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Holzbauwerk

Zeitraffer - Entstehung des Swatch Headquarter in Biel/Schweiz
Holzbauwerk von Shigeru Ban

Fünf Jahre wurde am neuen Hauptsitz des Uhrenherstellers Swatch gebaut. Herausgekommen ist eines der größten Holzbauwerke der Welt: Auf 25 000 m² Grundfläche sind 400 Arbeitsplätze entstanden.

Autor Rolf Mauer

Das neue Hauptquartier von Swatch im schweizerischen Biel ist 35 m breit und 240 m lang. Der japanische Architekt Shigeru Ban hat es geschafft, dass Fassade und Dach eins werden und gleichzeitig nach außen wie auch nach innen wirken. Und so wird aus der Gebäudehülle und dem beeindruckenden Holztragwerk das prägende Element der Innenarchitektur.

Grundstück maximal ausgenutzt

Beim Uhrenhersteller ist man zwar der Meinung, das Gebäude würde sich harmonisch in das städtische Umfeld einpassen. Das kann man auch durchaus anders sehen. Ein Neubau in der Größe, der zudem durch eine Kurve im Grundriss das zur Verfügung stehende Grundstück maximal ausnutzt, kann sich schlecht in die kleinräumliche städtische Bebauung diesseits des Flusses Schüss einpassen.

Holzbauwerk, Shigeru Ban
Lindwurm mit Fragezeichen? Die Vogelperspektive offenbart die Metaphorik, an der sich die Architekturkritik erfreut. Der „gepanzerte „Kopf“ greift über die Straße und scheint das gegenüberliegende Gebäude zu verschlingen. So wird ein verwinkeltes Baufenster kreativ genutzt. Foto: © By Swatch

Gewaltiges Gebäude von Shiergu Ban

Aber Biel hat noch einmal Glück gehabt, denn der Uhrenhersteller wählte für den Entwurf seines neuen Hauptquartiers einen Architekten aus, der „Architektur kann“, um es pointiert auszudrücken. Der japanische Planer Shigeru Ban hat ein gewaltiges Gebäude gebaut und der Stadt Biel einen dicken, städtebaulich markanten Stempel aufgedrückt.

Städtebaulicher Spagat

Und weil Shigeru Ban ein sehr guter Architekt ist, ist dieses Haus, das sich so eindeutig nicht harmonisch in das städtische Umfeld einpasst, ein Gewinn. Biel kann gute Architektur an genau diesem Standort gut gebrauchen. Das neue Hauptquartier von Swatch definiert den Ort im Positiven. Selbst der städtebaulich schwierige Spagat, einen Neubau über eine öffentliche Straße hinweg mit einem anderen Gebäude zu verbinden, gelingt hier auf eine wohltuende Art.

Holzbauwerk, Shigeru Ban
Die zu bespielende Fläche nimmt von Etage zu Etage ab. Im obersten Geschoss eine großzügige Piazza für kreative Pausen. Im Hintergrund: die „Treppe ins Nichts“. Das Schweizer Kreuz in den Holzwaben will Heimat vermitteln. Andere sind mit Glas- und Lichtelementen gefüllt. Foto: © By Swatch

Holzbauwerk – Ikonische Architektur

Swatch und Shigeru Ban kennen sich schon länger: Mit dem Swatch-Gebäude in Tokio hat der Architekt bereits 2007 bewiesen, wie ikonisch er Architektur umzusetzen pflegt. Die Schweiz ist zudem für Ban vertrautes Gebiet, er hat bereits einige Bauten erfolgreich umgesetzt und schätzt nach eigener Aussage das schweizerische und deutsche holzverarbeitende Handwerk ebenso wie das Ingenieurwesen im deutschsprachigen Raum.

Holzbauwerk, Shigeru Ban
Für das HQ von Swatch in Biel/CH hat Shigeru Ban ein lindwurmartiges Holzgewölbe gespannt und darin ein Haus-im-Haus integriert. Die Büroflächen sind auf fünf Etagen verteilt. Foto: © Didier Boy de la Tour

Dach ist der wichtigste Teil der Architektur

Mit der Architektur für das Hauptquartier von Swatch bricht Ban mit den Konventionen einer klassischen Bürogestaltung. Die 11 000 m² große bombierte Konstruktion, die gleichzeitig Fassade und Dach ist, erhebt sich sanft zum Eingang und dem Übergang über die Straße hinweg zum sogenannten ‚Cité du Temps‘-Ausstellungsgebäude, ebenfalls von Shigeru Ban.

