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Kunststoff formen – ein Besuch in der Designfabrik von BASF - md-mag

Zwanzig Materialien – ein Stuhl
Kunststoff formen

Wie Kunststoff unser Bild der Welt prägt: Beim Besuch der BASF-Designfabrik in Ludwigshafen erklärt Alex Horisberger wie Bedürfnisse in Materialien umgesetzt werden und gewährt einen Blick in das aktuelle Trendbuch.

Autor Oliver Herwig

BASF, das ist nicht nur der Chemiegigant in Ludwigshafen, das ist einer der großen Player modernen Designs. Ob Handy, Datenträger oder Kleidung, es gibt wenig, das nicht von Kunststoffen profitiert oder aus ihnen besteht. Dementsprechend gibt es kaum Gestalter, die nicht schon mal an ein Produkt aus oder mit Kunststoffen dachten. Die Welt der Duroplaste, Thermoplaste und Elastomere ist riesig. Sie begann einmal bei Bakelit und Zelluloid, expandierte über Nylon, PVC, Polypropylen und Polycarbonat zu einem ganzen Kosmos künstlicher Stoffe, die mit Additiven (Weichmachern, Stabilisatoren, Farbmitteln und Füllstoffen) genau auf einen bestimmten Einsatz maßgeschneidert werden.

In dieser Doping-Abteilung für Materialien arbeitet Eva Hoefli. Die Designerin mit dem gewinnenden Lächeln bietet Orientierung bei den vielen Anfragen an das Designlabor der BASF. Was 2006 mit der Farbberatung für Kunststoffe begann, hat sich unter Leitung von Andreas Mägerlein zu einer Informationsplattform für Firmen und Gestalter entwickelt. „Wir inspirieren, wir beraten“, erklärt die Kommunikationsdesignerin, die sich auf Objekt- und Raumdesign spezialisiert hat. „Es ist am besten, wenn Designer direkt mit einem Entwurf kommen“, rät Hoefli, die an Lösungen für konkrete Probleme arbeitet. Strikt neutral, wie sie betont. „Das ist ja das Schöne. Wir sind kein Design-Hersteller, daher besteht keine Gefahr, dass wir etwas Eigenes mit dem Entwurf anfangen.“ Klassisches Win-Win also. Gestalter erhalten vertiefte Informationen, und der Hersteller Zugang zu Trends und Multiplikatoren, die seine Kunststoffe in Form bringen.

Kunststoff vermarkten

Um Materialien zu promoten, hat BASF Grenzen überwunden. Etwa 2008 mit Konstantin Grcics „Myto“ – einem faszinierenden Freischwinger aus Kunststoff mit einer ebenso faszinierenden Vermarktungsgeschichte. Was damals mit der unaussprechlichen Bezeichnung „Polybutylenterephthalat“, kurz PBT (von BASF genial als Ultradur High Speed vermarktet) anonym in Cockpits von Automobilen zum Einsatz kam, erhielt durch Grcic plötzlich ein Gesicht. Mehr noch: mediale Aufmerksamkeit, die kein noch so leicht fließender technischer Kunststoff je erhalten hätte. Keine Frage: Der Chemieriese hatte einen medialen Coup gelandet und schuf eine geniale Vermarktungsplattform. Acht Jahre später, im Oktober 2016, folgte der „TeamUP Chair“, entstanden in „Co-Creation von BASF, ITO Design und Interstuhl.“ Statt einem einzigen Werkstoff zeigte der Bürostuhl mit den charakteristischen Flatterohren, wie fast 20 Materialien der BASF zum Einsatz kamen, von den Kufen bis hin zu den Polstern: „Bestehend aus einer Kombination aus Ultramid und Ultraform sorgen die Räder für optimale Gleit-Reibeigenschaften. Die zusätzliche Ummantelung mit dem Polyurethan-Gießelastomer Elasturan optimiert die Griffigkeit der Räder für eine Vielzahl von Bodenbelägen“, heißt es in dem technischen Beiblatt. Eine Milliarde Elefanten. Oder 822 000-mal der Eiffelturm. Das wäre nach Berechnungen von Forschern der University of Georgia etwa das Äquivalent zu den rund 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff weltweit.

Das Überraschende: Fast die Hälfte der Produktion fiel erst im letzten Jahrzehnt an. Plaste und Elaste sind ein Wachstumsbereich. Experten wie Reinhold Lang, Leiter des Institute of Polymeric Materials and Testing der Universität Linz, sagen auch warum: „Das Leistungsniveau der modernen Kunststoffe sei mit anderen Werkstoffen nicht mehr zu überbieten“, zitiert das ORF den Forscher. Das ganze Drama der Moderne entfaltet sich zwischen zwei Worten und der feinen Unterscheidung: Kunststoff oder Plastik? Letzteres bezeichnet die Geschichte billiger Produktion und schnell hingeworfener Produkte, mithin die Geschichte unserer eigenen Konsumkultur, die Dinge verschleißt. Kunststoff bezeichnet hingegen die Geschichte der Wertschätzung für ein Material, das sich wie kaum ein anderes formen lässt und daher geradezu ideal erscheint für Industriedesigner und Industrien, die den schnellen Wandel von Gestalt und Farbgebung zum Daseinszweck erhoben haben.

