Drei-Generationen-Wohnhaus

Caring Wood

Wir laden Sie ein ins ländliche England, in die Grafschaft Kent. Dorthin, wo der Brexit mehr Anhänger hat als in der Metropole London. Wie leben die Menschen, die Europa ins Wanken bringen? Unser Autor formuliert eine gewagte These.

Autor Rolf Mauer

Das ländliche England kann wunderbar sein. Herrliche Hügellandschaften garniert mit schroffen Felsküsten, ausgedehnte Moore mit endlosen Horizonten. Karibisch anmutende Sandstrände mit englischem Küstenwetter, das so unberechenbar ist, dass man selbst bei strahlendem Sonnenschein den Schirm nie vergisst. Keine Grafschaft in England ist Europa näher als Kent. Hier kommt der Eurotunnel an, der die Insel mit Frankreich verbindet. Bei gutem Wetter kann man von Dover aus das Festland sehen und dieser Blick nach Europa muss furchtbar sein. Fast 60 Prozent der Menschen in Kent haben sich für den Brexit entschieden.

Was das mit Architektur zu tun hat? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten Blick durchaus etwas, denn wir stellen hier ein besonderes Gebäude vor, das in seinem innersten viel Platz für Trennendes schafft. Die Planer James Macdonald Wright (von Macdonald Wright Architects) und Niall Maxwell (vom Rural Office for Architecture) entwarfen auf einem Grundstück von sagenhaften 33 ha Größe mit dem Projekt ‚Caring Wood‘ ein Drei-Generationen-Wohnhaus mit nicht unbescheidenen 1450 m2 Wohnfläche. Selbst der englischen Tageszeitung The Guardian hat das gefallen, diese feiert ‚Caring Wood‘ als „rebirth of the english country house“.

Schwerpunkt der md ist die Innenarchitektur. Aber wo fängt bei diesem gewaltigen Bau „innen“ an, wenn man weiß, dass zum Architekturauftrag die Zufahrtsstraßen gehören, ebenso wie Steinbrucharbeiten (!), die Anlage eines Sees und die Anpflanzung eines Waldes mit 25 000 einheimischen Bäumen, mit weiteren 500 Kirschbäumen sowie 5 ha Wildblumenwiese? Kann man bei einer solchen Bauaufgabe den Fokus nur auf die Innenräume fokussieren?

Die Architekturidee haben uns die Planer in folgenden Worten skizziert: Auf einer Fläche von 33 ha sollte der Geist des englischen Landhauses und Landsitzes in einem Design verkörpert werden, das seinen Kontext und seine Landschaft einbezieht und gleichzeitig eine klimaneutrale Antwort auf den Klimawandel bietet.

„Vom Hügel sein“

Macdonald Wrights Arbeit zielt nach eigener Aussage darauf ab, kontemplative Räume zu schaffen, die beruhigen und frei von Ablenkung sind. Einfachheit bringt Klarheit in die gebaute Umwelt. Form, Raum und Ordnung gelten dem Architektenduo als wichtige Aspekte. Einfachheit, wenn sie erfolgreich sein soll, kann, laut Macdonald Wright, nicht ohne obsessive Liebe zum Detail erreicht werden. Diese Räume, die sehr spannend sind, resultieren nur auf den ersten Blick aus den Dachformen. In Wirklichkeit sind sie ein Resultat der Landschaft. James Macdonald Wright und Niall Maxwell arbeiteten nach dem Grundsatz von Frank Lloyd Wright, das kein Haus jemals auf einem Hügel sein sollte, sondern „vom Hügel sein“.

Das Haus wächst folglich aus seiner Hanglage und erscheint aus der Ferne wie aus schroffen Felsnadeln gemacht, die die Witterung in jahrtausendelanger Arbeit freigelegt hat. Belegt sind die Dachspitzen mit 150 000 handgefertigten Tonplatten aus Sussex auf einer Holzfaserdämmung. So ist es zuletzt die Landschaft, die den gewaltigen Raum über der zentralen Treppe entstehen lässt und die gesamte Innenarchitektur dominiert. Macdonald Wright glaubt an einen nachhaltigen Ansatz in der Architektur, indem er inspirierende Räume schafft. Der Innenhof wurde als kontemplativer „Himmelsraum“ gestaltet. Er ist ein Kontrapunkt zu den Aussichten über das umliegende Land und gleichzeitig ein versteckter Ort, komplett abgesperrt vom Rest des Gebäudes und der Landschaft. Drei Generationen leben gemeinsam in diesem Gebäude und müssen sich angesichts der Dimensionen nie zu nahekommen, denn die vielen Schlaf- und Wohnräume sind in großem Abstand zueinander platziert. Angesichts der Leidenschaft der Bauherren für Musik und Kunst fand man auch Platz für einen Kunst- und Musikraum, der 50 Gästen Platz bietet.