Parametrische Rasterschalenkonstruktion

Für ihn ist das Dach der wichtigste Teil seiner Architektur. Seiner Meinung nach hängt die Notwendigkeit von ergänzenden Wänden vom Kontext des Gebäudes ab.

Eine bombierte Konstruktion findet man häufiger im Stahlbau und weniger im Holzbau, zumal Stahl sich leicht biegen lässt. Aber der japanische Architekt kennt das Material Holz seit seiner Kindheit sehr genau und wählte für sein Holzbauwerk in Biel eine parametrische Rasterschalenkonstruktion als Grundstruktur.

Holzbauwerk, Shigeru Ban
Das neue Hauptquartier von Swatch definiert den Ort im Positiven. Foto: © By Swatch

Moderne 3D-Software

Das traditionelle, nachwachsende Material wurde aufgrund seiner ökologischen und nachhaltigen Eigenschaften ausgewählt. Holz kann flexibel verarbeitet und auf äußerst präzise Größen zugeschnitten werden. Dies sind wichtige Eigenschaften für eine Konstruktion, bei der jeder Millimeter zählt. In der Planungsphase half moderne 3D-Software bei der Definition der Form und der Positionierung der etwa 4 600 Balken der Holzgitterschale im Holzbauwerk.

Holzbauwerk, Shigeru Ban
Für Shigeru Ban ist das Dach der wichtigste Teil seiner Architektur, seines Holzbauwerks. Foto: © By Swatch

Drei Wabentypen für das Holzbauwerk

Durch ein ausgeklügeltes Steckprinzip wurden die einzelnen Balken detailliert aufeinander abgestimmt. Weil die Holzgitterschale des Swatch-Gebäudes sowohl Außen- wie auch Innenfassade (und Decke) ist, muss sie verschiedene technische Anforderungen erfüllen. Ein komplexes Netzwerk von Kabeln ist sehr diskret in ihre Struktur integriert.

Noch während die Holzstruktur errichtet wurde, bereiteten die Planer die Installation von rund 2 800 Wabenelementen für die Holzgitterschale vor.

Holzbauwerk, Shigeru Ban
Drei grundlegende Wabentypen kann man unterscheiden: opake, transluzente und transparente. Alle diese Elemente haben einen entscheidenden Einfluss auf die Innenarchitektur. Foto: © By Swatch

Elemente beeinflussen die Innenarchitektur

Jedes Element wurde aus bis zu 50 Einzelteilen zugeschnitten und an seine individuelle Funktion und Position angepasst. Im Holzbauwerk kann man drei grundlegende Wabentypen unterscheiden: opake, transluzente und transparente. Alle diese Elemente haben einen entscheidenden Einfluss auf die Innenarchitektur.

Das opake Element setzt Shigeru Ban am häufigsten ein. Es handelt sich um ein geschlossenes Element mit einer witterungsbeständigen und lichtundurchlässigen Außenfolie. Einige dieser Elemente können als Rauchabzug geöffnet werden, während andere mit fotovoltaischen Elementen ausgestattet sind.

Holzbauwerk, Shigeru Ban, Lichtdurchlässige Kissenelemente
Die lichtdurchlässigen Kissenelemente sind in der Lage, dem Gewicht von Schnee oder Eis standzuhalten. Foto: © By Swatch

Lichtdurchlässige Kissenelemente

Die lichtdurchlässigen Kissenelemente hingegen werden mit Luft aufgeblasen; Polycarbonat-Platten im Inneren des Elementes verhindern die Luftzirkulation und sorgen so für die wärmedämmende Wirkung.

Diese Kissen sind auch in der Lage, dem Gewicht von Schnee oder Eis standzuhalten, werden permanent unter Luftdruck gesetzt und stehen folglich unter Spannung. Die transparenten Elemente dienen der Belichtung. Insgesamt wurden dazu vier Isolierglasscheiben verwendet, zwischen die ein weißes Rollo zur Verschattung eingebettet ist. Diese Elemente sind ebenfalls belüftet, um die Bildung von Kondenswasser zu verhindern.

