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Was macht Heimat aus?

Heimat – ist überall

Es war fast schon verdächtig still um sie geworden, nun steht sie wieder ganz oben auf der Agenda. Wo aber lässt sich Heimat in Zeiten der Globalisierung finden?

Autor Thomas Wagner

Lange war es still um sie geworden. Zu verdächtig klang das Wort in den Ohren vieler Propheten einer auf Flexibilität programmierten urbanen Zukunft nach Rückwärtsgewandtheit, Heimatverein und Vertriebenenverband.

Doch je drängender die sozialen Probleme hervortreten, desto mehr wird wieder über Heimat geredet.

Ist Heimat ein Passepartout, in das sich vielerlei hineinpacken lässt? Vielleicht sogar ein nostalgisches Codewort, das Globalisierungsgegner jeglicher Couleur hervorkramen, um gegen Wohnungsnot, steigende Mieten und sozialen Abstieg zu protestieren? Werden, um sich über ihren realen Verlust hinwegzutrösten, eskapistische Gefühle, anrührende Erinnerungen und vage Hoffnungen wiederbelebt?

Wobei fundamentale Fragen mitschwingen: Was macht uns aus? Welche Orte und welche Erfahrungen prägen uns? Wer oder was ist das genau, unser sogenanntes Ich, unsere Identität? Oder, anders gefragt: Was macht Heimat heute aus? Wird sie einem qua Geburt geschenkt? Oder kann jeder oder jede ein Land, einen Ort, einen Raum zu seiner oder ihrer Heimat machen?

Heimat
Flüchtlinge brauchen ein neues Zuhause, schnell und unkompliziert. Das Wohnheim von Jochen Weissenrieder wurde 2016 in Freiburg in modularer Holzbauweise fertiggestellt.
Foto: © Yohan Zerdoun

Was macht Heimat heute aus?

Derartige Fragen zu stellen, liegt im Trend. Wie man sie beantwortet, entscheidet mit darüber, wie man sich in der Gegenwart einrichtet. „Als Menschen“, notiert der Soziologe Hartmut Rosa, „fühlen wir uns auf wechselnde Weise mit der Welt, in der wir leben, verbunden; wir sind gewissermaßen auf unterschiedliche Art in sie hineingestellt.“

Rosa führt weiter aus: „Manchmal haben wir das Gefühl, die Dinge und Menschen, die uns umgeben, seien uns vertraut, sie antworten in bejahender Weise auf unsere Empfindungen und Bedürfnisse und wir sind mit ihnen – den Dingen wie den Menschen – auf vielfältige Weise verknüpft: durch geteilte Erfahrungen und Geschichten und durch die Rollen, die wir in ihrem und sie in unserem Leben gespielt haben oder noch spielen. Dadurch ergibt sich ein Gefühl der wechselseitigen Anteilnahme: Die Menschen und Dinge, der Raum um uns herum sind uns nicht gleichgültig, wir fühlen uns für sie mitverantwortlich und ihre Bewegungen und Veränderungen sind bedeutsam für unser eigenes Leben.“

Ein bewegliches Gut?

Sich in einer anteilnehmenden Weltbeziehung zuhause und ganz bei sich zu fühlen, das wünschen sich viele. Zugleich wird öffentlich diagnostiziert, Subjekt und Welt stünden beziehungslos nebeneinander, seien ein- ander fremd und gleichgültig geworden. War Heimat einst ein festes Gut, weil der vormoderne Mensch einen mit der Geburt definierten festen Platz in der kosmischen Ordnung des Daseins einnahm, so hat sich das fundamental verändert.

Seit wir durch die modernen Kommunikationstechnologien und die Möglichkeiten schnellen Reisens zu nomadischen Existenzen mutiert sind, brechen wir auf, um eine von uns selbst geschaffene und von uns gewählte „neue Heimat“ zu suchen. Heimat ist zu einem beweglichen Gut geworden, das wir – um uns selbst zu verorten – im globalen Raum wiederfinden.

