Kulturzentrum und Apartmenthotel in Rom/Italien. Palazzo Rhinoceros - md-mag
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Kulturzentrum und Apartmenthotel in Rom/Italien

Palazzo Rhinoceros

Ein mutiges Spiel der Spurensicherung charakterisiert den von Jean Nouvel verantworteten Umbau des römischen Palazzo Rhinoceros aus dem 17. Jahrhundert. Heute kreatives Zentrum der Fondazione Alda Fendi – Esperimenti und ein Apartmenthotel.

Autor Rolf Mauer

Die weltweit renommierte Marke Fendi steht für Luxusgüter und verkauft über ein internationales Netz mit eigenen Boutiquen hochpreisige Bekleidung für Damen und Herren. Seit 1965 war der Deutsche Karl Lagerfeld Chef-Designer der Fendi-Damenkollektionen. Die Marke selbst ist deutlich älter und wurde 1925 in Rom gegründet. Die italienische Modefirma ist in Rom engagierter Sponsor bei der Restaurierung alter städtischer Sehenswürdigkeiten und finanzierte unter anderem die 2015 abgeschlossene Restaurierung des berühmten Trevi-Brunnens. Über ihre Stiftung investiert die Gründerfamilie in das kulturelle Erbe Italiens.

Das jüngste Projekt der Familie, das kulturelle und kreative Zentrum der Fondazione Alda Fendi – Esperimenti, befindet sich im Palazzo Rhinoceros aus dem 17. Jahrhundert. Dieser steht im Zentrum des ehemaligen kaiserlichen Roms. Schon sein Standort ist bemerkenswert: Dies ist eine der besonders eindrucksvollen Ecken Roms, mit Blick auf die antiken Tempel des Forum Boarium und direkt unter dem Palatin, einem der sieben Hügel Roms, der legendären Geburtsstätte der Stadt.

Nobelhotel mit 25 Apartments

Vor der Tür des Palazzos steht der vermutlich im 4. Jahrhundert gebaute Janusbogen, dessen Reste heute seine ursprüngliche Verwendung als überdachte Straßenkreuzung nicht mehr erkennen lassen. Eine weitere, ehemals hochmoderne bauliche Anlage an diesem geschichtsträchtigen Ort soll nicht unerwähnt bleiben, obwohl sie nicht sichtbar ist. Der Janusbogen steht auf der Cloaca Maxima, dem wichtigsten Abfluss der alten antiken Kanalisation von Rom.

Dem in manchen Gebäudeteilen vier-, in anderen Teilen sechsgeschossigen Barockpalast hauchte der französische Architekt Jean Nouvel neues Leben ein. Die vormaligen Bewohner des drei unterschiedliche Kuben umfassenden Palazzos wurden von der Stiftung mit neuen Häusern entschädigt, um Platz zu schaffen für Kultur und ein in kürzester Zeit gut beleumundetes Nobelhotel mit 25 Apartments. Neben dem auf mehreren Etagen stattfindenden Hotelbetrieb beherbergt der Palazzo Rhinoceros auch eine Galerie, die in Form einer kulturellen Partnerschaft vom Eremitage-Museum unterstützt wird. Vom Dach hat man eine herrliche Aussicht auf das historische Rom.

Zeugen der Zeitläufe

Wenn ein Palazzo aus dem 17. Jahrhundert mit einer neuen Nutzung versehen wird, spricht man in alter Gewohnheit von einer Sanierung. Dem widerspricht der Architekt energisch: „Dies ist keine Sanierung“, und ergänzt: „Das Projekt ist die Summe vieler Interventionen, angefangen mit unverfälschten Elementen, einem Riss in einer Wand, einem gefliesten Boden, einem Gitter, einem Geländer und Tapetenresten …“. Der ursprünglich als Wohngebäude genutzte Palazzo Rhinoceros hat im Laufe der Zeit unzählige Veränderungen erfahren. Die Bewohner des 19. und 20. Jahrhunderts hinterließen Spuren: ummauerte Fenster, bizarre Trenn- wände, antike Fliesen und zerklüftete Risse in den Wänden.