Erschliessung auf Abstand

Es sind die inneren Wege, die am meisten beeindrucken. Sie sind verschroben, verwirrend und wirken mit ihrer gewaltigen Kubatur beinahe wie ein Außenraum. Sie sollen die Familienmitglieder nicht in kürzester Distanz verbinden, sondern wirken auf subtile Art trennend. Die innere Erschließung hält die Familie auf Abstand. Und hier schließt sich der eingangs gezogene Kreis. An der Innenarchitektur in diesem beeindruckenden englischen Landhaus lässt sich ablesen, wie man mit Leidenschaft generationenübergreifend zusammenwohnt, aber gleichzeitig räumliche Distanz liebt. Ist es nicht eine solche Haltung, die den Brexit zum Resultat hat? Bereitschaft zur Gemeinsamkeit, gerne auch über Generationen hinweg, aber bitte nur mit Distanz? Was meinen Sie?


Die Architekten James Macdonald Wright (oben) von Macdonald Wright Architects und Niall Maxwell vom Rural Office for Architecture sind auf NiedrigenergieWohnhäuser und Landschaftsarchitektur spezialisiert.
www. macdonaldwright.com

Portraits: ©Macdonald Wright Architects + Rural Office for Architecture
Portraits: ©Macdonald Wright Architects + Rural Office for Architecture

Factsheet

Projekt: Caring Wood

Standort: Kent / UK

Bauherr: Privat

Bauaufgabe: Mehrgenerationenhaus

Fertigstellung: Dezember 2016

Grundstücksgröße: 33 ha

Geschosse: 3

Nutz-/Wohnfläche: 1450 m²

Materialien (Decke, Wand, Boden):

Dachkonstruktion Brettschichtholz/Leimbinder; Dachziegel Ton; Bodenfliesen Terrakotta; Akustikdecken Gipskarton und gemauerte Wände

Innen- und Außenhof in einer Wandverkleidung aus Edelkastanie

Einrichtung/Sanitär/Beleuchtung/Hauskommunikation:

Leuchten Whitegoods www.whitegoods.com, Strahler Feilo Sylvania www.feilosylvania.com/en-gb/;

Schaltertechnik Gira www.gira.com;

WCs Toto http://gb.toto.com;

Bäder Bette www.bette.de/en;

Sanitärausstattung Villeroy & Boch www.villeroy-boch.co.uk; Küche John Ladbury www.johnladbury.co;

Bodenfliesen Robus ceramics www.robusceramics.co.uk; Fenster Internorm www.internorm.com/uk-en/products/studio- windows-doors.html


Multigeneration house in Kent/UK

Together from a distance

Welcome to rural England, to the County of Kent, to where there are more Brexiteers than in the sprawling city of London. How do those who have rocked the European boat live? Our author suggests a daring hypothesis.

Author: Rolf Mauer

Rural England can be marvelous. Splendid rolling countryside adorned with craggy, cliff-lined coasts and extensive moorland with infinite horizons. Sandy beaches reminiscent if the Caribbean with British coastal weather which is so unpredictable that you never forget to take your umbrella even in brilliant sunshine.

No county in the UK is closer to the European continent than Kent. This is the location of the Eurotunnel terminal, the tunnel connecting the British Isles to France. In good weather, the European continent is visible from Dover and this view of Europe must be a formidable one since almost 60 percent of Kent‘s voters opted in favor of Brexit. What has this to do with architecture? Nothing at first glance, but look again and it certainly does because we are presenting a special building which creates a great deal of space for division at its innermost heart.

