Autorendesign: ein Auslaufmodel?

Grundsolides Business

Designer als Popstars und extravagante Entwürfe – es lebe das Spektakel! Hinter den Kulissen ist die Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Gestaltern jedoch weniger glamourös, befindet md-Autor Jörg Zimmermann.

Mal Hand auf’s Herz: Wenn während der Kölner Möbelmesse die legendär fleißigen Heinzelmännchen noch mal aktiv würden und über Nacht in den Messehallen einen Ringtausch von beispielsweise Sofas, Tischen und Stühlen zwischen den Ständen vornehmen würden, wie lang bliebe die Tat wohl unentdeckt? Produkte und Hersteller wechseln, die Namen der Designer bleiben vielfach gleich. Stellt man die provokante Frage informell Verantwortlichen der einschlägigen Unternehmen, ist man von den Reaktionen überrascht. Statt einem energischen Verweis auf klare Differenzierung zum Wettbewerb macht eher amüsiertes Schmunzeln die Runde. Sind die Hersteller in der Designfrage absolut tiefenentspannt oder in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit eher in Schockstarre gefallen? Anders gefragt: Wie kommen Designer und Unternehmen zusammen? Unterstützt so genanntes Autorendesign die Etablierung eines wiedererkennbaren Produktportfolios? Oder hilft die charakteristische Handschrift eher den Designern als den Unternehmen? Leicht zu überblicken ist diese Gemengelage teils widersprüchlicher Interessen und Ziele nicht. Unternehmen, Designer, Händler und natürlich die Kunden schauen durchaus unterschiedlich hin. Design tauge besonders gut zur Differenzierung, wenn bekannte Gestalter am Werk seien, lautet eine gängige Hypothese. Wenn viele Hersteller eine kleine Schar bekannter Designer beschäftigen, verwässere das jeweilige Unternehmensportfolio eine andere.
Ja, was denn nun?
Star versus Dienstleister
Fakt ist, die Händler lieben die Stardesigner als Marketingargument, die Hersteller freuen sich über die Begeisterung im Vertrieb und die informierten Endkunden entspannen auf demUrquiola-Sessel gleich doppelt so gut. Im Hinterkopf die Idee, dass das Möbel in Zukunft ähnlich gefragt sein könnte wie ein Eames Lounge Chair aus den 1960ern. Vermutet wird, das Zusammenspiel aus Unternehmensmarke und Designerpersönlichkeit lasse mit einiger Wahrscheinlichkeit auf allen Ebenen die Kasse klingeln. Doch funktioniert das Business wirklich so? Wie war das noch mit dem Design?
Ein Blick zurück: Zu Beginn der industriellen Revolution sind speziell ausgebildete Designer unbekannt. Künstler, Kunsthandwerker, auch Architekten übernehmen in den Fabriken die Gestaltung der neuartigen Massenprodukte. Das zehrt auf der einen Seite am – künstlerischen – Selbstverständnis, auf der anderen Seite wird durchaus die Notwendigkeit für eine industrienahe Gestaltung gesehen.
1914 spitzen sich die Positionen im “Werkbund-Streit” zu. Hermann Muthesius propagiert die rationale Typisierung, Henry van de Velde macht sich für individuelle Gestaltung stark. Erst nach dem 2. Weltkrieg etabliert sich das Bild vom Designer als Dienstleister. Studierte Designer arbeiten angestellt direkt bei der Industrie, später dann auch unabhängig in eigenen Studios. Während besonders in Italien immer wieder um unabhängige Positionen im Design gerungen wird, dauert es in Deutschland bis in der 1980er-Jahre, ehe der Dienstleistungscharakter von Designern lautstark infrage gestellt wird. Gruppen wie Pentagon, Stiletto und Kunstflug und Gestalter wie Achim Heine, Wolfgang Laubersheimer und Heiko Bartels produzieren und verkaufen als Autorendesigner ihre Entwürfe in Eigenregie.Autorendesign oder Design als schlichte Dienstleistung für Unternehmen – bis heute stehen sich die Positionen vehement gegenüber. Im Markt changiert der Erfolg zwischen den Polen.
Kein Platz für Attitüden