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Die Frankfurter haben ein Faible für ihre Skyline. Der Henninger Turm, von Meixner Schlüter Wendt 2018 fertiggestellt, markiert das Tor zum Europaviertel. Er verneigt sich vor seinem Vorläufer und dessen legendärem Drehrestaurant, das die Stadtbewohner in ihr Herz geschlossen hatten. Foto: © Christoph Kraneburg

Bewegt man sich von Kontinent zu Kontinent, trifft man mehr oder weniger auf die immer gleichen Dinge, Menschen und Räume: Hotels, Flughäfen, Banken, Showrooms globaler Marken und Filialen von Restaurant- und Fastfood-Ketten sehen überall gleich aus, bieten die gleichen Waren und Gerichte an.

Selbst die Musik, die in den Lobbys und Fahrstühlen auf den Gast herabrieselt, unterscheidet sich kaum. Fast überall kann man sich in die weltumspannenden Kommunikationsnetze einklinken, wobei der Partner zuhause, mit dem man in Verbindung tritt, einem näher scheint als der flüchtige Bekannte im Restaurant unterwegs.

Was bewirkt, dass Nähe und Ferne heute keine räumlichen Begriffe mehr sind, die Erfahrung von Heimat weniger an einen geografischen Raum als an ein bestimmtes, global reproduzierbares Ambiente gebunden ist.

Sich heimisch fühlen

Die Art und Weise, wie wir in die Welt gestellt sind, hat sich fundamental verändert – und mit ihr unsere Beziehung zum Raum, zu den Dingen, zu den Menschen und zu uns selbst. Was in Opposition dagegen in emphatischem Sinn Heimat genannt wird, verdankt sich somit einer durch die Beschleunigung der Lebensverhältnisse erzeugten Entfremdungsangst. „Sofern Heimat“, stellt Rosa fest, „die fraglose Gegebenheit unserer Weltbeziehung meint, ist sie für den modernen Menschen unerreichbar, und doch kann sie auch nur für ihn einen Sinn und einen Wert haben. Heimat ist daher eine überaus paradoxe Idee.“

Eine Heimat zu haben, versteht sich nicht mehr von selbst. Sie ist ein Konstrukt, das uns hilft, uns und unser Weltverhältnis zu stabilisieren. Dass es um dieses nicht immer gut bestellt ist, liegt auf der Hand. Die Stichworte sind bekannt: Leistungsdruck, soziale Isolation, Wohnungsmangel, hohe Mieten, Ausbluten der Innenstädte.

Je offensichtlicher eine neoliberale Wirtschaftsordnung dafür sorgt, dass funktionale Bauten und kommerzialisierte Orte über die kulturelle Identität historisch gewachsener Struk- turen triumphieren, desto deutlicher kehrt der Wunsch zurück, sich heimisch fühlen und wissen zu wollen, wo man hingehört. Der Dom im Zentrum oder Gebäude wie der Neue Henninger Turm in Frankfurt-Sachsenhausen wirken dabei der Uniformität entgegen.

Suche nach Gemeinschaft

Trifft die These aber zu, dass Heimat in der Spätmoderne zu einem beweglichen Gut geworden ist, so hat das Konsequenzen für die Debatte um Städtebau und Architektur. Sind all die neuen, oft gesichtslosen Wohnviertel mit ihrer immer gleichen Investorenarchitektur dann nichts als ein Ausdruck unserer veränderten Zeit- und Raumbezüge? Ist das Beharren auf einem Bauen, das auf die Förderung heimatlicher Gefühle (im Sinne inniger Beziehungen zu Menschen, Dingen und Orten) setzt, nur ein letztes nostalgisches Aufbäumen gegen deren Auflösung – und das im Namen des inzwischen digital weiter beschleunigten Fortschritts?

So provokant das auch klingen mag, Beispiele wie die „Neue Altstadt“ in Frankfurt am Main zeigen, dass eine Rückkehr ins Vormoderne nur als gebautes touristisches Idyll gelingt.

