Outdoor: Vom Funktions- zum Lifestylemöbel

Einrichtung des Wohngartens

Die Entwicklung der Outdoormöbel führt vom provisorischen Rastmöbel über das experimentelle Designobjekt zur vollständigen Ausstattung der Parallelwohnung im Freien.

Vorbei die Zeiten, da Sonnenliege und Gartenstuhl mit rastenden Scharnieren klappbar waren und per Kleinwagen zum Ausflug an den Waldsee oder in die Ferien mitgenommen wurden. AufTerrassen und in Gartenlokalen standen lackierte Drahtstühle, bezogen mit farbigen Kunststoffschnüren. Möbel für draußen sollten leicht, beweglich und transportabel sein. Oft gab ihnen das eine provisorisch wirkende Gestalt. Viele dieser Sitzgelegenheiten dienten der kurzen Rast. Sie waren als ästhetischer Kompromiss akzeptabel, da sie dem ausgedehnten Aufenthalt in Licht, Luft und Sonne dienten. Sie entsprachen dem modernen Lebensideal, das die Gesundung des Städters durch Architektur und Design herbeiführen wollte. Materialien wie Aluminium und Kunststoffe kamen bei Gartenmöbeln zum Einsatz, lange bevor sie wohnzimmertauglich wurden. Bereits zur Schweizer Landesausstellung 1939 schuf HansCoray seinen Aluminiumstuhl mit durchgehendem Blech für Sitz undRückenlehne, das zwecks Gewichtsreduktion und Stabilitätsgewinn mitgestanzten Löchern versehen ist. Auf dem Londoner ‘Festival of Britain’ 1951 stand der Drahtstuhl ‘Antelope’ vonErnest Race auf kugeligen Füßen und hinterließ Abdrücke im weichen Boden.
Innen und aussen sind eins
Stuttgartern ist der ‘Bofinger-Stuhl’ geläufig, der am Kleinen Schlossplatz frei aufgestellt war, bevor er sich zunehmend in private Gärten verdünnisierte. Lateinamerikanische Gelassenheit kam mit dem ‘Hardoy’-Chair nach Europa. Er bot neue Positionen des Sitzens und Fläzens. Zierliches Gestell und übergestreifter Bezug aus Leder oder Stoff waren nicht für die Ewigkeit gemacht: Ein frühes Wegwerfmöbel. Als Gegenmodell zu den halböffentlichen Outdoor-Stühlen der Sixties kann der aufblasbare Sessel ‘Blow’ gelten, der eher auf den Strand oder gar den privaten Pool abzielte. Entworfen wurde er 1967 von den Architekten Jonathan De Pas, Donato D’Urbino, Paolo Lomazzi und Carla Scolari. Mit aufblasbaren Strukturen rockten die Vier zu dieser Zeit Ausstellungen wie die Mailänder Triennale. Dort schufen sie neuartige Räume, die nicht mehr eindeutig in Innen und Außen zu unterscheiden waren.
Verfall und Revival
Nach dem vorläufigen Ende der Kunststoffeuphorie mit der Ölkrise Anfang der 1970er-Jahre folgten Systeme und Massenprodukte aus Kunststoff. Der namenlose Spritzguss-Monbloc-Stuhl dieser Zeit markierte gleichermaßen Erfolg und Verfall der Sitzkultur im Freien. Zwar ist er funktionaler, mitunter auch bequemer als manche Vorgänger. Er kommt ohne Glasfaserverstärkung aus und ist auch auf Regengüsse vorbereitet. Ästhetisch aber blieb er ein Desaster, bis Nutzer begannen, ihn zu verändern und Nachwuchsdesigner ihn umgestalteten. Sein evolutionäres Erfolgsrezept: Er ist leicht, stapelbar, robust und verbreitete sich daher rasend schnell um die ganze Welt, wobei sich regionale Eigenheiten etablierten, was Neigung, Färbung und Form angeht. Und heute? Längst sind wir angekommen im Klimawandel. Der Garten ist, betrachtet man die Kataloge der Einrichter, längst zu einer Parallelwelt im Freien mutiert. Die Devise vom “Wohnzimmer im Garten”, die Dedon vor Jahren ausgab, trifft. Raumgreifende Teppiche, Liegelandschaften mit üppigen Polstern, Heizstrahler, OutdoorKüchen, zumindest aber der obligate Grill ermöglichen eine immer vollständiger werdende Ausstattung des grünen Lebensumfelds. Wetterbeständige Outdoor-Stoffe und -Leder, veränderte Kunststoffrezepturen, und Pulverbeschichtungen ermöglichen zumindest zeitweisen Einsatz im Freien. Kollektionen und Produktfamilien sind geprägt durch Modul- und Systemreihen. Nicht der öffentlich Rastende ist mehr gemeint, sondern der privat Entspannende, der allein oder mit Freunden feiert. Während die Zahl der Premium-Hersteller zu wachsen scheint, gleicht sich das Angebot zunehmend an.
Spannend bleiben die Grenzgänger: So wurde der drehbare Sessel der “Aluminium Group” von Charles und Ray Eames einst mit entsprechender Kunststoffbespannung als “indoor-outdoor chair” konzipiert, bevor er zum repräsentativen Büromöbel avancierte. ‘Chair One’, von Konstantin Grcic, war eher für öffentliche Bereiche gedacht, in manchen Varianten auch für den Außeneinsatz, findet sich aber oft meist in Wohnung und Büro.
Neue Materialien
Materialinnovationen aus dem Kletter- oder Segelsport werden zu komplexen, formprägenden Bespannungen von Outdoor-Möbeln, die mit dem guten Spaghetti-Stuhl von einst wenig Gemeinsamkeiten haben. Die menschengemachte Stadtnatur spielt im Werk von Erwan und Ronan Bouroullec eine besondere Rolle. Ihr Kunststoffstuhl ‘Vegetal’ ist eine Auseinandersetzung mit der gärtnerischen Idee, Pflanzen so zu beschneiden, dass sie am Ende die Form eines Möbels annehmen. Ihre Kollektion ‘Belleville’ lässt sich mit Kunststoff- oder Holzsitz so ausstatten, dass der Stuhl hauptsächlich drinnen, draußen oder in Übergangsbereichen genutzt wird.
Elegante traditionelle Sesselformenzitiert der gleichfalls neue ‘Stampa’ von Kettal. Seine feine Lochstruktur scheint sich fast in ein textiles Objekt aufzulösen. Wohl dem, der aus dem üppigen Angebot auszuwählen weiß, was er als Möbel seines Gartenzimmers um sich haben mag.
Autor: Thomas Edelmann