Das junge Unternehmen Stattmann Neue Möbel produziert “langlebige, ehrliche Möbel für den europäischen Markt” und kombiniert dabei handwerkliche Produktion mit zeitgemäßem Design. Nicola Stattmann, selbst ausgebildete Industriedesignerin, hat die Designszene sorgfältig beobachtet. “Ausgewählten Designern haben wir eine Kiste mit Materialien und Konstruktionsmuster geschickt. Wir wollten von Beginn an eine intensive Auseinandersetzung mit unseren Ansprüchen und Möglichkeiten.” Die Messlatte für die Designer liegt hoch, auch weil Design klar als Bestandteil der gesamten Wertschöpfungskette gesehen wird. “Wir erwarten von den Designern eine besondere Entwurfsqualität, technisches Know-how, Einfühlungsvermögen und eine glaubwürdige Philosophie.” Für kosmetische Formgebung ist da ebenso wenig Platz wie für Autorendesigner-Attitüde. Ein international bekanntes Duo wollte sich nicht auf den Prozess einlassen, die jungen Designer Steffen Kehrle, Marina Bautier, Florian Hauswirth und Sylvain Willenz schon. Autorendesign also doch ein Auslaufmodel?
Autorendesign sei “ein interessanter Beitrag zum Diskurs”, aber für industriell fertigende Unternehmen keine echte Option, findet Eckart Maise, Leiter Produktentwicklung und Produktmanagement bei Vitra.
Auch wenn Vitra bekannte Designer wie Konstantin Grcic, Ronan Erwan Bouroullec, Jasper Morrison und Hella Jongerius unter Vertrag hat, bei den Designern zähle deren Sicht auf die Dinge mehr als der Name. “Interessant ist besonders die Haltung.” Dazu sei meist eine gehörige Portion Erfahrung notwendig, die in gestalterischen Positionen erkennbar werde. Absolventen und Talente sind damit außen vor.
“Wir setzen bei Vitra auf langfristige Kooperationen und möchten mit den Designern konzeptionell arbeiten”, sagt Eckart Maise. Auf eine besondere Designsprache des Unternehmens müssen die Designer keine Rücksicht nehmen. Zu Beginn eines Projektes steht kein detailliertes Briefing, lediglich einige grundsätzliche Rahmenbedingungen wie technische Normen und Materialstandards gilt es zu beachten. Das setzt Reife in den Prozessen und ein tiefes Verständnis für den Markt voraus. Umstände, die manche Unternehmen offenbar ausblenden, wenn sie Designern ob ihrer Bekanntheit unbedacht eine Carte blanche geben. Für Gestalter bisweilen die Einladung zur Selbstkopie oder sie überfordern den Volumenhersteller mit Editionsentwürfen.
Handschrift tut not
Aber die Designer wollen doch ihre gestalterischen Ideen verwirklicht sehen? “Für Designer ist es sicher gut, mit einer Art Handschrift erkennbar zu sein”, bekräftigt Produktdesigner Christian Werner die individuelle Designposition. Die Gestaltungsleistung müsse sich aber vor allem an der Aufgabe orientieren. Ein Polstermöbel beispielsweise habe in erste Linie zurückhaltend seine Funktion zu erfüllen. Zu solch “unauffälligen Lebenspartnern” könne man dann gerne ein extravagantes Highlight kombinieren. Christian Werner: “Autorendesign kann schon auch einen Unterhaltungswert mitbringen.”
Außer der Gestaltungsaufgabe müsse der Designer das Unternehmen verstehen und bestenfalls den Markt kennen. “Anders als ein Künstler oder ein Autorendesigner brauche ich bei meinerArbeit das Gegenüber, die Auseinandersetzung und Kooperation mit dem Unternehmen, sonst wird es zufällig.” Und kaum wirtschaftlich erfolgreich.
Bei allem Gestaltungswillen: Design ist hartes Business. Die Designer haben gelernt, dass der Markt für individuelle Positionen sehr begrenzt ist. Nur marktgängige Produkte in höheren Stückzahlen sichern den auskömmlichen Fluss an Royalties. Zur gestalterischen Vielfalt tragen solche Erkenntnisse nicht bei. Bei allem Hype und Glamour ist Design im Grunde eine solide Dienstleistung geblieben. Und geht dank der Persönlichkeit der Gestalter doch immer wieder darüber hinaus.
Autor: Jörg Zimmermann