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Dokumentation und Inszenierung

Licht für Museen
Dokumentation und Inszenierung

Es könnte so einfach sein: Mit klaren kuratorischen Vorstellungen für einen Neu- oder Umbau geht eine Museumsleitung auf Architekten, Ausstellungsdesigner und Lichtplaner zu. Im Team entsteht eine Gestaltungskonzeption, in der sichalle Elemente gegenseitig unterstützen. Doch die Praxis ist komplexer.

Geprägt ist die Praxis der Museumsplanung von einer enormen Bandbreite zwischen gegensätzlichen Polen: Vom meditativen “White Cube” für moderne Kunst bis zum von frohem Kinderkreischen erfüllten Mitmachmuseum für Naturwissenschaften und Technik. Hier die noble, auf jahrhundertelange Tradition zurückblickende Gemälde- oder Antikengalerie – dort der auftrumpfende Neubau als Vehikel des Stadt- und Regionalmarketings. Dazwischen Kuratoren, die ihre Aufgabe als Hüter von Kulturschätzen nicht mehr erfüllen könnten, böten sie nicht ein- bis zweimal pro Jahr eine besucherträchtige, spektakulär inszenierte Sonderschau zur Querfinanzierung. Und nicht zuletzt Planer, die sich über allzu lange Projektzeiträume oft mit überraschenden konzeptionellen Wendungen konfrontiert sehen.
Je langwieriger das Projekt, desto größer die Gefahr, dass die spezifizierte Beleuchtungstechnik bis zur Installation schon wieder veraltet ist – denn die Technologie schreitet unterdessen rasant fort. So wie die Szenografie der Museen zunehmend vom Einsatz elektronischer Medien, von digitalen Displays und Bildschirmen aller Formate bis hin zu interaktiven Projektionen geprägt wird, digitalisieren LED-Lichtquellen und elektronische Lichtsteueranlagen auch den Werkzeugkasten der Lichtplaner. In der modernen Tageslichttechnik vereinen sich Steuerelektronik, motorisierte Verschattungen und raffinierte optische Lichtleitsysteme, um das kostenlose und umweltfreundliche, aber in seiner ungebändigten Form für Kunstwerke toxische Sonnenlicht zu domestizieren.
Werkzeuge werden digital
Planer freuen sich über neue kreative Spielräume, die dieser Fortschritt bringt; Museumsmanager hoffen auf sinkende Betriebskosten, um ihre stets zu knappen laufenden Budgets zu entlasten. Von Berufs wegen skeptisch sind dagegen die Konservatoren, die für den Erhalt der oft unwiederbringlichen Kulturgüter zuständig sind. Auf der Höhe der LED-Welle ging 2013 der Warnruf durch die Medien: “LED-Licht zerstört Kunstwerke!” Dies stellte sich im Rückblick als Übertreibung heraus. Doch es führte dazu, dass sich Forscher intensiver mit der Schädigung von Exponaten durch Licht auseinandersetzten – und alle Beteiligten für das Thema sensibilisiert wurden. Inzwischen herrscht weitgehend Konsens darüber, dass das Licht aktueller, warmtoniger LEDs die Exponate weniger schädigt als konventionelle Lichtquellen wie Halogen- oder Leuchtstofflampen.
“Als Lichtplaner sollte man im Museum heute nicht nur mit einem kalibrierten Luxmeter, sondern ergänzend besser noch mit einem Spektralphotometer arbeiten”, berichtet Carla Wilkins,Seniorpartner im Berliner Büro Lichtvision, aus ihrer Praxis: Denn die spektrale Zusammensetzung, die bei weißen LEDs trotz gleicher Farbtemperaturangabe sehr unterschiedlich sein kann,beeinflusst nicht nur den relativen Schädigungsfaktor, sondern auch die im Museum kritische Farbwiedergabe. “Der bisher übliche Farbwiedergabeindex stößt bei LEDs an seine Grenzen”, urteilt Wilkins und verweist auf neue Entwicklungen wie das deutlich aussagekräftigere und differenziertere Farbvektor-Diagramm nach IES TM-30-15. Dass letztlich jede Art der Beleuchtung eine Belastung darstellt, aber andererseits keinerlei Präsentation ohne Licht vorstellbar ist, bleibt ein Dilemma. Die zentralen Werkzeuge LED-Beleuchtung, Tageslichttechnik und vernetzte Steuerung ermöglichen aber Kompromisse auf einem Niveau, das noch vor einem Jahrzehnt schwer vorstellbar war. Einige aktuelle Beispiele für Museumslichtkonzepte sollen diesen Stand der Technik illustrieren.
Oberlichter mit Intelligenz
