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Innenarchitektur fürs Einkaufsfieber

Spot on Interior
Innenarchitektur fürs Einkaufsfieber

Innenarchitektur
Vor dem LED-Panel sind Touchscreens für den von Blocher Partners eigens entwickelten Fahrradkonfigurator installiert. Foto: Blocher Partners/Joachim Grothus
Interiordesign von sogenannten Customer-Touchpoints gewährleistet Kundenerlebnis und Unternehmenserfolg. Menschenkenntnis hilft dabei, trotz digitaler Grenzenlosigkeit, die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Etwas angestaubt zwar – in den Regalen der Bibliotheken stehen sie noch, die Standardbücher „Ladenbau“. Aus heutiger Sicht: Anachronismus und Zeitzeugen einer längst vergangenen Epoche, in der Designer und Innenarchitekten den Begriff „Retail“ zu buchstabieren begannen. Selbst Architekten glaubten, die paar verkaufsfördernden Einrichtungen im architektonischen Kontext eher nebenbei mitentwickeln zu können. Herausgekommen sind meist Materialexperimente und konstruierte Verkaufsräume, mit Betonung auf „Raum“ per se.

Entwürfe für Ladengestaltung ähneln seitdem abstrakten Vorstellungen von effizientem, jedoch schickem Raum; Präsentation von Waren dominiert die Gedanken; ansonsten meist menschenleer – Rationalität pur; Quadratmeterdenken; Nutzungsoptimierung; mathematische Gedanken.

Der Konsument war und ist selbstverständlich, wenngleich anonym, deshalb auch kein Kalkül wert. Er war und ist einfach da, und Einkaufen im Laden zudem alternativlos. Innenarchitektur von Läden als lebens- und sinnstiftendes Element.

„Shoppen“ im 21. Jahrhundert verbindet niemand mehr mit Überlebensstrategien; vielmehr stehen Spaß, Abwechslung, Kampf gegen Langeweile, Erlebnis- und Informationshunger, Selbstfindung im Vordergrund. „Konsumenten“ erwerben nicht mehr schlicht Güter für den Ge- und Verbrauch, vielmehr Hoffnungen auf persönlichen Bedeutungs- und Imagegewinn. „Verbraucher“ wandeln sich zum „Gestalter ihrer eigenen Zeiträume“, der sich immer mehr virtuell und digital in imaginären Räumen bewegt.

Retail ist schon immer eines der Lieblingstätigkeitsfelder von Innenarchitekten; an der Verkaufsfront zeigt sich, ob einer sein Handwerk beherrscht: All das, was an gestalterischer Überzeugungsarbeit, an emotionaler Ergriffenheit in Raumgestaltung einzubringen und anzuwenden ist, kulminiert und wird auf den Prüfstand gestellt, wo Menschen Kaufentscheidungen treffen. Wollen Produkte glaubwürdig und interessant präsentiert werden, Neugierde erzeugen, Sehnsüchte bedienen, wirken Atmosphäre und räumliche Situation synästhetisch, hoch emotional. Licht, Akustik, Gerüche, körperliche und geistige Ergriffenheit sind seither bewährte Inszenierungsmittel jeden Designers.

Ohne den potenziellen Käufer persönlich zu kennen, gelingt es seither, jeden Einzelnen in seiner speziellen Verfassung anzusprechen und allgemeine Bedürfnisse zu wecken: Anreize setzen; Sicherheit vermitteln; Anerkennung und Wertschätzung suggerieren; jedes Mal Phantasie und Vorstellung generieren, wie sehr Produkte individuell Persönlichkeit zum Ausdruck bringen können und dem Leben einen neuen Sinn verleihen.

Geschichten werden erzählt – Storytelling. Positive Erinnerungen an persönliche Erfahrungen schaffen Urvertrauen und Bindung. Designer und Innenarchitekten glauben seither, mit Rücksicht auf Humanwissen, zunehmender Gestaltungs-Flexibilität und eben diesem „Story-Telling“ wäre jeder potenzielle Käufer in seiner ganz persönlichen Befindlichkeit zu erreichen.

Und jetzt kommt zunehmend Digitalisierung in die analoge Gestaltungswelt der Warenpräsentation. Der innenarchitektonische Wortschatz ändert sich: synergetisches Planen, gestaltendes Steuern und interaktives Kontrollieren der zahlreichen verfügbaren Vertriebskanäle und „Customer-Touchpoints“ verändern auch Designbewusstsein. Alles dreht sich um Kundenerlebnis und Unternehmenserfolg, die offenbar nur noch über die verschiedenen Vertriebskanäle und integrativen Prozessschritte hinweg gestalterisch zu optimieren sind.

Sämtliche Kommunikationskanäle werden vernetzt, Konsumenten nutzen dank heterogener Informationsangebote mehrere Kanäle parallel: von Internet über Katalog und Onlineshops bis hin zu Apps für Mobile Devices und Präsenz in sozialen Medien.

Fast unmerklich hat sich eine Art Innenarchitektur-Immersion entwickelt; virtuelle Realitäten erlauben intensive Interaktion mit virtueller Umgebung. Immersion jedoch ist ambivalent. Innenarchitekten tun gut daran, sich der Außenwelt nicht zu entziehen, vielmehr sich auf die Welt der Dinge und der Bedeutungszumessung durch Menschen einzulassen. Im konzentrierten Tun, in der Auseinandersetzung mit dem Material und der daraus entstehenden Wechselwirkung mit Menschen bewahren Interiordesigner einen Zustand von „innerer Freiheit“, dem ausschließlich kommerziellen Diktat entzogen.

Interiordesign für Handel und Konsumenten vereint reelle und virtuelle, analoge und digitale Räume und entgrenzt. Innenarchitekten gestalten diese „Räume“ aus der Sicht von Verkäufern wie Käufern. Deren Erwartungen und Hoffnungen spiegeln sich in den integrativen Entwurfsideen für analoge und digitale Schnittstellen.

Weitere Spot on … finden Sie hier

https://www.md-mag.com/interior-architecture/fachbeitraege/spot-on/innenarchitektur-2/


Rudolf Schricker

Kolumnist

ist Professor an der Hochschule Coburg, Dipl.-Ing. Innenarchitekt BDIA, Planungsatelier Stuttgart und Coburg, did institut innenarchitektur+ design, Buchautor, Publizist, Gutachter.


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