Home » News » Meinung »

Human Quality

Orte, die selbst bei Stromausfall funktionieren
Human Quality

Human Quality
Anthropophile Medien nach dem Interface: 40 Jahre nach Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ heißt es: Unterwachen und Schlafen. Cover: ©Meson Press, Lüneburg
Wie funktioniert Innenarchitektur an der Schnittstelle analog, digital, virtuell? Ob beim Shoppen, im Lokal oder Büro, ob in der Kita, der Klinik oder dem Altenheim: Wir brauchen Orte zum Wohlfühlen – die selbst bei Stromausfall funktionieren.

Autor Rudolf SchrickerDer Innenraum gewinnt immer stärker an Bedeutung als Raum für „Quality Time“, als Erlebnisraum, der Wohlfühlerlebnisse bietet, entschleunigt, von Stress befreit. Aus der Allianz mit Humanwissenschaften sind der Raumgestaltung unendlich viele Argumente, Begründungen und Belege für ihre Sinnhaftigkeit erwachsen.

Angewandte Forschung in der Innenarchitektur liefert seither glaubwürdige und von der Wissenschaft unterlegte Zeugnisse für steile Thesen: Investitionen in Innenarchitektur sind Investitionen in Menschen – und sie rentieren sich immer. Menschen können ohne den sie umgebenden Raum nicht leben; werden Räume falsch konzipiert, gerät das Leben aus dem Takt. Wunderbar die Gewissheit, Räume können Menschen glücklich machen. Körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden sind nicht allein durch Präzision, Perfektion oder gar BIM zu gewährleisten.

Gute Innenarchitektur taugt nicht für die Ewigkeit; Räume ändern sich, weil Leben in Räumen permanentem Wandel unterliegt und letztlich endlich ist. Mag sein, dass die Angst vor dem Tod bei manchem Entwerfer die Sehnsucht nach Unsterblichkeit und damit nach Manifestation keimen lässt.

Schutzräume schaffen Vertrauen. Ängste werden abgebaut, indem Räume und die Interaktion mit ihnen das jeweilige Eigensein bejahen, Differenzierung lehren, andere einlassen oder verbannen, Fantasie und Wahrnehmung weiten, Machbares erkennen und realisieren, Ausdruck schärfen und Bindung herstellen.

Der Innenraum wird zum Sparringspartner, mit dem sich jeweilige Realitäten ertragen lassen. Räumliche Grenzen erweisen sich durch Interaktion als Stärkung grenzenlosen Gestaltungswillens. Flexibel muss sie also sein, die Innenarchitektur, will sie den individuellen Bedürfnissen genügen.

Veränderbar, immer wieder anders, smart eben – Innenarchitekten konditionieren den Raum, lassen Menschen aber mit ihm umgehen und ihn verändern.

Digitales und Virtuelles können in Zukunft jede Oberfläche im Innenraum zur intelligenten Oberfläche werden lassen. Verschiedene Bedienfunktionen der Raumkonditionierung sind nahtlos und optisch unauffällig in Innenarchitektur integriert, Informationen jederzeit flexibel abrufbar. Im Innenraum bieten Sensorik und Interaktion vor allem mit Blick auf zukünftige Lösungen einen großen Gestaltungsspielraum. Raum gewinnt an Bedeutung – er wird zum erweiterten Lebensraum.

Im Innenraum bieten nahezu alle Flächen die Möglichkeit, Funktionen zu personalisieren. Neue Technologien sind durch ihre Individualisierbarkeit für Innenraumkonzepte der Zukunft besonders interessant. Die digitalen Inhalte persönlicher Apps oder eigener mobiler Endgeräte ebenso wie gespeicherte Vorlieben für das Licht- und Raumambiente könnten sich schon beim Betreten des Raumes synchronisieren. Eine individuell auf Menschen zugeschnittenes Innenraumerlebnis ist die Folge. Die Konsequenzen in der Praxis?

Läden bieten das, was online nicht zu erleben ist – technische Schnelligkeit und räumliche Entschleunigung. Gastronomie bedient Sehnsüchte und Images – Vor- und Nachbetreuung per Homepage und App. Die Liebe geht durch den Magen, trotz Kalorienzähler am Armband. Hotellerie macht den Alltag vergessen – Suchmaschinen und Userbewertungen sind bewährte Begleiter geworden. Kliniken wandeln sich zu Genesungstempeln – mit angenehm wirksamer, jedoch virtueller Medizin.

Büros stellen Motivation, Wohlbefinden und Lust auf Leistung auf eine Stufe – Bedingung ist Network und Aufgabe persönlicher Interessen außerhalb der Unternehmen. Kitas vermitteln altersgerechte Entwicklungsschübe mit sensorgesteuerter Einrichtung und studierten Erzieherinnen und scheitern doch oft am hohen Anspruch der Eltern und an unterentwickelter Beziehungsfähigkeit der Kinder. Altenheime sind wahre Jungbrunnen mittels Pflegerobotern und Ambient-Assisted-Living-System.

Marketingbotschaften unterstellen moderner Innenarchitektur schiere Wunderkräfte – digitale, technische wohlgemerkt. Wahr ist: Kaum eine andere Disziplin wird mit Sehnsüchten und Hoffnungen so überfrachtet wie die Innenarchitektur. Wahr ist aber auch, dass andere Disziplinen all diese zutiefst menschlichen Ansprüche nicht mehr erfüllen können bzw. erst gar nicht mehr als Problemlöser infrage kommen. Innenarchitektur dagegen muss aufpassen, dass sie glaubwürdige Lösungen immer im humanen Kontext findet und eben nicht zum Erfüllungsgehilfen des digital Machbaren wird. Humane Innenarchitektur funktioniert selbst bei Stromausfall.


Rudolf Schricker

Der Kolumnist ist Professor an der Hochschule Coburg, Dipl.-Ing. Innenarchitekt BDIA, Planungsatelier Stuttgart und Coburg, did institut innenarchitektur+ design, Buchautor, Publizist, Gutachter.

Weitere Beiträge von Rudolf Schricker finden Sie hier


Mehr zum Thema Office mit Sidebar
Anzeige
Top-Thema
Anzeige

Neueste Beiträge
Titelbild md 6-7
Ausgabe
6-7.2020 kaufen

EINZELHEFT

ABO


Architektur Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de