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VUCA Welt – neuer Trend

Verschiedene Wege zur Transformation
VUCA Welt – neuer Trend

VUCA
Muss man in der Zukunft Komplexität beherrschen, weil wichtige Sachverhalte mehrdeutig daherkommen? Begriffe wie VUCA legen das nahe. Foto: Wright Studio – stock.adobe.com
In der digitalen Welt geistern regelmäßig Modebegriffe durch die Gegend. Derzeit ist es VUCA. Anstatt Unternehmen in Begriffsraster zu zwängen, sollten diese lieber ihren eigenen Weg der Transformation finden und gehen.

Autor Ahmet Çakir

In meinen winzigen Büchern mit dem Titel „Klein aber gemein“ lauern Sprüche wie „Wer die Dinge benennt, beherrscht sie. Definitionen schaffen ‚Realitäten‘. Oder „Wer die Bilder setzt, hat die Macht.“

Gilt das auch für die Protagonisten der Digitalisierung? Benennen Sie die Dinge richtig? Zweifel seien erlaubt: Einer Bitkom-Studie zufolge verstehen 62 Prozent aller Unternehmen unter Digitalisierung die von Papierakten. 65 Prozent sehen darin eine Unterstützung von Geschäftsprozessen. Die Studie ist nicht von 1988, sondern von 2018. Doch ich fühle mich nach vorgestern versetzt. Eigentlich sollen wir an übermorgen denken.

Digitale Transformation

Das tun viele innovative Vordenker und entwickeln die dazu nötigen Begriffe. So will jemand Betriebe in die Welt des VUCA führen. Ob diese folgen, wenn sie erfahren, was hinter dem Kürzel steht? V wie Volatility, U wie Uncertainty, also Ungewissheit, C wie Complexity und A wie Ambiguity, also Mehrdeutigkeit.

Digitale Transformation – Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, in der man Komplexität beherrschen muss, weil wichtige Sachverhalte mehrdeutig daherkommen?

Wenn „mehrdeutig“ das Schlimmste wäre! Ich lese, dass ich mich als Unternehmer in ein Reallabor begeben und Nachhaltigkeitstransformation betreiben muss. Wichtig dabei – „Empowerment von Change Agents und Capacity Building“. Am Ende wäre meine Firma ein „Cognitive Enterprise“. Sehen so Realitäten aus, die man neu definiert? Ist VUCA das Mittel der Wahl?

So sehr man Verständnis für Betriebe entwickeln muss, die von solchen Darstellungen abgeschreckt werden, besser wären wir dran, wenn wir uns an unternehmerische Tugenden erinnern. Vollkaskomentalität galt nie als solche. Und das Denglische müssen wir leider hinnehmen, weil wir es versäumt haben, wichtige Dinge selbst zu benennen und die Bilder zu setzen.

Als das Geschäft noch EDV hieß, war das „Leitbild“ der Zug. Sprang man rechtzeitig auf, war man dabei. Ansonsten wurde man Nachzügler mit ungewissen Aussichten. Den Charakter des Reallabors hat der Hersteller indes verschwiegen. Den betrieb er ohne Wissen des Kunden beim Kunden.

Dieser bediente sich nicht selten des Bilds der Bombe. In den 1970ern sollte die EDV wie eine Bombe alles Überkommene zerstören, auf dass sich das Unternehmen neu aufstelle. Ein Jahrzehnt später herrschte das Bild des Chips. Mächtig wie undurchschaubar. Die Anwendungswelt trug den Herstellernamen wie DEC-oder IBM-Welt. Dieser zeigte einem, wo es hingeht. Wichtige Projekte hießen Leuchtturm.

Ist VUCA das Mittel der Wahl?

Wo steht der Leuchtturm für die digitale Transformation? Bevor einer sucht, schnell die Antwort: nirgendwo. Oder hier: Die Vergangenheit liefert keine Blaupausen für die nächsten Jahre, geschweige denn für die Zukunft. Dass die üblichen Verdächtigen, Hersteller und Berater, versuchen, Ziele vorzugeben, darf man ruhig übersehen.

Etwa diesen Rat: „Machen Sie jeden Bereich Ihres Unternehmens skalierbar, schnell und flexibel, beginnend mit der Plattform.“ Oder: „Integrieren Sie maschinelle und menschliche Intelligenz in Ihre kundenorientierten Workflows.“ Markante Exemplare für lingua blablativa. Jeder scharf profilierte Bedenkenträger kann zu jedem Vorschlag ein Totschlagbeispiel vergangener Jahre präsentieren. Womit er sogar häufig Recht hätte.

Die Politik hat die richtige Konsequenz gezogen und bietet nicht Ziele an, sondern Wege zu eigenen Zielen. Das trägt dem unterschiedlichen Entwicklungsstand der Unternehmen Rechnung. Wo einer hin will, hat es sich der andere längst gemütlich gemacht und strebt andere Ziele an.

Für alle gilt aber die wegbegleitende Weisheit: Digitale Transformation ist kein IT-Projekt, sondern Mannschaftssport. Es geht um Arbeit und Wirtschaftsentwicklung.

Die Reallabore haben je nach Ministerium unterschiedliche Namen. Beim Arbeitsminister heißen sie Lern- und Experimentierräume.

Initiative Neue Qualität der Arbeit

Am 29. November 2018 gab es den Startschuss für 17 Experimentierräume, die im Rahmen der BMAS-Förderrichtlinie „Zukunftsfähige Unternehmen und Verwaltungen im digitalen Wandel“ unter dem Dach der Initiative Neue Qualität der Arbeit  (INQA) neue Arbeitsmodelle erproben.

Auch wenn mir INQA näher am Herzen liegt, finde ich den Ansatz vom Wirtschaftsminister noch interessanter. Seine Reallabore heißen „Testräume für Innovation und Regulierung“. Der Name steht für einen dringend benötigten Mentalitätswechsel: Neue Ideen und Geschäftsmodelle sollen nicht zuerst auf Bürokratie und Bedenken stoßen, sondern auf Neugierde und Freiräume. Betriebe sollen nicht erfahren, wo es hin geht, sondern wie man seinen  – eigenen – Weg findet.

Möglicherweise haben die Politiker doch einige Leuchttürme aufgestellt. Allein der Begriff Reallabor hat es in sich. Er bedeutet, dass die Zukunft nicht kommt, sondern erarbeitet wird. Welche man auch erarbeitet, es geht immer um die Entwicklung menschlicher Arbeit.


Kolumnist Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.

Zur Website von Ahmet Çakir

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