Sitzkomfort auf höchstem Niveau

Qualität des Einfachen

In München wird Sitzen neu definiert. Ein Besuch im Forschungs- und Entwicklungszentrum von BMW. Daniel Starke, Head of Interior Design der Rolls-Royce Motor Cars Limited, zeigt: Technik und Gestaltung müssen zusammenkommen, um wahren Komfort zu bieten.

Keine Wolke, nirgends. Über der Knorrstraße im Münchner Norden leuchtet grausamstes Himmelblau. Kurz vor Zwei verlassen die ersten Angestellten das Forschungs- und Entwicklungszentrum von BMW, die Ärmel hochgekrempelt, die Krawatte in der Hand. Bei Temperaturen über 35 Grad macht jeder auf Casual Friday. Ganz anders der Sicherheitscheck – sehr genau. Auf die Schleuse folgt ein langer Korridor: graue Wände, Zellenbüros. Hier also wird High-End neu definiert.
Hinter einer unscheinbaren Tür empfängt Daniel Starke, Head of Interior Design der Rolls-Royce Motor Cars Limited. Der Gestalter hat ein Dutzend Skizzen an zwei Stellwände gepinnt – von der ersten Konzeptstudie über das CAD-Modell bis zu realen Ansichten. In der Mitte des Raums thront ein 1:1-Modell des aktuellen Rolls-Royce-Selbstfahrer-Sitzes. Klare Konturen, deutliche Abnäher, massiv, ohne massig zu wirken. Kein Sumo, eher ein Mittelgewichtskämpfer. 20 kg bringt der stählerne Unterbau auf die Waage, insgesamt wiegt der Sitz rund 40 kg.
Aber eigentlich ist das kein Sitz. Auch Sessel wäre viel zu unpräzise für dieses Stück mobilen Designs. Sitzmaschine trifft es auch nicht. Das Interieur von Rolls-Royce besetzt etwas, das mit gängigen Begriffen gar nicht mehr so leicht einzufangen ist: Komfort in Bewegung, tiefenentspanntes Sitzen oder schlicht handwerkliche Präzision. Bei allem, was der bayerisch-britische Konzern auf die Piste schickt, schwingt eines mit: Luxus ist die Kunst, Probleme gar nicht erst auftauchen zu lassen. Das Design folgt dieser Linie. Es ist erfreulich kompakt und reduziert. Keine Rede davon, dass sich hier Gestalter austoben würden, um das “Noch-nicht-Gesehene” zubieten oder einer Idee freien Lauf zu lassen. Raum erhalten nur Gast und Fahrer – und das im Übermaß.
Als Daniel Starke noch das Innenleben des ‘BMWi’ verantwortete, sprach er davon, dass es immer spannend sei, eine rollende Lounge zu realisieren, ein Stück Zuhause, das man mitnehmen könne. Bei Rolls-Royce konnte der in Pforzheim ausgebildete Designer dieses Versprechen weiterspinnen. Der Weg wies in Richtung Reduktion. Vereinfachung gehörte schon bei den Carbonflitzern zu den Leitbegriffen des Innenlebens. “Das ist wahrer Luxus”, sagt Starke. Dazu gehört auch, dass über Technologie, Funktion und Ergonomie kein Wort verloren wird – im Gegensatz zum Rest der Branche.
So kokettierte Rolls-Royce in England lange mit dem Hinweis, es sei genügend Leistung vorhanden, statt die Motorleistung genau zu beziffern. Britisches Understatement, das dreistellige PS-Angaben wie neureiches Geprotze erscheinen lässt, ebenso wie die unsichtbaren, begrünten Dächer der Produktionsanlage in Goodwood, entworfen von Star-Architekt Nicholas Grimshaw, die von der Straße kaum zu entdecken sind. Niemand betont daher das komplexe Innenleben mit seiner Vielzahl an Motoren, die einem so ziemlich alles abnehmen – von der Sitz-Höhen-Verstellung und der -Neigung über den -Lehnen-Winkel und die Sitztiefe zur Kopfstützen-Höhen-Verstellung, den Picknicktisch und Monitor bis zur Crash-Active-Kopfstütze. Es ist einfach so.
