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Akustik im Büro

Akustik im Büro
Headsets contra Geräuschkulisse

Akustik im Büro
Wer ein Headset benutzt, trägt dazu bei, dass sich die Kollegen nicht gestört fühlen und ihrerseits lauter sprechen (müssen). Foto: navee – stock.adobe.com
Akustik im Büro: Lärm stört hier vor allem in Form von Gesprächen. Besonders, wenn man sich konzentrieren muss. Nervig sind auch laute Telefonate. Mit guten Headsets verbessert sich die Geräuschkulisse.

Autor Ahmet Çakir

Bedeutsamer hätte meine erste Begegnung mit der Akustik in Tateinheit mit Licht nicht gewesen sein können: Ich stand mit einer Violine in der Hand, schick schwarz gekleidet mit weißem Binder, in der Mitte eines Konzertgebäudes. Um mich herum Ränge, die sich gen Himmel türmen. Ein elegant gekleideter Mann mit grau melierter Tolle jagte eine Meute Männer die Ränge auf und ab. An der Decke schraubten Arbeiter an Ufos.

40 andere Studenten und ich waren Statisten bei einer Aufführung ohne Zuschauer. Die Berliner Philharmonie sollte ihre Pforten erst öffnen, wenn Herbert von Karajan alles perfekt schien und es sich auch so anhörte. Geschraubt wurde an den Leuchten, um an der Akustik zu feilen.

Die Philharmonie ist in die Jahre gekommen, das Problem nicht. Noch heute gilt allzu oft: Will man „gesundes“ Licht installieren, geht es nur mit großflächigen Leuchten, die die Akustik verhunzen. Dasselbe tun Akustikpaneele mit der Lichtqualität.

Zwei der damals beteiligten Männer sollte ich näher kennenlernen. Der Lichttechniker ist seit L angem ein Freund. Der andere, Lothar Cremer, wurde mein Professor für Akustik. Er erklärte uns in einer Vorlesung, wie die Philharmonie ihre tolle Akustik erreichte, nämlich durch feilen – nicht nur an der Beleuchtung.

Selbst der x-te Abkömmling der Idee der Berliner Philharmonie, die Elbphilharmonie, zeugt davon, wie mühsam es sein kann, Akustik zu formen. Und nicht nur in Konzerthäusern konkurriert der ästhetische Anspruch immer mit dem akustischen: Was schön aussieht, kann miserabel klingen. Dafür wurde bei der Elphi nicht an der Decke geschraubt, sondern an 10 000 Wandpaneelen gefräst.

Zurück zu meinen beruflichen Anfängen. Kaum mit dem Studium fertig, begann ich, an der Akustik im Büro zu feilen. Die Büromenschen sind leider nicht in der glücklichen Lage, dass ihrem Akustikerlebnis so viel Aufmerksamkeit zuteil wird wie den Besuchern einer Konzerthalle. Dabei hatte schon damals die noch junge Wissenschaft Ergonomie akustische Störungen als Problem Nr. 1 im Büroleben dokumentiert. Das war etwa um 1973. Seitdem stellt sie das so regelmäßig fest, dass es mancheLesern langweilig wird. Hat die Akustik im Büro etwa versagt?

Wer danach in der Literatur sucht, wird das Gegenteil erkennen. Die großen Errungenschaften der technischen Akustik sind der Grund für die heutigen Beschwerden über den „Lärm“ im Büro. In technischer Hinsicht hat der eher stark abgenommen.

Gleichzeitig geriet die „geistige“ Arbeit immer anspruchsvoller. Wer erfolgreich sein will, muss sich konzentrieren. Doch dabei beeinträchtigt vor allem das Gerede im Hintergrund. „Studien haben eindeutig gezeigt, dass sich der Mensch nicht an das Gequatsche seiner Kollegen gewöhnen kann.“ So steht es in einer Zeitung, die sich sonst gewählter ausdrückt. Und je leiser ein Büro ist, desto besser versteht man, was man lieber nicht verstehen will.

Das Problem der Akustik im Büro ist die Genese der Störung: Sprache stört anders als „Lärm“. Man liest oder denkt immer in Lauten, die sehr leise sind. Man spricht zu sich. Die Sprache der anderen greift da tief in unser Denken ein.

Ich will darstellen, wie wichtig es ist, an Details zu schrauben, um für relative Ruhe zu sorgen. Warum telefoniert der Kollege so laut ? Geht es eine Nummer leiser?

Im Prinzip schon. Aber das Gerät, über das er gut ein Drittel seiner Zeit kommuniziert, wurde einst mit einer sehr geringen Bandbreite ausgestattet, damit das Telefonieren überhaupt erschwinglich wurde.

Und heute? Wir können uns zwar Filme aus Neuseeland streamen, an der Bandbreite des Telefons hat sich aber wenig geändert. Doch technisch können wir es realisieren, dass die Geräte kristallklar übertragen.

Vor diesem Hintergrund wäre es mehr als sinnvoll, darüber nachzudenken, was eine schlechte Tonqualität bewirkt. Damit beschäftigte sich schon der französische Wissenschaftler Étienne Lombard. Der nach ihm benannte Lombard-Effekt besagt, dass Menschen umso lauter sprechen, je höher die Störungen sind. Nicht nur das. Sie ändern die Tonhöhe, weil hohe Frequenzen sich besser durchsetzen. Und stören damit noch stärker.

Daraus entsteht bei der Akustik im Büro  ein Teufelskreis. Aber es gibt eine Lösung rund ums Telefonieren: Headsets in bester Qualität. Das Beispiel eines Unternehmens zeigt: Es plante zunächst Headsets für 300 Leute, bot diese dann 500 Personen an. Schließlich fragten 2 000 Menschen danach. Heute telefonieren 40% der Belegschaft mit Headsets.

Damit konnte man also erfolgreich an einer Stellschraube drehen. Es gibt aber viele davon. Wer es lieber musikalisch ausdrücken will: Man muss alle Register ziehen.


Kolumnist Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.

Kolumne von Ahmet Çakir zum Thema VUCA in md

Zur Website des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung

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