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Die Frankfurter Altstadt ist neu gebaut, versucht jedoch mit Rekonstruktionen und Gestaltungsvorgaben Heimatgefühle zu wecken – etwa in diesem Innenhof Hinter dem Lämmchen. Foto: Holger Ullmann, © #visitfrankfurt

Rekonstruierte Architektur

Dabei erweist sich die rekonstruierte Architektur doch nur als eine Benutzeroberfläche, die funktionalen Zwecken wie Stadtmarketing und Standortpflege dient. Dass Architekten und Innenarchitekten sich bemühen, die Atmosphäre im urbanen Raum und den privaten vier Wänden zu verbessern, auf heutige Bedürfnisse zugeschnittene Grundrisse zu entwickeln und eine soziale Durch- mischung von Stadtvierteln zu fördern, ist gleichwohl zu begrüßen. Selbst wenn alle diese Maßnahmen am Ende kaum mehr sein können als das Pflaster auf eine Wunde, die sich nicht heilen lässt. Die erkalteten sozialen Beziehungen intensiver umzugestalten versuchen Modelle, die auf eine neue Gemeinschaft abzielen, Besitzen, Wohnen und Zusammenleben fördern wollen, wie sie die Ausstellung „Together! Die neue Architektur der Gemeinschaft“ im vergangenen Jahr präsentiert hat.

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Partizipative Bau- und Wohnkonzepte fördern die Zusammengehörigkeit. Kraftwerk 1, Zürich, Siedlung Heizenholz von Adrian Streich Architekten, 2012.
Foto: © Katrin Simonett

Wie müssen Städte aussehen, in denen Menschen nicht nur ankommen, sondern auch bleiben möchten? Die Fragen, die der deutsche Beitrag zur Architekturbiennale 2016 gestellt hat, bleiben virulent, keineswegs nur, was Migranten angeht. Kommen wir alle doch nicht an der Erkenntnis vorbei, dass Heimatlosigkeit zu unserem Schicksal geworden ist.

Einiges lässt sich reparieren, eine fundamentale Lösung aber ist nicht in Sicht. Weder die Beweglichen noch die Immobilien können sich heute in dauerhaften, verlässlichen und auf sie antwortenden Beziehungen ausruhen. Das Wunschbild von einer besseren Welt tangiert das nicht. Glauben wir dem Philosophen Ernst Bloch, entsteht – haben wir die Entfremdung doch irgendwann hinter uns gelassen – „in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Urbanes Heimatgefühl

https://www.md-mag.com/interior-architecture/projects/apartments/sehw-architekten/


What is home? Who needs it, who creates it?

Home is everywhere

The subject had gone noticeably quiet, but now it’s at the very top of the agenda again. However, where in the era of globalization may we find the home?

Author: Thomas Wagner

Home – “Heimat” in German: for quite some time we didn’t hear much about it. In the ears of many of those prophets of an urban future programmed for flexibility this term sounded like retrogression, local
history societies and local heritage associations.

However, the more pressing social problems emerge, the more “Heimat” becomes a topic of conversation. Is it a kind of passe-partout that may be filled with all sorts of things? Or is it even a nostalgic code word, dug up by anti-globalization activists of all types while protesting against housing shortage, increasing rents and social decline? Will we see a resurrection of escapist feelings, touching emotions and vague hopes to ease the real and painful loss of home?

Considering these problems, fundamental questions arise: What makes us human? By which places and experiences are we defined? Who or what is our so-called self, our identity exactly? In other words: what is the essence of home today? Is it a gift we are given with our birth? Or can all of us make a country, a place, a space our home?

Questions like these are the current trend. The way you answer them will decide how you install yourself in the presence. Sociologist Hartmut Rosa notes that “as human beings, we feel connected to the world in which we live in a changing way; we are, so to speak, placed in it in different ways”.

He adds: “Sometimes we feel as if the things and the people that surround us are familiar; they reply to our emotions and requirements in the affirmative, and we are connected with them, i.e. both to things and people, in a manifold way: by shared experiences and narratives and by the parts we played in their lives and the part they played in ours, or still do so today. Thus, a feeling of mutual compassion is created. We are not indifferent to the people, the things and the space around us. We share a responsibility for them, and their movements and changes are important for our own life.”