In the ‘Caring Wood’ project, designers James Macdonald Wright (of Macdonald Wright Architects) and Niall Maxwell (of the Rural Office for Architecture) designed a three-generation house with a not exactly modest living area of 1,450 m2 on a plot with an unbelievable size of 33 hectares. Even the Guardian, the British daily newspaper, liked it: it fetes ‘Caring Wood’ as the “rebirth of the English country house”.

The focus of md is interior design. But with this monumental building, where does “interior” start if you know that the architectural brief includes the access roads in addition to the quarrying work (!), creating a pond and planting a wood with 25,000 native trees, a further 500 cherry trees and 5 hectares of wild flower meadow? In view of a construction brief like this, is it possible to focus only on the interior rooms and spaces?

The designers outlined the architectural idea to us as follows: The spirit of the English country house and country estate was to be embodied in a design which embraces its context and its landscape and, at the same time, offers a carbon-neutral response to climate change, on an area of 33 hectares.

“Of the hill”

As they say themselves, Macdonald Wright‘s work is aimed at creating contemplative spaces which have a calming effect and which are free of distractions. Simplicity brings clarity into the built environment. The two architects consider form, space and order to be important aspects. According to Macdonald Wright, simplicity, if it is to be a success, cannot be achieved without obsessive love of detail. These spaces which are very fascinating result from the styles of roof only at first glance. In reality, they are a result of the landscape. James Macdonald Wright and Niall Maxwell worked on the basis of Frank Lloyd Wright‘s principle, which is that no house should ever be on a hill but should be “of the hill.”

Consequently, the house grows from its hillside location and, from a distance, looks like it is made of craggy rock needles which the weather has exposed over thousands of years. The rooftops are covered with 150,000 handmade peg tiles from Sussex on wood-fiber insulation. So it is ultimately the landscape which gives rise to the monumental space above the central staircase and dominates the entire interior design. Macdonald Wright believes in a sustainable approach in architecture by creating inspirational spaces. The inner courtyard was designed as a contemplative “skyspace”. It is a counterpoint to the views over the surrounding land and, at the same time, a hidden spot, completely shut off from the rest of the building and landscape. Three generations live together in this building and don‘t ever have cause to come too close in view of the size, since the many bedrooms and living rooms are spaced well apart. Given the clients‘ twin passions of music and art, space was also found for an art and music room to accommodate 50 guests.

Development from a distance

It is the interior routes that are the most impressive. They are both eccentric and puzzling, and they look more like an outdoor space owing to their monumental cubage. They are not intended to connect the family members over the shortest distance but, rather, they have a dividing effect in a subtle way. Development in the interior keeps the family at a distance. And now we have come full circle to where we started. The interior design in this impressive English country house betrays the passion with which the occupants live together in the same house with other generations but, at the same time, how they like to keep their distance. Isn‘t it an attitude like this which led to the Brexit vote? Willingness to act together? – yes, and even together with other generations. But only from a distance please? What‘s your opinion?

The architects James Macdonald Wright (top) of Macdonald Wright Architects and Niall Maxwell of the Rural Office for Architecture specialize in low-energy houses and landscape architecture. www.macdonaldwright.com

FACT SHEET

Project: Caring Wood

Location: Kent/UK

Client: Private

Task: Multigeneration house

Completion: December 2016

Plot size: 33 hectares

Stories: 3

Floor area/living area: 1,450 m²

Materials (ceiling, wall, floor): Glue-laminated wood/gluelam roof structure; peg roof tiles; terracotta floor tiles; gypsum plasterboard acoustic ceilings and masonry walls

Inner and outer courtyard with a high-grade chestnut wall cladding

Furnishing/plumbing/lighting/building communication:

Whitegoods light fixtures, www.whitegoods.com; Feilo Sylvania spotlights, www.feilosylvania.com/en-gb/;

Gira switch systems, www.gira.com;

Toto toilets, http://gb.toto.com;

Bette baths, www.bette.de/en;

Villeroy & Boch ceramic bathroom fittings and fixtures, www.villeroy-boch.co.uk; John Ladbury kitchen, www.johnladbury.co; Robus ceramics floor tiles, www.robusceramics.co.uk; Internorm windows, www.internorm.com/uk-en/products/studio-windows-doors.html