Holzbauwerk, Shigeru Ban
Die eingestellte Struktur kragt aus und schließt mitunter direkt an die Holzstruktur an. Das vermittelt Geborgenheit, während der Blick sich in der Weite verliert. Eingezogene Lichthöfe rhythmisieren die Flächen, lockern auf und bringen zusätzliches Tageslicht nach unten. Foto: © Didier Boy de la Tour

Feine Perforation für die Akustik

Neun Außenbalkone mit einer Größe von 10 bis 20 m² bieten Ausblicke in die Umgebung. An der Innenseite der Konstruktion sorgen 124 weiße, hölzerne Schweizerkreuze für das notwendige Heimatgefühl, zudem verbessern sie dank ihrer feinen Perforation die Akustik in den Büros.

Die 25 000 m² Bürofläche sind auf fünf Etagen verteilt. Die Quadratmeterzahl der vier Obergeschosse nimmt von Stockwerk zu Stockwerk sukzessive ab. Galerien mit Glasbalustraden ermöglichen einen freien Blick in die darunter liegenden Ebenen.

Holzbauwerk, Shigeru Ban
Die oberste Etage leidet etwas unter der gewölbten Form des Gebäudes, denn in den Randbereichen erschwert die Dachneigung die Nutzung von Restflächen. Foto: © By Swatch

Eingestellte Bürostruktur

Die Gemeinschaftsräume sind über das ganze Haus verteilt. Im Erdgeschoss empfängt eine Cafeteria Besucher und Mitarbeiter, dazu sind kleine „Rastplätze“ an verschiedenen Stellen platziert. Frei stehende Kabinen bieten Platz für Besprechungen für bis zu sechs Mitarbeiter. Sie können auch für Telefonate oder als ruhige Arbeitsplätze verwendet werden.

Treppe ins Nichts

Holzbauwerk, Shigeru Ban, Treppe
Im obersten Geschoss: die „Treppe ins Nichts“. Diese Treppe soll kreative Pausen fördern und kommunikatives Brainstorming ermöglichen. Foto: © By Swatch

Generell fällt auf, dass die frei stehenden fünf Geschosse mit der imposanten Konstruktion des Holzbauwerks wenig zu tun haben wollen. Hier fehlt der Holzcharakter, der die Architektur von Shigeru Ban so häufig auszeichnet. Man hätte durch die Verwendung hölzerner Oberflächen mehr Gemeinsamkeit akzentuieren können. Gemessen an der wunderbaren Architektur dieses Hauses sei diese Kritik erlaubt.

Shigeru Ban, Holzbauwerk
Generell fällt auf, dass die frei stehenden fünf Geschosse mit der imposanten Holzkonstruktion des Gebäudes wenig zu tun haben wollen. Foto: © By Swatch

Gestalterische Kraft in Gebäuden

Wie dieser nach außen so zurückhaltend auftretende Architekt immer wieder seine gestalterische Kraft in Gebäuden realisiert und Bauherren zu guter Architektur verführt, ist bemerkenswert. Den Pritzker-Preis hat er zu Recht bekommen.

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Portrait: © Shigeru Ban Architects

Architekt

Shigeru Ban

baut weltweit außergewöhnliche Konstruktionen u.a. aus Holz. Er gehört zu den ersten, die aus Pappröhren temporäre Leichtbauten in Katastrophengebieten errichteten. 1985 gründete der spätere Pritzker-Preisträger sein Büro in Tokio. Dependancen in den USA und Paris.

www.shigerubanarchitects.com


Factsheet

Projekt: Swatch Headquarter

Standort: Nicolas G. Hayek Strasse 1, 2500 Biel/CH

Bauherr: Swatch

Bauaufgabe: Hauptquartier

Fertigstellung: 2019

Geschosse: 5

Nutzfläche: 25 000 m²

Ausführende Architekten: Itten + Brechbühl AG

Konstruktion: Holzbau: Blumer-Lehmann; Fassade: Roschmann (Dach), MBM Konstruktionen (Glas)

Metallbau: Stauffer, Herren, Hoffman Weibel, Adunic

Innenverglasung: Glas Trösch

Möblierung: Vitra, USM

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