In Rom etwas zu bauen, ist schwierig. Architekten sind in der Regel verpflichtet, die Hierarchie historischer Strukturen zu respektieren. Daher hat Jean Nouvel sich daran gehalten, so wenig wie nötig zu verändern. Bei den Fassaden wurde alles bewahrt, was den Lauf der Zeit bezeugt. Die verschiedenen archäologischen Schichten wurden herausgearbeitet und hervorgehoben, um es dem Betrachter zu ermöglichen, das Gebäude mit allen Änderungen und baulichen Narben zu entdecken.

Wider das Aufhübschen

Für Jean Nouvel hat das Gebäude schlicht aufgehört zu altern, auch ohne dass große übertünchende Sanierungseingriffe die alten Oberflächen veränderten. Mit dieser mutigen Entscheidung gegen das Aufhübschen von Oberflächen wird das Ensemble, so der Architekt, stärker in der Geschichte verankert.

Jedes der 25 Hotel-Apartments ist auf seine Art einzigartig, bietet eine andere Aussicht auf und über die Stadt. Die wesentlichen Änderungen wurden hauptsächlich im Inneren des Gebäudes vorgenommen. Beispielsweise haben die Architekten ein spezielles Verfahren entwickelt, bei dem auf den Innenläden fotografische Abbildungen der unsanierten Innenwände aufgebracht wurden. Diese Fotos erzeugen Trompe-l’Œil-Effekte: Die Wände „spiegeln“ das Unsanierte mit dem Renovierten – reizvolle Installa- tionen mit einem „Zeitversatz“.

Die Apartments wurden mit zeitgemäßen Ausstattungsmerkmalen in den Pantries und Bädern auf das gehobene Niveau eines Luxushotels gebracht. Markante Blöcke aus Edelstahl bilden einen starken Kontrast zu den rohen Wänden, deren Patina angesichts der beeindruckenden Vielfalt von Farb- und Putzschichten zu einer Offenbarung wird. Auf diese Weise gelingt eine skulpturale Interpretation des baulichen Alterungsprozesses.

Am Ende eine neue Schicht

Die Einbauten wurden so geplant, dass ein möglichst starker Kontrast zwischen diesen Objekten des modernen Lebens und den Überresten der alten Welt, in denen sie jetzt untergebracht sind, hergestellt wird: Abschnitte der ursprünglichen Boden- fliesen wurden unberührt gelassen, aber umgeben von neuen Materialien. Um die statischen Funktionen der alten Stürze, Säulen und der Treppen zu unterstützen, wurden neue Stahlkonstruktionen eingebaut.

All diese Elemente markieren nun dauerhaft eine neue Schicht in der historischen Substanz. Es ist eine freundliche Konversation zwischen Gegensätzen und eine Konfrontation zwischen verschiedenen Epochen. Es ist auch ein Treffen zwischen zwei Welten, zwischen den Spuren der Architekturdenkmäler der Antike und diesen historischen Wohnhäusern, die es schaffen, uns vor Augen zu fühen, dass sie noch sinnvoll mit Leben gefüllt werden können.

Nachts wird das Gebäude von außen beleuchtet und die umstehenden Bäume werfen starke Schatten auf die Fassade. Dieses nächtliche Bild wird von den Innenläden unterstützt, die wiederum ein nicht reales Bild vom Inneren des Gebäudes wiedergeben. Es gehört Mut dazu, so viel Doppeldeutigkeit aus diesem alten Bau herauszuholen. Bauherr und Architekt waren zu Risiken bereit und das hat sich ohne Zweifel gelohnt.