A mobile property?

Many of us would like to be at home in a compassionate relation to the world and fully aware of themselves. At the same time current diagnoses allege that subject and world exist unrelated, side by side, and have become alien and insignificant to each other. Assuming that in former times home was a fixed property because pre-modern man had a defined fixed place in the cosmic order of existence, determined at birth, this concept has changed fundamentally by now.

With the advent of modern communications technology and being able to travel quickly from A to B, we have morphed into a nomadic existence and we consequently set off in search of a “new home”, created and chosen by ourselves. Home has become a movable property that we recover within global space with the aim of localizing ourselves.

Moving from one continent to another, you will always meet the same things, people and spaces – more or less: hotels, airports, banks, showrooms of global brands and outlets of restaurants and fast-food chains. They look the same everywhere and offer the same goods and dishes.

Even the constant background music guests are exposed to in lobbies hardly differs. Almost at any point of the world you can hook up to the worldwide communication networks, and in doing so the partner you are connected with at home seems to be nearer to you than the speaking acquaintance you meet in a restaurant far away.

This means that home and away are no longer spatial concepts, also that “home” has ceased to be connected to a geographical area and is now rather linked to a distinct and globally reproducible ambience. The manner in which we are placed into the world has changed fundamentally, and at the same time our relation to space, to things, to people and to ourselves. What in contrast is described as “home” in an emphatic sense is the result of a fear of alienation, generated by an acceleration of one’s living conditions. Rosa states that “if home means the unquestionable condition of our relation to the world it is out of reach for modern human beings, and yet it can have some meaning and value only for them, too. Which means that “home” is an extremely paradox idea”.

Feeling at home

It is no longer a matter of course to have a home. It is a construct that helps us stabilize ourselves and our relation to the world. And it goes without saying that this relation is not always the best. We all know the keywords: performance pressure, social isolation, housing shortage, high rents, deserted city centers.

The more obvious a neo-liberal economic order sees to its functional buildings and commercialized locations prevail over the cultural identity of historically grown structures, the more noticeable the longing for feeling oneself at home will return and the wish to know where you belong. A cathedral in the midst of buildings or constructions like the Neuer Henninger Turm in Frankfurt-Sachsenhausen help to counteract uniformity.

But if the assumption is correct that in late modernity one’s home has become a mobile property, there will be consequences as far as discussions about urban development and architecture are concerned. The question arises whether all the new and frequently bland residential areas with their more or less identically looking investors’ architecture are nothing else than an expression of our changed time and space references and our insistence on a kind of building that banks on the promotion of homely feelings (in the meaning of close relations to people, things and places). Is this only a last act of nostalgic resistance against their dissolution in the name of the by now increasingly accelerated progress of digital technology?

In search of a collective

It may sound excessively provocative but examples like “Frankfurt’s New Old Town” demonstrate that a return to pre-modernism will only work as a constructed idyll for tourists. In cases like this reconstructed architecture will turn out as a user interface serving functional purposes like urban marketing and promotion of a location’s attractiveness. Nevertheless, we should welcome the fact that architects and interior designers try and improve the atmosphere in urban space and in people’s own four walls and, in addition, develop floor plans custom-tailored to today’s requirements, plus promote a social mix in city quarters. Even if, in the end, all these measures can be nothing else but a patch on the wound that will not heal. Models are being created that try to reshape cooled-off social relations in a more intensive way; models that are
targeted at a new collective like the “Together! The New Architecture of the Collective” exhibition from last year.

What must cities look like for people not just to arrive but be eager to stay? Questions posed by the German contribution to the Architecture Biennale in 2016 remain in the foreground, and this is true not only as far as migrants are concerned. Because all of us cannot get around the insight that restlessness has become our destiny.

Some problems can be fixed but a fundamental solution is not in sight. Today, neither the mobile nor the immobile can rest on long-term, reliable and responsive relations. This does not affect the “wishful images” of a better world. If we believe what philosopher Ernst Bloch said, as soon as we have left alienation behind at last, something will come into the world that will cast a light on our childhood and where nobody has been before: home.

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