, zu experimentieren und früh eigene Erfahrungen mit Human Centric Lighting zu sammeln, weil sie nämlich ihrerseits – als Planer oder Lieferanten – mit zukünftigen Office-Welten befasst sind.

So gehört die Beleuchtungsplanung für Büros im Tiroler Lichtlabor Bartenbach zum Tagesgeschäft. Um Kunden Erfahrungen und Eindrücke aus erster Hand bieten zu können, statteten die Lichtexperten dort ihre eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung im Rahmen einer fälligen Sanierung mit einem smarten und biologisch wirksamen Lichtsystem aus.

Human Centric Lighting

Foto: Bartenbach Lichtlabor

Die betreffende Abteilung des Lichtplanungsbüros in Aldrans bei Innsbruck ist in einem Appendix untergebracht, den der Tiroler Architekt Josef Lackner 1996/97 an das zehn Jahre zuvor ebenfalls von ihm geplante Bürogebäude anfügte. Die Sanierung leiteten Schlögl & Süß Architekten aus Innsbruck. Das Interessante am neuen Lichtkonzept ist sein ganzheitlicher Ansatz, der nicht nur die Lichtfarbe dem zirkadianen Rhythmus anpasst, sondern auch Faktoren wie Tageslicht und Präsenz der etwa 30 Mitarbeiter mit einbezieht. Dafür wurden nicht weniger als 48 Sensoren an den Schreibtischen und an der Decke installiert.

Human Centric Lighting folgt Tageslicht

Auch das Lichtsystem selbst ist in die Decke integriert: Verbaut wurde ein bei Bartenbach entwickeltes, miniaturisiertes und blendfreies Reflektorensystem namens RDB-D – bestückt mit je einer warmweißen und einer kaltweißen LED pro Reflektorzelle. Dies ermöglicht variable Lichtfarben im Tagesverlauf vom kälteren, bläulichen Licht mit 5000 K zum Aktivieren am Morgen bis zum gelblich-rötlichen Licht von 2200 K am Abend.

Die Beleuchtungsstärken auf den Arbeitsflächen beschränken sich nicht auf die normgerechten 500 lx, sondern können bei Bedarf – etwa für ältere Mitarbeiter – auf bis zu 1200 lx angehoben werden. Außenliegende Lamellen sowie Screens innen an den Oberlichtern und Fenstern dosieren automatisch das Tageslicht als ganz natürliche – und kostenlose – Quelle für biologisch wirksames Licht.

„IdeenReich“ im Feco-Forum arbeitet mit biologisch wirksamen Licht

Schon heute zu wissen, wie die Büros von Morgen aussehen, ist auch für die feco Systeme GmbH erfolgsentscheidend: Die Karlsruher Unternehmensgruppe fertigt Trennwandsysteme, plant und realisiert aber auch komplette Büroprojekte. Als Schaufenster für Planer und Architekten dient das „IdeenReich“ im Feco-Forum – eine Bürolandschaft mit unterschiedlichen Flächenmodulen, in der Besucher Produkte und Büroeinrichtungen live erleben können. An den 36 Arbeitsplätzen sorgen ‚Lavigo‘ Stehleuchten von Waldmann in Verbindung mit dem Lichtmanagementsystem Pulse VTL für biologisch wirksames Licht und ein angenehmes Ambiente.

Diese Leuchten simulieren einen natürlichen Verlauf des Tageslichts mit entsprechender Farbtemperatur und Beleuchtungsstärke im indirekten Lichtanteil, während jeder Nutzer den direkten Lichtanteil individuell einstellen kann. Tageslicht- und Präsenzsensoren runden die automatisierte Steuerung ab.

Messbarer Faktor Melatonin

Erste Erfahrungen im „IdeenReich“ sind positiv. „Sowohl im Sommer, als wenig künstliches Licht erforderlich war, als auch gerade jetzt im Winter, wenn der Lichteintrag des natürlichen Lichtes von außen deutlich geringer ist, wird das Licht der Stehleuchten als selbstverständlich empfunden,“ berichtet die feco-Geschäftsführerin Corona Feederle und betont die gute Akzeptanz der neuen Beleuchtung: „Die Nachregulierung geschieht für die Nutzer nahezu unbemerkt.“ Ihre Konsequenz: Eine klare Empfehlung für biodynamisches Licht auch an die eigene Kundschaft.

