Home » News » Meinung »

Meinungskolumne: Der Wert von Healing Architecture

Standpunkt zu gesundheitsfördernder Innenarchitektur
Der Wert von Healing Architecture

Healing Architecture wirkt. Die Gestaltung der Reha-Klinik des ukb Berlin von Nickl + Partner Architekten zahlt mit großer Fensterfront, Balkon und Farbe aufs Patientenwohl ein. Foto: Werner Huthmacher
Healing Architecture wirkt. Die Gestaltung der Reha-Klinik des ukb Berlin von Nickl + Partner Architekten zahlt mit großer Fensterfront, Balkon und Farbe aufs Patientenwohl ein. Foto: Werner Huthmacher
Forschungen belegen: Innenarchitektur wirkt heilend. Doch die Dosierung von Healing Architecture sei individuell zu entscheiden, unterstreicht md-Kolumnist Rudolf Schricker. Er plädiert für zukunftsfähige, interaktive Räume.

Angewandte Forschung von Innenarchitektur und Humanwissenschaft belegt: Investitionen in Raumgestaltung sind Investitionen in Gesundheit von Menschen: Healing Architecture rentiert sich. Wissenschaftler unterstreichen die Korrelation zwischen individuellem Wohlbefinden und künstlich-intelligenter Raumumgebung. Mittlerweile ist die Korrelation zwischen einer stressfreien räumlichen Umgebung und der individuellen Wahrnehmung des eigenen Gesundheitszustandes zu belegen.

„Endlich wird die fatale Konzentration auf visuelle Ästhetik überwunden“

Seitdem Innenarchitektur in der angewandten Forschung mit den Humanwissenschaften den Schulterschluss findet, definiert und validiert sich der Sinn allen Gestaltens neu. Endlich wird die fatale Konzentration auf visuelle Ästhetik überwunden. An ihre Stelle rücken Erkenntnisse darüber, wie Healing Architecture Menschen fördert und positiv beeinflusst – in ständiger Wechselwirkung sämtlicher Sinne.

„Umgebung wirkt immer auf Menschen“

Darum wird händeringend nach Räumen gesucht, die Genesungsprozesse unterstützen. Normgerechte Räume sind nicht per se gesund. Das sind sie erst, wenn Menschen ihre Auswirkung auf Körper und Seele erkennen und sie anpassen können. Die Umgebung wirkt immer auf Menschen – und umgekehrt. Ihr Effekt hängt vom individuellen Empfinden, dem Verhalten des Einzelnen und von interagierender Umgebung ab.

„Gestalterischer Optimismus basiert auf einer einzigen Gewissheit“

Heute gestaltet Innenarchitektur die Zukunft, ohne sie zu kennen. Gestalterischer Optimismus basiert auf einer einzigen Gewissheit: Menschen streben nach Sicherheit. Sie wollen Ängste abbauen, Disstress vermeiden, Anerkennung und Eustress erfahren, Bindungen entwickeln, Neugierde ausleben, entspannen, Entscheidungen treffen und sich ausdrücken.

Dabei braucht jeder Mensch eine individuelle Dosis gesundheitsfördernder Umgebung. Auf die Norm reduzierte Raumgestaltung kann sich für den Einzelnen als über- oder unterdosiert erweisen.

„Die Konsequenz: Sensitive, interaktive Innenräume“

Daher gilt mein Credo: Räume entwerfen, die Menschen später selber entsprechend ihrer jeweiligen Bedürfnisse gestalten können. Diese Neuausrichtung im Entwurfsfokus von Healing Architecture entlässt Planer aus dem Dilemma, alles durchdenken zu wollen und gleichzeitig doch zu wissen, dass man manche individuellen Bedürfnisse gar nicht kennt. Die Konsequenz: Innenräume werden sensitiv, interaktiv und individuell veränderbar.

„Ganze Berufszweige werden sich radikal ändern“

Innenarchitekten entwickeln und planen diese Mensch-Raum-Schnittstellen und ermöglichen analoge und digitale Interaktion. Wir sind auch Interaktionsdesigner, die Räume als digitale Begleiter konzipieren und auch lange nach Fertigstellung Anpassung und Feinjustierung ermöglichen.

Transformation und Interaktion sind Zauberwörter, die ganze Berufszweige radikal verändern. Sobald diese neue Form von Healing Architecture gelingt, hat die lernfähige und sich stets optimierende Allianz Mensch-Raum lebenslangen Bestand; so lange der Strom fließt jedenfalls.

„Integrative Schnittstellen ermöglichen die individuelle Anwendung“

Ich wünsche mir Flexibilität, Variabilität, Veränderbarkeit. Mechanische Lösungen galten früher als zu langwierig, zu teuer, zu kraftraubend. Doch im digitalen Zeitalter schwinden die Hürden für individuelle Einfluss- und Gestaltungsfreiheit. Jeder wird eingewoben in ein digitales Netz, gespeist von Sensorik und kommunikativer Veränderung. Interdisziplinarität sorgt für einen offenen Qualitätsrahmen. Vernetztes Entwerfen gewährleistet Massentauglichkeit. Integrative Schnittstellen schaffen Verbindungen zwischen Mensch, Produkt und Raum und ermöglichen die individuelle Anwendung.

„Der Raum als Medikament“

Dadurch entsteht jedoch auch die Forderung nach ethisch-moralischen Bewertungskriterien für gesunde Raumgestaltung. Weiß das Zimmer, was für die jeweiligen Menschen „gut“ ist? Wird es zum Interface? Oder zum Medikament?

Medikamente helfen, gesund zu werden. Sie lindern Beschwerden, unterstützen den Körper bei der Heilung und können Krankheiten verhindern. Und Räume können wie Arznei wirken, wenn sie helfen, gesund zu bleiben, Beschwerden zu lindern, zu genesen.

„Investition in healing Architecture rechnet sich“

Die Dosis könnte sich in digitaler, vernetzter und interaktiver Innenarchitektur jeder User selber verordnen, allerdings mit digitalem Schutz vor fahrlässiger oder bewusster Fehlbedienung. Licht wird auf diese Weise förderlich, Akustik erträglich, Geruch betörend, Temperatur angenehm, Luftfeuchte belebend.

Eine heilsame Umgebung trägt evident dazu bei, dass Genesungsprozesse komplikationsfreier und kürzer verlaufen. Sie reduziert durch geringere Medikationen und kürzere Krankheitsverläufe signifikant Kosten. Investition in Healing Architecture rechnet sich also. Ich finde, sie sollte als Leistung auf Rezept zu bekommen sein.


Rudolf Schricker

Der Kolumnist ist Innenarchitekt BDIA, Professor der Hochschule Coburg, Publizist, Buchautor, Gutachter und Berater.


Wie gelungene Healing Architecture konkret aussehen, kann zeigt eine Zahnarztpraxis von Stefanie Schönheinz:

Zahnarztpraxis – sauberes Design

Die md-Printkolumne „Standpunkt“ bricht die Lanze für anspruchsvolle Architektur und Innenarchitektur. Weitere Beiträge widmen sich etwa dem Thema Nachhaltigkeit oder digitale Lehre.

Himmlische Hilfe

Digital detox

Anzeige
Top-Thema
Küchenplanung
Küchenplanung für alle Sinne: Wie die Umgebung den Gaumen beeinflusst
Das Ohr isst mit
Anzeige

Neueste Beiträge
Titelbild md 8
Ausgabe
8.2021 kaufen
EINZELHEFT
ABO

Architektur Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de