Zu den Lichtplanern mit einem Tätigkeitsschwerpunkt im Bereich Museen gehört das Bonner Büro Licht Kunst Licht unter der Leitung von Andreas Schultz. Er sieht ein Dilemma derMuseumsbeleuchtung darin, dass Kuratoren oder Ausstellungsmacher in der architektonischen Planungsphase eines Museums meist noch nicht präsent sind: “Das bedeutet für uns, dass wir oft Beleuchtungen liefern müssen, die diese extreme Flexibilität mit sich bringen, für alle möglichen Ausstellungsfälle gewappnet zu sein.” Im unterirdischenErweiterungsbau für das Frankfurter Städel sind zum Beispiel die charakteristischen runden Oberlichter mit eigener, vernetzter Intelligenz versorgt: Sie umfasst die Tageslichtsteuerung mit elektromotorischer Abschattung, die Einspeisung von LED-Licht mit variabler Lichtfarbe von 2700 – 5000 Kelvin sowie die Möglichkeit, die Oberlichter entsprechend der Raumaufteilung flexibel zu gruppieren und zusätzliche Spots anzubringen.
In einem Projekt ganz anderer Dimension setzte Schultz ebenfalls auf Tageslicht. Das Kunstmuseum Ahrenshoop ist ein kleines Haus, initiiert von einem Kunstverein in der ehemaligen Künstlerkolonie in Vorpommern. Das Budget für Licht war minimal, daher plante Licht Kunst Licht rein tageslichtgeführt mit nur einer tageslichtunterstützenden Zusatzbeleuchtung: “Die Entscheidungsfindung zur Gestaltung der Oberlichter beziehungsweise der gesamten Dachstruktur ist in enger Zusammenarbeit mit den Architekten gefallen”, berichtet Schulz. “Wir haben zahlreiche Versuche gemacht, um eine optimale Oberlichtöffnung zu realisieren, die möglichst effizient möglichst viel Tageslicht einkoppelt – in bester Qualität.”
Während bei Neubauten das Ausstellungskonzept zum Zeitpunkt der Lichtplanung häufig noch offen ist, liefert das Büro Kardorff Ingenieure aus Berlin ein brillantes Beispiel für die Revitalisierung eines bestehenden Museums durch eine neue Ausstellungs- und Lichtkonzeption aus einem Guss: Das Hessische Landesmuseum Darmstadt gehört zu den ältesten öffentlichen Museen Deutschlands, von 2007 bis 2014 wurde der 1906 von Alfred Messel errichtete Bau umfassend saniert. Die Herausforderung: das Museum mit seiner Fülle an Exponaten aus 13 Abteilungen von Naturkunde bis zur bildenden Kunst als visionäres Universalmuseum in einen neuen, zeitgemäßen Kontext zu rücken. Die Planer von Kardorff arbeiteten mit flexiblen Strahlersystemen, weitgehend verdeckter Vitrinenbeleuchtung und einer Reihe von Sonderkonstruktionen, um die von der Schiel Projektgesellschaft mbH geplante Ausstellung perfekt in Szene zu setzen.
Den roten Faden schafft die durchgängige Lichtqualität mit warmweißen LEDs und einem hohen Farbwiedergabeindex  90.
Keine Selbstverständlichkeit ist es, dass ein Lichtplanungs-Team einen Museumsneubau durchgängig von der Außenanlage über die Architekturbeleuchtung bis zur Ausstellungsbeleuchtung betreuen kann – wie bei der Kasseler Grimm Welt, einem Entwurf von Kada Wittfeld, Aachen.
Den Brotkrumen nach
Das Museum vereint in seinem kuratorischen Konzept so unterschiedliche Elemente wie Erlebniswelten, historische Exponate und zeitgenössische Kunst: “Jeder Bereich hat einen eigenen Charakter mit besonderen Lichtqualitäten, die miteinander korrespondieren”, erklärt die Lichtplanerin und Projektleiterin im Berliner Büro Lichtvision, Ulrike Link. Aber nicht nur gestalterisch, sondern auch technisch behielt sie stets das große Ganze im Blick: “Durch die enge Zusammenarbeit mit Holzer Kobler Architekturen als Ausstellungsgestalter konnten wir die technischen Komponenten der Beleuchtung wie zum Beispiel Stromschienen so verorten, dass sie einen Bestandteil der räumlichen Gestaltungsidee bilden.” Jetzt werden die Exponate individuell abgestimmt von LED-Stromschienenstrahlern inszeniert, in den öffentlichen Bereichen des Museums unterstreichen lineare Lichtelemente den Fluss der Räume. Märchenhafte Motive ziehen sich bis in den Außenraum, wo farbig inszenierte alte Bäume und eine punktuelle Wegebeleuchtung das Thema der Grimm Welt aufnehmen.
Autor: Martin Krautter
Fotos: Volker Kreidler (vk), Lichtvision (lv), Stefan Josef Müller (sm)
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