Technik ist die Basis, Design die Chance, so wenig davon aufscheinen zu lassen. Und wenn, dann nur massiv und wertig. “Langstreckenkomfort” sagt Starke, sei das entscheidende Feature, gebettet “in ein ergonomisches Korsett”, das ermüdungsfreies Fahren garantieren soll, auch dank technischer Features, die gar nicht laut daherkommen: Heizung, Lüftung, Massage, ausgesuchte, natürliche und massive Materialien, so entsteht der “ultimative Gentlemen’s Grand Tourer”, als den Konzernchef Torsten Müller-Ötvös den Wraith im Frühjahr 2013 vorstellte.Gerade drei Fahrzeugtypen fertigt Rolls-Royce Motor Cars Limited: den Phantom (seit 2003), den Ghost (seit 2009) sowie den Wraith (seit 2013). Angekündigt ist ein High-End-SUV. Wann immer über solche Limousinen berichtet wird, fällt ein Blick vom Fahrzeugdesign selbst auf die technischen Features und die ungeahnten Ausstattungsvarianten.
Gewichtsminimierung
Luxus heißt eben auch, dass im Zuge der Individualisierung Sonderwünschen Tür und Tor geöffnet wird, zumindest im Rahmen dessen, was Fahrsicherheit und die Designrichtlinien erlauben. Große Schwünge prägen das Interieur, eine angenehm unaufgeregte Haltung, die im Fond schon mal das Gefühl vermittelt, vom Leder umschmiegt zu werden. Peinlich achten die Designer darauf, jedes unnötige Teil, jede störende Linie wegzuschmirgeln. Es klingt etwas nach der Devise von Michelangelo,in der Skulptur alles Überflüssige wegzunehmen, um die reine Form zu gewinnen. Ausklappbare Fußbänke hinten vermitteln das Gefühl, sich ausstrecken zu können – wie sonst nur in der Business Class oder der Chaiselongue im heimischen Refugium.
Rund zweieinhalb Jahre haben die Gestalter Zeit, nach dem “Design-Freeze” die Details zu perfektionieren. Es geht um Millimeter – und den “Gesamteindruck”. Die große Freiheit im Design ist denn doch eine relative. Manchmal, gibt Starke zu, seien sie eben doch Stylisten, der technische Unterbau wird nicht angerührt, es komme aber darauf an, dem Ganzen eine Form zu geben. Es sind eben doch Sessel und Sitzlandschaften, die sich mit teils hoher Geschwindigkeit durch den Raum bewegen, die Fliehkräfte abfangen müssen und auch nach Stunden entspanntes Fahren garantieren sollen.
Das Innenleben eines High-End-Sitzes wartet mit möglichst wenig Masse auf. Werkstoffe wie Karbon sind auf dem Vormarsch, die 20 kg schwere Unterkonstruktion selbst stammt von den Ingenieuren. Darüber ziehen Designer Hartschaumpolster, die den Flieh- und Seitenkräften trotzen. Weil das aber viel zu hart wäre, kommt darüber eine 10 mm starke Lage aus Vlies, gerade genug, um dem Körper ein angenehmes Gefühl zu vermitteln. Dann kommt es auf jede Naht, jede Absteppung an, um das Leder so genau wie möglich über den Schaumkern (mit seinen Technik-Implantaten) zu führen. Rund 600 Stunden Handarbeit fließen in einen Rolls-Royce. Sattler achten peinlich genau darauf, dass keine Hohllagen entstehen, kleine Auswölbungen, die den Sitzkomfort beeinträchtigen. Fingerfertigkeit und Handwerkskunst dieser Frauen und Männer sorgen dafür, dass niemand über die Verarbeitung redet, da sie als perfekt vorausgesetzt wird. Und weil selbst hier, in der Luxusklasse, auf die Kosten geschaut wird, sind die Nähte zugleich dafür da, einzelne Lederpartien zu verbinden und so die Größe der Ausgangsmaterialien zu reduzieren. Leichte Perforationen im Leder sorgen dafür, dass der Luftstrom der Kühle und Wärme gut fließen kann. Alles fließt?
Nicht ganz. Rolls-Royce führt vor, wie wichtig Beständigkeit sein kann. Design ist nie modisch, es reflektiert höchstens andeutungsweise das gerade Angesagte. In einer Welt der steten Überbietung ist es manchmal ein Segen, wenn man ein Stück sieht, das eine gewisse Dauer verspricht, wenigstens für eine Autofahrt. Willkommen im oberstenSegment des Sitzenbleibens.
Autor: Oliver Herwig
Fotos: © Rolls-Royce Motor Cars