Kreativzentrum in Istanbul

Kolektif House

Coworking lässt sich im Istanbuler Stadtteil Levent besichtigen: Das Kolektif House lässt Startups und Freelancern die freie Wahl zwischen Einzelzimmern, offenem Büro und festem Platz oder stundenweiser Nutzung.

Autor Achim Hartmann

Nur wenige Menschen werden sich morgens auf dem Weg ins Büro so auf ihren Arbeitsplatz freuen wie die Nutzer des Kolektif House in Istanbul. Ein solch inspirierendes Umfeld findet man selten. Das liegt zum einen an dem Gebäude und seiner Vorgeschichte: Es handelt sich um eine ehemalige Textilfabrik, in der Lochstickereien produziert wurden. Die industrielle Atmosphäre ist noch immer spürbar. Statt auf büroüblichen weißen Putz und abgehängte Rasterdecke trifft man auf rote Backsteinwände und rohen Sichtbeton, sodass die Erinnerung an die ruppige Vergangenheit der Räume stets präsent bleibt. Zum anderen dürfte auch das besondere Nutzungskonzept dazu beitragen, dass man hier gerne arbeitet.

Das Kolektif House bietet Coworking-Plätze; Freiberufler können sich hier einmieten und ihrer meist kreativen Tätigkeit nachgehen. Zu den ersten Selbstständigen, die einzogen, gehören beispielsweise ein Grafikdesigner und Illustrator und ein Unternehmen aus der Filmbranche.

Eine Vielzahl unterschiedlicher Gemeinschaftsflächen fördert Begegnungen und erleichtert den Austausch, sodass auch Einzelkämpfer ein kommunikatives Umfeld vorfinden. Die Mieter erhalten fix und fertig eingerichtete Büroflächen und können auch die Besprechungs- und Konferenzräume nutzen. Sie buchen ein Rundum-Sorglos-Paket, bei dem Dienstleistungen wie Internetzugang, Reinigungsservice und ein gemeinsames Sekretariat inbegriffen sind. Dabei haben sie die Wahl zwischen zahlreichen Optionen. So können sie eine private, abgeschlossene Büroeinheit beziehen, die je nach Geschäftserfolg wachsen oder schrumpfen kann – mit 5700 m² ist das Kolektif House groß genug, um flexibel auf wechselnden Raumbedarf seiner Nutzer reagieren zu können. Preiswerter ist es, einen oder mehrere Tische im offenen Büro zu mieten, wo man sich den Raum mit anderen teilt. Die Minimaloption schließlich besteht darin, einen Arbeitsplatz nur stundenweise anzumieten. Sie wird gerne von Freiberuflern genutzt, die viel unterwegs sind.

Feuerwerk an Ideen

Wie der Name ‚Kolektif House‘ schon andeutet, spielt der Gemeinschaftsgedanke eine wichtige Rolle. Über die reine Büronutzung hinaus wird etwa ein großes Montagsfrühstück angeboten, bei dem die Mieter zusammen in die Arbeitswoche starten können. Yogakurse und Vorträge über Unternehmensgründung werden ebenso vom Kolektif House organisiert wie Partys – vielleicht das Wichtigste für die Gemeinschaft. Auch die Gestaltung der Räume lässt gängige Bürostandards hinter sich. Sie stammt vom Innenarchitektur-Atelier Kontra.

Für die Arbeitsplätze wurde ein eigenes Möbelsystem entwickelt, das Regale, Schreibtische, Leuchten und sogar Pflanzentöpfe integriert. Ein schwarzer, gebogener Metallrahmen dient als optisch verbindendes Element. Edle, chromglänzende Eames-Stühle stehen vor ruppigem, rauem Mauerwerk, weiche Flokati-Teppiche liegen auf hartem Estrichboden. Besondere Sorgfalt erfuhren die Gemeinschaftsbereiche, jene Flächen also, die für das Entstehen eines Miteinanders am wichtigsten sind. Eine Wand aus Grobspanplatten zum Beispiel fügt sich nicht nur perfekt in die Fabrikräume ein, sondern birgt auch bequeme Sitznischen, die zu spontanen, informellen Gesprächen einladen. In den Büroküchen gibt es freien Kaffee und Tee für alle Mieter. Wer möchte, kann auch die zentrale Café-Bar besuchen.

Kolektif House vereint Gegensätze

Keiner der zwölf Besprechungsräume gleicht dem anderen, jeder erhielt ein eigenes gestalterisches Thema. So sorgen im ‚Basketball-Raum‘ Spielfeldmarkierungen und ein Wurfkorb für eine sportlich-dynamische Atmosphäre, mit den bereitliegenden Bällen lassen sich zähe Sitzungen auflockern. Im ‚Sternenzimmer‘ mag eine riesige gelbe Sternenform, die übereck mehrere Wände bedeckt, dazu beitragen, beim Brainstorming den Horizont zu erweitern. Im großen Konferenzsaal im Zentrum des Kolektif House können die Zuhörer ungezwungen auf ansteigenden Sitzstufen Platz nehmen und es sich mit den dort liegenden Kissen bequem machen.

Für die Erschließungsflächen wurden verschiedene Designer hinzugezogen, die ihre eigene Handschrift einbringen konnten. Kontra-Gründerin Gulsah Cantas bezeichnet das Projekt denn auch als „eine Gemeinschaftsarbeit“. Der Aufzug zeigt etwa ein Graffiti von Leo Lunatic, während Sinem Yildirim eine tropische Landschaft auf einige Wände malte. An einer Flurwand hängen Surfbretter und verbreiten entspannende Urlaubsatmosphäre.

All die unterschiedlichen Materialien, Farben und Raumstimmungen erzeugen zusammen eine Abwechslung, wie man sie im Verwaltungsbau nur selten antrifft. Hinter jeder Ecke gibt es etwas Neues zu entdecken. Gerade diese Vielfalt ist es, die entscheidend zur Wohlfühlatmosphäre beiträgt.

Oder, wie Cantas das Konzept des Kolektif House zusammenfasst: „Harmonie entsteht aus dem Zusammenwirken von Gegensätzlichem.“ Die teilweise etwas plakativ-verspielte Gestaltung ist vielleicht nicht jedermanns Sache, doch sie hilft, einprägsame Räume zu schaffen und dem Haus einen unverwechselbaren Charakter zu geben. Über anonyme, austauschbare Büroarchitektur kann sich hier jedenfalls niemand beklagen.

Weitere Projekte finden Sie hier


Architektin Gulsah Cantas

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Büro: Kontra

Gründung: 2009

Mitarbeiter: 10

Arbeitsgebiet: Bürogebäude

www.kontraist.com


Factsheet

Projekt: Kolektif House

Standort: Istanbul / Türkei

Bauunternehmer: Artika

Bauaufgabe: Büro

Fertigstellung: 2016

Anzahl der Stockwerke: 3

und ein Zwischengeschoss

Grundfläche: 6360 m²

Erdgeschoss: 1530 m²

Zwischengeschoss: 1360 m²

Erstes Geschoss: 1060 m²

Drittes Geschoss: 2410 m²

Materialien (Decke, Wand, Boden): Dekorputz, Parkett, Terrazzo-, Epoxidboden, Dekor-Metalldecke, Beton-, Ziegelwand, Holz-, Metallrahmen

Möbel: Spezialanfertigungen, Vitra-, Kontra-Stühle