Portrait: Gaston Bergeret

Architekt Jean Nouvel gründete sein Büro im Jahr 1970. Mit seinen rund 150 Mitarbeitern (2017) zählt „Les Ateliers Jean Nouvel“ zu den einflussreichen Vorbildern in Bezug auf Nachhaltigkeit und Versöhnung von alter und neuer Bausubstanz.

www.jeannouvel.com


Factsheet

Projekt: Fondazione Alda Fendi – Esperimenti

Standort: Rom/I

Bauherr: Fondazione Alda Fendi

Bauaufgabe: Apartmenthotel, Kulturzentrum

Fertigstellung: 2018

Nutzfläche: 3 500 m²

Einrichtung: Sofa ‚Elémentaires‘ und Tisch ‚Less Less‘, Jean Nouvel bei Unifor; Drehstuhl ‚Direction‘, Jean Prouvé bei Vitra; Betten ‚Ribbon‘, Vincent Van Duysen bei Molteni; Sessel und Sofas ‚Maralunga‘, Vico Magistretti bei Cassina; Stühle ‚Oxymore‘, Jean Nouvel bei Figueras; Leuchten ‚Flying Surface‘, Jean Nouvel bei Troll; Leuchte ‚Objective‘, Jean Nouvel bei Artemide; Tisch ‚LC19‘, Le Corbusier bei Cassina; Leuchte ‚My Day‘, Constantin Grcic bei Flos; Sessel ‚April‘, Gae Aulenti bei Zanotta; Sessel und Sofas ‚685‘, Mario Bellini bei Cassina; ‚Vienna‘, Jean Nouvel bei Wittmann; Sofas ‚Serie Up‘, Gaetano Pesce bei B&B Italia


Cultural center and apartment hotel in Rome/Italy

Trompe l‘œil

Jean Nouvel was commissioned toconvert a Roman palazzo dating back to the 17th century, which now features a daring play of interventions. Today it serves as a creative center of Fondazione Alda Fendi – Esperimenti and as an apartment hotel.

Author: Rolf Mauer

The Fendi brand is renowned worldwide for luxury goods, selling high-end clothing for ladies and men via an international network of company-owned boutiques. Since 1965, German-born Karl Lagerfeld has been head designer of the ladies’ collections. The brand as such is considerably older and was established in Rome in 1925, and in Rome the Italian fashion company acts as a committed sponsor in the restoration of old historic sights of the city. Among others, the firm financed the restoration of the famous Trevi fountain which was completed in 2015. With its foundation, the family invests in Italy’s cultural heritage.

The family’s most recent project is the cultural and creative center of the Fondazione Alda Fendi – Esperimenti. It is located at Palazzo Rhinoceros dating back to the 17th century, in the center of former Imperial Rome. The location alone is remarkable – one of Rome’s particularly impressive areas with a view of the ancient temples of the Forum Boarium and directly under the Palatin, one of Rome’s seven hills, the legendary cradle of the city.

In front of the palazzo there’s the Arch of Janus, presumably built in the 4th century, originally used as a covered crossroads but no longer recognizable as such today. Another formerly highly modern institution at this historic place should not remain unmentioned although it is not visible: the Arch of Janus is situated on Cloaca Maxima, the greatest sewer of Rome’s ancient sewage system.

French architect Jean Nouvel lent a new significance to the baroque palace that has in some parts four levels and in some others six floors. The former inhabitants of the Palazzo Rhinoceros, which consists of three different cubes, were compensated with new houses to create space for culture and a high-quality hotel with 24 apartments that gained a good reputation in a very short time. In addition to the hotel business, accommodated on several levels, the palazzo also features a gallery supported by the Hermitage Museum in a cultural partnership. From the roof you enjoy a marvelous view of historical Rome.

An accumulation of interventions

It is an old habit to talk of renovation when a 17th century palazzo is transformed and given a new purpose. But the architect vigorously contradicts: “This is not a renovation.” And he adds: “The project is an accumulation of many interventions, ranging from unadulterated elements, a fissure in a wall, a filed floor, a grid to banisters and leftover wallpaper […].”