Für einen Putzeimer gebe es kein besseres Material als Kunststoff, behauptete Konstantin Grcic einmal und machte sich mit dem Myto an die Königsdisziplin der Designer: einen Stuhl. Doch wie steht es mit den vielen anderen möglichen Produkten, die es zu entwickeln gilt? Da hilft das Trendbuch der Designfabrik.

Inspirationsquelle

Ja, das Trendbuch geht in die zweite Runde. Alex Horisberger betreut
es. Die Studie sei bewusst „exklusiv gehalten“, erklärt der Senior Design Consultant der BASF, der zuvor bei Adidas, Fila und Puma gearbeitet hatte. Interessenten aus der (Automobil-) Industrie erhalten sie während eines persönlichen Besuchs in Ludwigshafen. Dazu verspricht Horisberger „eine inspirierende Show“ von etwa anderthalb Stunden. Denn der Industriedesigner möchte eine „längerfristige Beziehung aufbauen“ – gerne auch zu jungen Designern. „Wir wollen alle Märkte ansprechen, weil fast die ganze Welt Kunde ist.“ Gleich, ob Handy, Schuhe oder Automobil – Stoffe der BASF sind schließlich fast überall enthalten. Gerade im Konsumgütermarkt geht es um Trends, und die Fähigkeit, diese schnell abzubilden. „Wir brauchen den Input junger Konsumenten“, weiß Alex Horisberger, „den Austausch mit den Kreativen.“

Einen Schwerpunkt bildet der Partikelschaum Ecovio, der sich industriell kompostieren lässt, das heißt, unter genau definierten Bedingungen in einer Anlage. Der braune Kunststoff ist mit einem Pigment eingefärbt, das Bakterien Appetit auf das Material macht. Die Farbe ist also nicht ein Stück Greenwashing, um durch braune oder grüne Töne Ökologie vorzutäuschen, er ist eine echte Innovation. Diese könnte für die Verpackungsindustrie von Interesse sein, mutmaßt Horisberger und spekuliert: Sitze in einem Open-Air-Kino könne er sich da gut vorstellen, Hocker aus Partikelschaum, die nach ein paar Wochen (und einigen Regengüssen sowie Dellen) ebenso verschwunden sind wie die Sommerstimmung. Sie werden einfach in die braune Tonne gepackt. „No-Trace“ heißt das Prinzip, der Versuch, weniger Spuren zu hinterlassen.

Umwelt und Konsum

Muss es eigentlich Braun sein? Könnte man auch ein CI-Gelb versuchen? Horisberger seufzt. Natürlich sei das möglich, aber eben nicht sehr sinnvoll. Aber ab größeren Mengen, so etwa 30 t, gingen sie auf Spezialwünsche ein, schließlich müssten die Produktionsanlagen von der Spezialfarbe gereinigt werden. „Wir sind nur ein Rohmateriallieferant, immer auf der Suche nach Innovationen“, sagt Horisberger fast bescheiden, „aber einer mit großer Kompetenz in bioabbaubaren Kunststoffen.“

Vielleicht ist ein Wandel auch bei der BASF auszumachen. Der Erfolg ihrer Produkte jedenfalls wird da philosophisch betrachtet: „Auch Materialien müssen neu gedacht werden, sich anpassen und eventuell wieder komplett verschwinden. Vollständig abbaubare Schaumstoffe eröffnen kreative Möglichkeiten mit der Vergänglichkeit umzugehen und dem Werteempfinden eine neue Komponente zu geben. Ist (hoch)wertig das, was bleibt oder das, was vollständig verschwinden wird?“ Doch dann folgt, wieder technisch-exakt die Erklärung des Partikelschaums Ecovio EA: „Seine Vorteile sind die überwiegend biobasierte Zusammensetzung und zertifizierte Kompostierbarkeit.“ Immerhin ist das expandierbare Granulat „ebenso belastbar und robust in der Anwendung wie das aus konventionellem Kunststoff. Der Schaumstoff wurde so entwickelt, dass er sich nach Gebrauch in wenigen Wochen im industriellen Kompost biologisch abbaut.“ Plastik – oder Kunststoff, das ist hier letztendlich keine Frage mehr, das löst sich schließlich einfach auf.

https://www.md-mag.com/interior-architecture/fachbeitraege/material/textilbeton-vor-weiteren-zulassungen/

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