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Grundlagenbeitrag Raumakustik: Lösungen für das Open Space

Der gute Ton

Eben noch war alles glatt im Büro. Nun entdecken Planer und Einrichter, wie wichtig und wirksam strukturierte Oberflächen für die Raumakustik sind. Dabei hängt es von der Nutzung eines Raumes ab, was den Schall positiv beeinflusst und als angenehm empfunden wird.

Autor: Thomas Edelmann

Open Spaces sind keine Modeerscheinung. Trotz manch nachteiliger Wirkung auf die Nutzer ist nicht erkennbar, was an die Stelle dieser Art der Raumgliederung treten könnte. Offene Büroflächen sind in Theorie und Praxis der Objektplanung aufgrund ihrer Ökonomie und Arbeitsorganisation etabliert.

Viele Argumente sprechen für die Verdichtung der Raumnutzung: Fördern von Teamarbeit, Agilität und Kreativität und Immobilienpreise in Ballungsräumen. So sehr offene Bürozonen die flexible Nutzung wegen wechselnder Teams und Aufgaben erleichtern, so sehr werden unerwünschte Nebenwirkungen deutlich. Als Schwachpunkte gelten mangelnde Privatsphäre und die Ablenkung durch akustische Beeinträchtigung.

Erhöhtes Reizniveau

Der Büromöbelhersteller Steelcase hat eine aktuelle Studie zum Themenfeld „Akustik, Arbeit und die Arbeitsumgebung“ vorgelegt. Darin ist vom „erhöhten Reizniveau“ im Open Space die Rede. Die Lehre vom Schall und seiner Ausbreitung ist uns von Konzertsälen geläufig. Dort geht es darum, baulich optimale Klangeigenschaften eines Raumes zu erreichen.

Im Büro erscheint diese Aufgabe banaler, denn es geht nicht um Wohlklang, sondern um möglichst wenig gegenseitige Beeinträchtigung, um Rückzugsmöglichkeiten und um Oberflächen im Raum, die die Ausbreitung des Schalls dämpfen und mindern.

Doch die moderne Objektarchitektur operiert mit Stahl, Glas, Beton, Stein und Kunststoffen. Viele Architekten bevorzugen möglichst glatte, fugenlose und homogene Flächen, die Schall hauptsächlich reflektieren und nicht absorbieren.

So entstanden vielerorts Büros, die attraktiv fürs visuelle Raumempfinden sind, aber problematisch im Hinblick auf unerwünschte akustische Effekte. Man kann das als subjektives Problem der jeweiligen Mitarbeiter im Open- oder Multispace-Büro begreifen, die sich eben an veränderte Gegebenheiten anzupassen haben.

Doch Steelcase und andere verweisen auf die dahinterliegende Zahlenwirklichkeit, die sich in sinkender Produktivität und erhöhtem Krankenstand der Unternehmen auswirken.

Sowohl im Bestand als auch im Neubau sind heute Nachdenken und praktisches Handeln in Sachen Raumakustik gefragt. Es ist erstaunlich, wie der Oldenburger Physiker und Akustikspezialist Christian Nocke formuliert, dass bis heute „raumakustische Anforderungen in Deutschland nicht baurechtlich vorgegeben sind“. Für private Wohnräume, Schulen, Büros und andere Arbeitsstätten werde „die Raumakustik in der Planung kaum oder gar nicht beachtet“.

Raumakustik
Im Madrider Steelcase WorkLife Center ist das Center um die Plaza herum angeordnet. Sie besteht aus mehreren, unterschiedlich eingerichteten Bereichen. Foto: Steelcase
Kriterium Raumnutzung

Dabei gibt es nachvollziehbare Regeln zur „Hörsamkeit in Räumen“ (DIN 18041, neu gefasst 2016) und für „Schallschutz und akustische Gestaltung im Büro“ (VDI-Richtlinie 2569, neu gefasst 2018). Darin sind wesentliche Grundlagen – angepasst an aktuelle Fragestellungen rund ums Open Office – zusammengefasst.

Die Devise „viel hilft viel“, hat mit guter Raumakustik nichts zu tun. Was als akustische Qualität empfunden wird, hängt maßgeblich von der Raumnutzung ab. Die DIN 18041 unterscheidet etwa für den Bürokontext zwischen dem Konferenz- oder Tagungsraum (Kategorie A3) und „Räumen mit Bedarf an Lärmminderung und Raumkomfort“ (Kategorie B4), worunter die meisten offenen Bürolandschaften fallen.

Blocher Partners machen eine gute Raumakustik im Ludwigsburger AOK Projekthaus sichtbar. Foto: Blocher Partners

Während in A3-Räumen „Hörsamkeit“ erwünscht ist und diese sich durch eine angepasste Nachhallzeit und Schalllenkung verbessern lässt, soll im Großraumbüro möglichst nicht genau zu verstehen sein, was in der Umgebung geschieht. Denn das trägt maßgeblich zur Ablenkung bei. Dort ist ein gleichmäßiges Grundgeräusch erwünscht. Es geht weniger um die Höhe des Schallpegels (Lautstärke) als um den vernehmlich telefonierenden Nachbarn oder das Mahlen und Rauschen des Kaffeevollautomaten.

Zuwachs an akustischen Lösungen

Von allen Seiten erhalten Architekten, Innenarchitekten, Planer und Investoren Unterstützung bei der Gestaltung der Raumakustik. Anbieter von Büroeinrichtung wie Arper, Bene, Steelcase oder Vitra offerieren nicht mehr nur Möbel, sondern Gestaltungskonzepte, bis hin zu Planungsdienstleistungen. Leuchtenhersteller wie Artemide und Luceplan versehen einen wachsenden Teil ihrer Kollektionen mit akustisch wirksamen Polstern und textilen Oberflächen.

Raumakustik
Der Plaza dient als zentraler Punkt im WorkLife, an dem sich Mitarbeiter in informeller Umgebung austauschen können, ergänzt um Kuben für konzentriertes Arbeiten. Foto: Steelcase

Auch auf Handels- und Planungsseite ist zum Beispiel Designfunktion mit einem ganzheitlichen Verständnis der Objektgestaltung tätig, wobei Raumakustik als Bestandteil des effektiven Büros gesehen wird. Hinzu kommen Anbieter von Vorhängen wie Création Baumann, Gerriets und Kvadrat; ebenso von Trennwand- und Raumsystemen, etwa Rossoacustic und Strähle, Deckenpaneelen oder von Böden, zum Beispiel Carpet Concept.

Die Domotex, Messe für Teppiche und Bodenbeläge in Hannover, widmet sich im Januar 2020 dem Leitthema „Atmysphere“ und damit dem Wohlbefinden und der akustischen Wirksamkeit von Böden. Damit Räume nicht nachträglich kostspielig akustisch repariert werden müssen, empfiehlt es sich daher, die jeweils sinnvollen Maßnahmen frühzeitig und abgestimmt zu planen. Womöglich sind Raumakustiker zukünftig im Objektbereich bald ebenso unverzichtbar wie heute bereits die Lichtplaner.

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