Palazzo Rhinoceros was originally used as a residential building and has undergone innumerable changes over the course of time. The inhabitants of the 19th and 20th centuries left their traces: walled windows, bizarre partition walls, ancient tiles and fissured cracks in the walls.

It is difficult to build something in Rome. Generally architects are obliged to respect the hierarchy of historical structures. So Jean Nouvel abided by the regulations and changed as little as possible. As far as the façades are concerned, everything bearing witness of the course of times has been preserved. Various archaeological layers were carved out and highlighted so that onlookers can behold the building with all its changes and structural scars.

In the mind of Jean Nouvel the building simply stopped to age even without large-scale gloss-over renovation interventions that transformed the old surfaces. Thanks to this courageous decision against sprucing up surfaces, the ensemble, says the architect, has been anchored more strongly in history.

Trompe-l’œil with a time delay

Each of the 25 apartments in the hotel is unique in its kind and offers a different view of and over the city. Substantial changes were mainly carried out in the building’s interior. The architects have, for example, developed a special process with which photographic images of the unrenovated interior walls were applied to the interior shutters. These photos create a trompe-l’œil effect: the walls “mirror” unrenovated elements on renovated parts – fascinating installations with a time delay.

The apartments were brought up-to-date with modern amenities in pantries and bathrooms to the high standard of a luxury hotel. Striking stainless-steel blocks create a strong contrast to the rough walls with a patina providing a revelation of the past given the impressive diversity of paint and plaster layers. In this way a sculptural interpretation of the structural aging process is achieved.

A new layer in the end

Built-in elements were planned such that a maximum contrast is produced between these objects of modern life and the remains of the old world in which they are now accommodated. Sections of the original floor tiles were left untouched but were surrounded by new materials. New steel structures were incorporated to support the static functions of the old lintels, columns and stairs.

Now all these elements permanently mark a new layer in the historical substance. The effect is like a friendly conversation between opposites and a confrontation between different ages, and like a meeting between two worlds, between the traces of antiquity’s architectural monuments and these historical residences, which manage to demonstrate to us that they can still be sensibly filled with life.

In the night the building is illuminated from the outside, and the trees around it cast strong shadows on the façade. This nocturnal image is strengthened by the interior shutters, which in turn reflect a non-real image of the building’s interior. It takes a lot of courage to extract so much ambiguity from this old construction. Client and architect were willing to take risks, which undoubtedly paid off.

Architect Jean Nouvel founded his Studio Les Ateliers Jean Nouvel in 1970. With his staff of about 150 People (in 2017), his office is one of the influential paragons when it comes to sustainability and reconciliation of old and new building structures.

www.jeannouvel.com

FACT SHEET

Project: Fondazione Alda Fendi – Esperimenti

Location: Rome, Italy

Client: Fondazione Alda Fendi

Task: apartment hotel, cultural center

Completion: 2018

Usable area: 3,500 m²

Furnishings: ‘Elémentaires‘ sofa and ‘Less Less‘ table, Jean Nouvel at Unifor;’Direction‘ swivel chair, Jean Prouvé at Vitra; ‘Ribbon‘ beds, Vincent Van Duysen at Molteni; ‘Maralung’ armchairs and sofas, Vico Magistretti at Cassina; ‘Oxymore’ chairs, Jean Nouvel at Figueras; ‘Flying Surface’ lamps, Jean Nouvel at Troll; ‘Objective’ lamp, Jean Nouvel at Artemide; ‘LC19’ table, Le Corbusier at Cassina; ‘My Day’ lamp, Constantin Grcic at Flos; ‘April’ armchair, Gae Aulenti at Zanotta; ‘685’ armchair and sofas, Mario Bellini at Cassina; ‘Vienna’ sofa, Jean Nouvel at Wittmann; ‘Serie Up’ sofas, Gaetano Pesce at B&B Italia

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