Trends im Sonnenschutz

Gebäudehülle

Ob innen- oder außenliegend: Sonnenschutz hat beim Planen und Bauen Hochkonjunktur! Die Schnittstellen verschieben sich Richtung Fassadenintegration und vernetzte Systeme. Eine Herausforderung für Architekten und Innenarchitekten.

Autorin Melanie Seifert

Ging es früher vor allem darum, den Menschen vor der Sonne zu schützen, so werden heute bauphysikalische Mehrwerte und nutzerfreundliche Lösungen gesucht, die Heizen, Kühlen, Durchblicke und Ästhetik miteinander vereinen. Und das am besten berührungslos oder zumindest per App.
Im Lexikon der bedrohten Wörter (www.bedrohte-woerter.de) finden sich Begriffe wie „Bandsalat“ oder „Wählscheibe“, an die sich der ein oder andere möglicherweise noch erinnert. Nicht erwähnt sind „Fassade“ oder „Sonnenschutz“. Zurecht? Heute mögen diese Begriffe noch tragen, aber bei genauerer Betrachtung wird klar, dass bald ein neues Vokabular nötig sein wird, um zu benennen, um was es wirklich geht.
Bauteil wird Fassadenelement
Nehmen wir zum Beispiel die Fassade: Sie wird von Architekten inzwischen eher als Gebäudehülle oder Envelope bezeichnet. Fälschlicherweise reduziert der Begriff „Fassade“ das, worum es eigentlich geht, auf eine Wand mit Öffnungen, ein bisschen Glas und Wärmedämmung. Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten, um voraussagen zu können: Der Sonnenschutz als Einzelelement hat bald ausgedient. Vielmehr wird er selbst zum Teil der Gebäudehülle – und das vernetzt, vollautomatisiert und aus Hightec-Materialien wie organischen Leuchtdioden (englisch: organic light emitting diode, OLED), mit selbstreinigenden Eigenschaften und anderem mehr. Da sind die Hersteller von außenliegendem Sonnenschutz schon deutlich weiter als die der innenliegenden Systeme.
Als Teil der Gebäudehülle werden Sonnenschutzelemente ganzheitlich gedacht. Sie funktionieren nur im Kontext. Dabei gilt es, zwischen innen- und außenliegendem Sonnenschutz und dem dazwischen zu differenzieren. Der außenliegende Sonnenschutz hat im Vergleich zum innenliegenden höhere Anforderungen an Energieeffizienz und Witterungseinflüsse, gleichzeitig steht bei der Sanierung bestandsgeschützter Objekte oftmals nur der innenliegende Schutz zur Wahl.
Wie so oft, ist auch hier eine Lösung zwischen zwei Extremen gefordert. Beim Sonnenschutz gelang der Josef Gartner GmbH ein großer Schritt nach vorne mit den sogenannten „Closed Cavity Facades“ (CCF). Sie gelten als hocheffizienter Sonnenschutz, mit dem wichtige bauphysikalische Werte verbessert und der Reinigungsaufwand reduziert werden kann: Zwischen die Mehrfachisoliergläser, also im geschlossenen Fassadenzwischenraum, ist ein Raffstore mit perforierten Lamellen zur Beschattung integriert. Diesem wird konstant trockene, saubere Luft zugeführt, um Kondensat an der Fassade zu vermeiden. Auch bei weit geöffneter Sonnenschutzlamelle wird eine hohe Reflexion des direkten Sonnenlichts erreicht. Für die Tageslichtnutzung und Durchsicht kann ein weiterer Öffnungswinkel über eine lange Tageszeit beibehalten werden. Diese Funktionen entsprechen übrigens auch dem Trend zum Cocooning, der so manchem Hersteller als Impuls für die Produktentwicklung gilt.
Trendbarometer Heimtextil?
Derartige Pionierarbeit im energieeffizienten Bauen wird weitergedacht und -entwickelt mit Smart-Homelösungen. Während viele Hersteller bereits Lösungen mit Antrieben anbieten, die über Bus-Systeme vernetzt sind, sollen smart-home-fähige Sonnenschutzlösungen auch dafür sorgen, dass Wärmeerträge im Winter die optimale Sonneneinstrahlung lenken und sie umgekehrt im Sommer das Innere so kühl wie möglich halten. Dass diese Elemente per App bedient werden können, ist beim energieeffizienten Planen und Bauen mittlerweile Standard und wird sich noch deutlich stärker entwickeln.
Was also wird aus den Jalousien, Raffstores, Plissées und all den zahlreichen Angeboten, die es auf der kommenden Heimtextil vom 10. bis 13. Januar 2017 in Frankfurt am Main zu sehen gibt? Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass der Bereich Sonnenschutz auf der internationalen Fachmesse für Wohn- und Objekttextilien als Zugpferd gilt. Weit über 100 Aussteller zeigen vorwiegend in den Hallen 6, 5 und 3 Jalousien, Lamellen-Vorhänge, Rollos, Plissées, Insektenschutzsysteme sowie innenliegende Antriebs- und Steuerungssysteme. Ergänzend gibt es Vorträge und den zentral gelegenen Theme Park unter dem Motto „Explorations“. Dort sind vor allem Themen rund um Farbe und Textileigenschaften zu erwarten, weniger Lösungen zu ganzheitlichen Fassadensystemen.
Ein Hersteller sei an dieser Stelle hervorgehoben. MHZ Hachtel aus Leinfelden-Echterdingen orientiert seine Produktentwicklung bereits an den eingangs dargestellten Trends. Sein unauffällig in der Glasleiste zu montierendes Rollo ‘Skiro_Aqu’ ist Smart- Home-tauglich und lässt sich per Funk bedienen, die Bedienstation funktioniert als Magnet-Wandhalterung. Der akkubetriebene Rollo stellt die erste Plug and Play-Lösung in diesem Segment dar.
Unter den gut über 100 Ausstellern zum Thema innenliegender Sonnenschutz auf der Heimtextil befinden sich zwar handverlesene Hersteller, die übergeordnete Themen wie Smart Home oder Energieeffizienz in den Fokus stellen. Da ist jedoch deutlich Luft nach oben. ←