Berliner Heimat für ein Londoner Paar von SEHW -md-mag.com
Home » Projekte » Wohnbauten » Urbane Heimat

Umbau einer Altbauwohnung in Berlin

Urbane Heimat

Aus seinem Haus in London zog ein Paar in eine Berliner Altbauwohnung. Als Erinnerungsstücke nahm es den Kamin, viele Bücher und skurrile Kunstwerke mit. So entstand für die Neuankömmlinge ein Ort zum Zurückziehen und Repräsentieren.

Autor: Christoph Gunßer

London mit seinen Reihenhäusern und Berlin mit seinen Mietskasernen trennen gebäudetypologisch Welten: Dass es sich auch in der deutschen Hauptstadt in den eigenen vier Wänden angemessen leben lässt, beweist ein Londoner Bauherrenpaar. Es hat eine Wohnung im vierten Obergeschoss eines Mietshauses aus dem späten 19. Jahrhundert gefunden und um den Dachboden erweitert. Das Paar lebt auf insgesamt 144 m² Wohnfläche und 205 m² Bruttogeschossfläche.

Eine Art „Haus im Haus“ sei beim Umbau das Ziel gewesen, berichtet Xaver Egger, Geschäftsführer von SEHW Architektur, die für den Umbau verantwortlich zeichneten. Eine schönere Aussicht als im Reihenhaus bietet die neue Bleibe allemal.

Die Wohnung schmucklos, der Dachboden ein Rohling, der Grundriss zeittypisch lang und schmal, samt gefangenem Zimmer in der Ecke am Hof – das war der Startpunkt.

Durch Herausnehmen einer Wand und weitere Durchbrüche gelang es mit einigem Aufwand – das Material musste sämtlich durchs Treppenhaus transportiert werden –, ein offeneres, helleres Raumgefüge zu schaffen.

Eine breite Schiebetür trennt nun die vorderen Wohnräume. Sie sorgt für Flexibilität, indem sich das Wohnzimmer entweder quer zum Arbeitsplatz oder längs zum Essplatz und Kamin orientiert. Dieser wurde aus London mitgebracht und dient als Blickfang im Eingangsbereich.

Küche und Essplatz bilden eine gemeinsame Raumzone. Dahinter folgen eher schlauchartig kleinere Nebenräume und eine versteckte, enge Treppe hinauf zum ehemaligen Dachboden, in dem ein Schlafraum samt Bad entstanden ist.

Reduzierter Rahmen für Kunst

Während auf dem Dachboden das Gebälk belassen und weiß getüncht wurde, ist das Finish der Hauptwohnräume völlig neu: Ein raumhohes
weißes Bücherregal, das sich rund dreißig Meter durch die gesamte Wohnung zieht, dominiert die Wahrnehmung. Im Kontrast dazu stehen einzelne, in Beton Ciré gespachtelte Flächen, für die der Handwerker extra geschult wurde. Diese wolkig-grauen Flächen finden sich um den Kamin, auf dem Küchenblock und in den Bädern, dort in versiegelter Version.

Ansonsten setzen die vielen Bücher und die Kunstsammlung Akzente – die Bauherrin ist Kunsthistorikerin. Der Blick durch das vom Bücherregal eingefasste Küchenfenster auf die Balkone benachbarter Plattenbauten hat selbst fast Kunstcharakter: „Das sieht aus wie eine Fotografie von Thomas Struth“, meint der Architekt.

Solch kunstsinnigen Bauherren überließ Xaver Egger bei der Ausgestaltung gern das Feld: Über die Leuchten – schlichte, abgehängte Milchglaskugeln in den Wohnräumen, komplexere Stabwerkleuchten in Küche und Bädern, ansonsten indirekte Lichtbänder – war man sich schnell einig. Die klassisch-modernen Möbel fügen sich gut ins Gesamtbild. Der prominent platzierte ausgestopfte Wildschweinkopf erscheint wie der historische Kamin als biografische Reminiszenz, die die Wohnung zur eigenen Bleibe macht. Heimatgefühle hängen oft an bizarren Dingen.

Zusatzfläche auf Dachboden

Honiggelbes, im Fischgrätmuster verlegtes Eichenparkett zieht sich als warme Basis durch die gesamte Wohnung. Da der Bauherr als Fondsmanager für regenerative Energien arbeitet, heizt eine neuartige Brennstoffzelle die Wohnung. Wie eine normale Therme, lediglich zusätzlich akustisch abgekapselt, speist sie aus einem Nebenraum die Fußbodenheizung. Um die nicht eben üppige Raumhöhe so wenig wie möglich einzuschränken, wurde sie in einem Trockenestrich verlegt.

Obwohl der Ausbau zuvor ungenutzter Dachböden als Mobilisierung von Flächenreserven politisch erwünscht ist, wäre er im konkreten Fall beinahe an baurechtlichen Vorgaben gescheitert. Um eine zunächst geforderte Fluchttreppe kam man nur herum, weil es sich im Dachraum lediglich um ein Zimmer handelt, nicht um eine komplette Wohnetage.

Die Dachlage bietet allerdings auch Vorteile: Da der offene Kamin an eine Stelle gesetzt wurde, an der kein Schornstein existierte, musste ein neuer Kaminzug gemauert und auf dem Dachboden zum Bestand weitergeführt werden. Abgesehen von neuen Dachflächenfenstern konnte somit die Silhouette des Hauses bestehen bleiben.

Wohnen im Wandel

Für SEHW Architektur bot dieser individuelle Umbau eine willkommene Ausnahme. „Wir planen relativ viel für Leute, die ihre Bauten nicht selbst nutzen“, sagt Xaver Egger, „aktuell zum Beispiel eine Wohnanlage mit 700 Einheiten. Da ist es spannend, wenn jemand sich wie in diesem Fall einen Traum verwirklicht und wir dafür maßgeschneidert entwerfen können.“


SEHW Architektur

Xaver Egger (rechts) war 1996 einer der Gründer von SEHW Architektur in Berlin. Er führt zusammen mit Hendrik Rieger (links) das Architekturbüro. Dessen Schwerpunkt liegt auf Gebäuden öffentlicher Nutzung, Wohnungen sowie auf Büros, Hotels und Retail. Foto: Sabine Winnemuth


Factsheet

Projekt: Wohnung mit Aussicht

Standort: Berlin

Bauherr: privater Bauherr

Fertigstellung: 02/2018

Bauaufgabe: Dachgeschossausbau

Bruttogeschossfläche: 205 m²

Wohnfläche: 144 m²

Materialien (Decke, Wand, Boden): Beton Ciré um den Kamin, auf dem Küchenblock und versiegelt an der Wand im Bad; Boden: Vollholzparkett

Möblierung: Designklassiker; Schiebewand, und Küche vom Tischler; Leuchten: aus der ‚Tribeca Series‘ von Menu, u.a. ‚Franklin Chandelier Brass‘

Zum Interview mit Xaver Egger und Hendrik Rieger von SEHW Architektur

Auf die Website von SEHW Architektur

Weitere md-Projekte

Anzeige

Top-Thema

Anzeige

Neueste Beiträge

Titelbild md 3
Ausgabe
3.2019 kaufen

EINZELHEFT

ABO

Anzeige

Architektur Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de