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Herausforderungen der Büromöbler

Zukunft der Büroarbeit

Wie bereitet sich die Industrie auf den nächsten Automatisierungsschub der Büroarbeit vor? Heute gibt es mehr Fragen als Gewissheiten. Zeit für eine forschende Neubestimmung des Lebens- und Arbeitsorts Büro.

Autor: Thomas Edelmann

Was wird morgen im Büro los sein? Vorbei die Zeiten, da wir uns die Verheißungen des „Büros der Zukunft“ mit visionären Designstudien ausmalten, bei denen bereits um die Jahrtausend- wende Möbel und Maschine verschmelzen sollten. Was dabei herauskam, ähnelte eher einem Gestell für Gamer als einem Ort für strukturierte Arbeit. Für Theorie und Praxis neuer Bürowelten leistete Vitra mit dessen früherem Chef und kulturellem Ideengeber Rolf Fehlbaum Entscheidendes. Zu Beginn der 1990er verhieß sein, wie er es nannte, „Projekt mit ungewissem Ausgang“ namens „Citizen Office“, nicht weniger als eine Lebens- und Arbeitsstätte für Citoyens, die an die Stelle des Kontors samt seiner Sachbearbeiter oder obrigkeitsstaatlichen Befehlsempfänger treten sollte. Andrea Branzi, Michele De Lucchi und Ettore Sottsass entwickelten die zugehörigen gestalterischen Szenarien, die für die Versöhnung von Technik und Eleganz mit einer kritischen Rationalität standen. Es kam anders.
Mit Begriffen wie „Net’n Nest“ – der Vernetzung, die auch den Rückzugsort, das Nest im Großraum ernst nimmt, lud Fehlbaum dazu ein, mit intelligenter Büroplanung herkömmliche Büroformen, sowohl die beengte Zelle wie auch den repetitiven Großraum, zu überwinden. Und heute? Die Zukunft ist längst Gegenwart. Doch sind die Büros von heute tatsächlich jene farbig und gefühlvoll akzentuierten Komfort- und Begegnungsorte, die viele Hersteller anbieten, um neutral und langweilig gestaltete Einzel- und Großraumbüros abzulösen? Noch immer begreifen viele Projektentwickler und Generalplaner die neue Bürowelt in erster Linie als Potenzial zur sparsamen Verdichtung. Nicht selten unterbleibt der Nestbau, die Vielgestaltigkeit, die akustische Beruhigung der nunmehr offenen Flächen aus Kostengründen oder mangelnder Fantasie.
Sparzwang und Verdichtung
Die Büromöbelbranche hat in den letzten Jahren Produkte unter Bedingungen eines verschärften Wettbewerbs geschaffen. Die technische und ergonomische Perfektionierung des Bürostuhls als dynamische Sitzmaschine spielte dabei eine ebenso große Rolle wie der zunehmende Kostendruck. Doch abgesehen von den vielseitigen Angeboten der Industrie, die Eleganz, Einfachheit und Komfort in vielen Spielarten offeriert, mal modular, mal individuell, als Collage arrangiert oder streng nach Rastermaß konstruiert, fehlt dem kommenden Büro eine plausible Zweck- bestimmung. Wofür wird es gebraucht? Worin wird es sich ändern? Was wird Bestand haben? Ist es das Schreibtisch-Hotel für Arbeitsnomaden? Treffpunkt für Durchreisende? Ein Ankerplatz für Welt- veränderer? Werden Techniken, die über die Vergabe freier Tische bestimmen, womöglich bald wichtiger als die Gestalt der Tische selbst? Müssen Büromöbel mindestens so smart sein, wie es die Software ihrer Nutzer heute schon ist? Wo greift lückenlose Überwachung im Büro ins Private ein und wie lässt sich dies wirkungsvoll begrenzen? Fragen über Fragen.
Gewiss ist bislang nur, dass der Büroarbeit ein radikaler Wandel bevorsteht. Bislang änderte sie im Zuge der Tertiarisierung der Arbeitswelt zwar wiederholt ihre Erscheinungsformen, zugleich nahm die Bedeutung von Büroarbeit insgesamt gegenüber anderen Tätigkeiten stetig zu. Doch die kommende Welle der Automatisierung dürfte das mittlere Management ebenso hart treffen wie kaufmännische Angestellte und Buchhalter.
Es fehlt die Zweckbestimmung
2013 untersuchten Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne von der Universität Oxford die Wahrscheinlichkeit der Automatisierung verschiedener Berufsfelder, auch der Büroarbeit. In ihrer Studie „The Future of Employment“ stellten sie dar, wie und in welchen Bereichen Algorithmen und Datenstrukturen menschliche Akteure überflüssig manchen. Bereits heute stehen durch neue disruptive Techniken viele Aufgaben zur Disposition, für die Büromenschen bislang unerlässlich waren. Was mag dies für Einrichtung, Architektur und räumliche Organisation bedeuten? Wie wirkt es sich auf die Büroviertel der Städte, auf die Architektur der Verwaltungsbauten und jeden einzelnen Arbeitsplatz aus? Was mag also aus der weiteren Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeit folgen? Wie mischen sich Office-Hard- und Software künftig neu? Eine Branche, die es gewohnt war, unter Beachtung bestimmter Normen auf einer vorgegebenen Fläche eine veränderliche Zahl von Menschen unterzubringen und dafür vertikalen Stauraum, flache Konferenz- und Schreibtischflächen sowie Sitzgelegenheiten fürs Arbeiten und Warten bereithielt, ist grundlegend herausgefordert.
Gelten auch morgen noch Standards und Normen der Büroarbeit, die für den Acht-Stundentag und für das kontinuierliche Arbeiten im Sitzen konzipiert waren?
Es könnte sein, dass es künftig nicht mehr ausreicht, bestehende Möbel- und Einrichtungstypologien einfach nur fortzuentwickeln. Selbst wenn sich das Büro evolutionär und nicht sprunghaft weiter entwickeln sollte, dürfte die Treffsicherheit kommender Produktinnovationen von großer Bedeutung sein. Bereits in den 1970er-Jahren beschäftigte sich der Mathematiker und Planer Horst Rittel mit besonders verzwickten „bösartigen Problemen“, für die es kein Probehandeln, kein Beta-Denken und schon gar keine Vorbilder aus der Vergangenheit gibt. Um Entscheidungen abwägen zu können, empfahl er in solchen Fällen, möglichst viele Akteure, die von einem Thema auf unterschiedlichste Weise tangiert sind, zusammenzubringen. Womöglich steht die Büromöbelindustrie vor einer Phase grundlegender For- schung. Ob an deren Ende neuartige Formen von Hängematten, gemeinsam genutzte Flächen und digital aufrüstbare Küchentische stehen, wer vermag das heute schon zu sagen? Gefragt ist eine neue und grundlegende Zusammenarbeit von Unternehmern und Designern, nicht nur um bessere Varianten des immer Gleichen zu schaffen, sondern um eine Zukunft zu gestalten, die für möglichst viele lebenswert ist.

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