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Akustik im Büro

Prinzip TOP für Rücksichtnahme

Akustik
Headsets bewirken eine Geräuschunterdrückung Foto: contrastwerkstatt – stock.adobe.com
Akustik im Büro: Als Lärmbelästigung Nummer eins gilt die Sprachverständlichkeit. Da empfiehlt unser Kolumnist das Prinzip TOP – T wie Technik, O wie Organisation und P wie Person. Außerdem sollte man die eigene Geräuschtoleranz erhöhen.

Autor: Ahmet Çakir

Kann man sich über etwas aufregen, was nicht existiert? Tierisch? Vielleicht. Alle? Bestimmt nicht. Also liegen deutsche Büromitarbeiter falsch. Und das seit etwa fünf Jahrzehnten! Lärm im Büro gibt es nicht! Ich zog 1975 in Büros mit Computern, mit der Verordnung für Arbeitsstätten bewaffnet und mit einem Pegelmesser Klasse 2. Denn meine Probanden waren zu 61 Prozent der Meinung, der Lärm gefährde ihre Gesundheit. Da mein Gerät nichts vermeldete, besorgte ich eines der Klasse 1. Das wollte aber auch nichts von Lärm wissen.

Was lernte ich daraus? Objektiv gibt es keinen Lärm, also unerwünschten Schall. Der ist subjektiv. Ein Messgerät zeigt nur den Schalldruck an. Und der war auch 1975 in den meisten Büros gering. Nur die Schreibmaschinistinnen bekamen eine hohe Dosis ab. Und 1995? Besagte Damen waren samt Maschine in Pension, die einst lauten sonstigen Geräte emittierten im Schnitt ein Tausendstel der Schallenergie von damals. Endlich Friede in deutschen Büros?

Die Befragungen wurden häufig wiederholt, zuletzt 2017. Ergebnis: etwa gleich. Aber die Lärmmessungen zeigten den deutlichen Erfolg des Schallschutzes, für den der Staat enorme Summen ausgegeben hatte, und DIN und VDI ein formidables Regelwerk geschaffen hatten. Warum bezeichneten aber über 60 Prozent der Betroffenen Lärm als die störendste Umweltbedingung?

Kann es sein, dass wir mit der falschen Medizin hantieren? Man google mit den Begriffen „Lärm“ und ‚Büro“ und versuche, schlau zu werden. Bei mir taucht als Erstes auf: „Büros im Open-Space-Stil – Glashaus fürs Büro.“ Die Lösung hatten wir auch schon ohne Google vor 40 oder 80 Jahren. Zu sehen in alten Filmen, bitte keine Nostalgie! Die weiteren Funde kann man von „Raumteiler“ bis „Akustik-Paneele“ getrost unter technische Akustik ablegen. Von seriösen Anbietern bezogen, funktionieren sie alle wie behauptet: Sie senken den Pegel des Schalls – mehr oder weniger. Hat man ein deutsches Büro nach DIN 4109 gebaut, herrscht dort ein Traumzustand mit 37 dB(A) und auch mal darunter. Was soll man denn bei der Akustik im Büro noch senken?

Der himmlische Pegel herrscht, bis man ein Fenster öffnet oder Mitarbeiter einziehen. Die tun, was dank Kollege Computer an Arbeit übrig blieb oder geschaffen wurde: sprechen – direkt oder am Telefon. Derzeit geplante Bürohäuser werden mit einer Technik ausgestattet, die von Aktenbearbeitung bis Meeting alle Aktivitäten des Büromenschen konzentriert. Gemeinsames Merkmal: sprechen. So telefoniert ein Mitarbeiter im Innendienst etwa ein Drittel seiner Zeit, was seine Kollegen von 1975 nicht mal im Außendienst schafften.

Akustik im Büro bedeutet heute „Störung der Konzentration durch Gespräche“. Die aber sind weder zu vermeiden noch zu reduzieren. Sie werden eher zunehmen. Das Gesicht der Arbeit hat sich für viele Menschen verändert und damit die Anforderungen an sie. Mit alter Medizin wird man schlecht Abhilfe schaffen können. Eher läuft einem ein Einhorn über den Weg als der Akustiker, der das Büro in eine Oase der Ruhe verwandelt.

Was tun? Die Soundlaterne, die es bis ins MoMa in New York schaffte, symbolisiert die Sinnlosigkeit einer lange gefeierten Maßnahme: Lärm mit Lärm bekämpfen. Sie gibt neben individuellem Licht – schön – auch individuelle Geräusche ab, die den Lärm maskieren sollen. Der Designer ist bestimmt nicht meinem Akustikprofessor begegnet. Dieser drohte uns mit Strafe, sollten wir jemals so etwas versuchen. Er fügte hinzu: „Selbst wenn ich dazu meine ewige Ruhe unterbrechen muss.“ Er war immerhin einer derjenigen, die die Berliner Philharmonie zu einem viel kopierten Musiktempel gestaltet hatten.

So schwer es einem fällt, es führt nichts an TOP vorbei, will man den Stress durch Lärm im Büro mindern. TOP heißt, T wie Technik, O wie Organisation und P wie Person. Was T akustisch bedeutet, machen die vielfältigen Beiträge über Büroakustik klar. Was sie nicht erklären, sind die Risiken und Nebenwirkungen. Schallschirme mit fühlbarer Wirkung verwandeln schöne Büros nicht selten in grau unterteilte Zellen und behindern Licht und Luft.

Eine Kombination aus T + P ist der Einsatz hochwertiger Headsets mit guter Geräuschunterdrückung. Als Folge der Verbesserung des Hörens spricht man automatisch leiser („Lombard-Effekt“), was beim Gesprächspartner auch eine Verringerung des Schalls bewirkt. Die Geräuschunterdrückung hat nebenbei zur Folge, dass weniger Informationen aus dem Büro nach außen getragen werden. Also aktiver Datenschutz als Zugabe!

O kann vielerlei bedeuten, so zum Beispiel:

  • Telefonkonferenzen und Teambesprechungen in separate Räume verlegen.
  • Zusatzräume („Silent Room“) zum Rückzug oder für Besprechungen bereitstellen.
  • Im Team Zeiten für konzentriertes Arbeiten vereinbaren.
  • Schutzzeiten vor eingehenden Telefonaten vorsehen.

Bei P helfen Sprechschulungen, ebenso das Erlernen von Rücksichtnahme. Und zuletzt etwas, was ich sehr ungern nenne: Eigene Geräuschtoleranz erhöhen – als Ultima Ratio. Hierfür gibt es Schulungen zur Resilienzsteigerung. Resilienz ist ein anderes Wort für sich gegen widrige Umstände behaupten. Unser täglich Brot!


Kolumnist Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.

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