Human Centric Lighting

Foto: feco Systeme GmbH

Auf der Skala vom vollintegrierten, biodynamischen Lichtsystem bei Bartenbach über die intelligenten Stehleuchten bei feco bilden Schreibtischleuchten mit variabler Lichtfarbe die flexibelste und kostengünstigste Lösung für erste Schritte in Richtung HCL. Diesen Weg ging das Büro Eike Becker Architekten und stattete seine neuen Büros im 14. Stock des Total Tower gegenüber dem Berliner Hauptbahnhof mit Arbeitsplatzleuchten von Luctra aus.

„Unser Team muss jederzeit hoch effizient arbeiten können,“ begründet Eike Becker diese Wahl: „Wir waren deshalb auf der Suche nach der optimalen Beleuchtung, die einerseits unseren Anspruch an Design und Ästhetik und andererseits unsere Bedürfnisse nach gutem Arbeitslicht erfüllt.“

Klinische Studie: Nachweis der biologischen Wirkung des Human Centric Lighting

Die Luctra Linear Table Pro wurde von Yellow Design gestaltet, sie fügt sich in die zurückhaltende Gestaltung der Büroräume ein. Vier Hochleistungs-LEDs leuchten die jeweiligen Arbeitsplätze perfekt aus und lassen sich an den individuellen Tagesablauf des jeweiligen Nutzers anpassen.

Dass seine Leuchten tatsächlich biologisch wirken, konnte Luctra in einer klinischen Studie von Dr. Dieter Kunz mit der Arbeitsgruppe „Schlafforschung und Klinische Chronobiologie“ am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin nachweisen: Wie erwartet, dämpfte kaltweißes Licht die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Warmweiße Beleuchtung wirkte sich dagegen kaum aus und eignet sich damit auch für abendliche Arbeit.

„tuneable white“-Technologie von Zumtobel lässt sich stufenlos verändern

Mit einer Neuauflage seines Bürolicht-Klassikers „Mildes Licht“ folgt auch der Beleuchtungs-Multi Zumtobel dem HCL-Trend – die für LED-Technologie redesignte Leuchte ist allerdings so aktuell, dass noch nicht aus realisierten Projekten berichtet werden kann. Dank „tuneable white“-Technologie lassen sich Lichtintensität und Farbtemperatur zwischen 3000 und 6000 Kelvin stufenlos und unabhängig voneinander verändern. Damit bringen die Leuchten alle Voraussetzungen mit, um sich in das bei den Österreichern auf den Namen „Active Light“ getaufte HCL-Konzept integrieren zu lassen.

Human Centric Lighting

Ganz nach Bedarf warm oder kühl: So stellt sich Zumtobel zukünftige Büros mit dem Konzept „Active Light“ vor. Rendering: Zumtobel Lighting

Der Hersteller verspricht maximalen Sehkomfort für die unterschiedlichen Arbeitsaufgaben: Zum richtigen Zeitpunkt das richtige Licht in der entsprechenden Intensität und Farbe. Auf einer emotionalen Ebene soll sich zudem eine positive Wirkung auf die Kommunikation und Kreativität der Mitarbeiter entfalten. Somit stehen nicht nur Produkte für HCL im Büro in einer großen Bandbreite zur Verfügung, sondern es liegen auch erste, durchaus vielversprechende Praxiserfahrungen vor.

Es bleibt zu hoffen, dass nun auch die offenen Fragen zu Normung und Gesetzgebung zügig vorangetrieben werden – und nicht nur die Diskussion über biologisch wirksames Licht, sondern auch seine Anwendung der Bürobeleuchtung Einzug in den Mainstream hält.

Einen Beitrag zum Thema Intelligentes Licht lesen sie hier

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