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Letter from Shanghai

Typisch chinesisch?

Der chinesische Produktdesigner und md-Korrespondent Jamy Yang bereitet ein Buch über die Geschichte/Grundlagen des chinesischen Designs vor. md veröffentlicht vorab exklusiv Auszüge. In dieser Ausgabe: Was ist typisch chinesisches Design? – Die nationale Identität im Produktdesign.

Textauszug/Vorabdruck und Fotos: Design Exploration III, by Jamy Yang www.yang-design.com

Es sind die Materialien vor Ort, das Klima und die Kultur eines Landes mit seinen ästhetischen Vorlieben und Lebensweisen, die das Aussehen eines Produkts beeinflussen. Insofern sind Produkte aus verschiedenen Ländern auch Ausdruck unterschiedlicher Geisteshaltungen. Auch die Sprache spiegelt dies wider. Meiner Meinung nach beeinflusst die Sprache unser Denken und in der Folge unser Handeln und Gestalten. Beispielsweise lässt das Chinesische im Gegensatz zum Deutschen viel Raum für Mehrdeutigkeiten und unterschiedliche Bedeutungsebenen.

Daraus entstand eine vieldeutige chinesische Denkweise, die den Geisteswissenschaften zugute kam, aber die Naturwissenschaften vernachlässigte. Diese Mehrdeutigkeit wiederum beeinflusst das chinesische Design.

Auch bin ich der Auffassung, dass in der globalisierten Welt von heute die nationale Identität eines Produkts eher auf einer spirituellen Ebene zum Ausdruck kommt. Die Menschen besinnen sich auf ihre Traditionen, auf die exzellente Handwerkskunst vergangener Zeiten und auf ausgezeichnete Rohstoffe, die aus dem Blick geraten sind.

Dafür steht zum Beispiel das Teeservice ‚Serenity‘, das ich für die vor 128 Jahren gegründete Traditionsmarke Royal Selangor entworfen habe. Das für seine Zinnwaren berühmte Unternehmen ist zwar in Kuala Lumpur (Malaysia) ansässig, aber dennoch eine authentische chinesische Marke.

Tradition verbindet sich mit Lifestyle
Trotzdem oder gerade deshalb lag der Fokus nicht auf den traditionellen chinesischen Stilelementen und schon gar nicht auf einer Trivialisierung à la Kung Fu. Vielmehr galt es, sowohl die Werte der Marke als auch die Handschrift des Designers einfließen zu lassen und vor allem: modernen Lifestyle und eine zeitgemäße Ästhetik zu vermitteln. Offensichtlich ist das gelungen. ‚Serenity‘ wurde 2013 mit dem IDEA ausgezeichnet.

Der Begriff ‚Serenity‘ bedeutet Gelassenheit, Ruhe, Abgeklärtheit – genau der Symbolgehalt, der auch dem Bambus zugesprochen wird. Kein Material versinnbildlicht die für Royal Selangor typische Handwerkskunst besser und auch nicht die traditionelle Kultur und Philosophie Chinas. Bambus, das ist die perfekte Mischung aus fernöstlichem Spirit und positivem Produkterlebnis.

Davon abgesehen lassen sich mit der Kombination Bambus/Zinn funktionale Probleme lösen. Als Knopf am Kannendeckel wirkt Bambus isolierend und unter dem Kannenboden wie ein Stoßdämpfer. Die Eigenschaften beider Materialien ergänzen sich bestens.

Die Oberflächen des Services sind nicht glänzend ausgeführt, weil wir vermeiden wollten, dass die Textur Edelstahl ähnelt. Vielmehr zeichnen sie die Unebenheiten der Bambuspflanze nach. Das erzählt von handwerklichem Können und verringert zugleich die Kontaktfläche zwischen Hand und Metall, ein ergonomischer Aspekt.

Auch der aufragende offene Griff hat ergonomische Vorteile: Die Kanne lässt sich leichter kippen, der Schwerpunkt verlagert sich beim Eingießen nach vorne. Und selbst die Snack-Schale ist userfreundlich: Ein aufgefaltetes Bambusrohr stand Pate. Das erlaubt die Handhabung mit nur zwei Fingern.

‚Serenity‘ übersetzt traditionelles fernöstliches Denken in eine zeitgemäße Produktsprache. Darin haben wir keine große Tradition. Die Geschichte des chinesischen Industriedesigns ist nicht von Kontinuität, sondern von großen Brüchen gekennzeichnet, die leider bis heute nachwirken (siehe md 2/2014).

Wer mehr darüber erfahren möchte, dem sei das von mir ins Leben gerufene ‚Yang Design Museum‘ in Shanghai empfohlen, das erste private Designmuseum in China. Ziel ist, die Besucher anzuregen, sich mit ihrer Lebensweise und den kulturellen Wurzeln bis hin zu den historisch geprägten Geisteswissenschaften auseinanderzusetzen und auch über ästhetische Vorstellungen aus anderen Kontinenten, Kulturen und ethnischen Zugehörigkeiten nachzudenken.

Das Museum befindet sich im ehemaligen Kraftwerk einer Baumwollspinnerei. Seine Hülle atmet Hundert Jahre Industriegeschichte, seine Sammlung dokumentiert auf 5 000 m² die Entwicklung des Industriedesigns mit Exponaten von der industriellen Revolution in England über klassische Beispiele aus China, die Bedeutung des Bauhauses bis zu den internationalen Designikonen von heute. Über die Sammlertätigkeit hinaus versteht es sich als Designlabor.

Wir befassen uns mit der Erforschung von Zukunftsmodellen, erarbeiten Methodologien für künftige Designtrends, erproben innovative Werkstoffe und ihre Anwendungen und erstellen Nutzerstudien. Das Design im öffentlichen Raum ist ebenso Thema wie der Dienstleistungsbereich. Für mich ist das Museum ein Beitrag zur nationalen Identität des chinesischen Industriedesigns.

md-Korrespondent Jamy Yang berichtet aus China

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